Bestand

Handakten Alfred Marx, Landgerichtspräsident (Bestand)

Überlieferungsgeschichte
Alfred Marx (1899-1988)
Alfred Marx wurde am 15. Januar 1899 in Cannstatt als jüngster Sohn des Fabrikanten Eduard Marx (1854 - 1904) und seiner Ehefrau Babette, geb. Rothschild (1865 - 1942) in Cannstatt geboren. Alfred Marx erhielt als Sohn einer akkulturierten jüdischen Familie eine humanistische Schulbildung, besuchte das humanistische Gymnasium in Cannstatt von 1908 bis 1917 und bestand dort die Notreifeprüfung. Anschließend wurde er wie sein älterer Bruder zum Militär eingezogen und machte im letzten Kriegsjahr noch Feldzüge in Flandern und Frankreich mit (vgl. Bestand J 175 Nr. 1161). Ab 1919 studierte er Rechtswissenschaft an der Universität Tübingen sowie an den Universitäten Freiburg und München. Im Herbst 1922 legte er die erste höherer Justizdienstprüfung in Tübingen, im Frühjahr 1925 die zweite Staatsprüfung ab. Danach arbeitete er im Justizdienst als Assessor, dann seit 1928 als Amtsrichter an verschiedenen Gerichten in Württemberg. Er heiratete am 2. November 1929 Johanna Eckstein, Tochter des in Darmstadt lebenden Amtsgerichtsrats Ernst Eckstein. Im Jahr 1935 wurde er aufgrund der Nürnbergergesetze aus dem Justizdienst entlassen und arbeitete in der der Familie gehörenden Firma Mechanische Gurten- und Bandweberei B. Gutmann & Marx in Neuffen im kaufmännischen Bereich. Nach dem Verkauf der Firma Ende 1938 arbeitete Alfred Marx seit Anfang 1939 in der Jüdischen Auswanderer- und Mittelstelle für Württemberg und Hohenzollern in Stuttgart, deren Leiter er seit Herbst 1940 war. Im Sommer 1943 wurde die Württembergische Kultusvereinigung und mit ihr die Stelle aufgelöst, Alfred Marx wurde Mitarbeiter der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland als Vertrauensmann für Württemberg und Hohenzollern. Kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs, im Februar 1945 wurde er von Stuttgart in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert und dort im Juni 1945 befreit.
Alfred Marx kehrte rasch nach Stuttgart zurück und war seit September 1945 als Landgerichtsrat in Stuttgart tätig. Im August 1946 wechselte er in das Befreiungsministerium als Sachbearbeiter in der Rechtsabteilung. Von November bis Februar 1947 war er Mitarbeiter des Anklägers beim Spruchkammerverfahren gegen den ehemaligen Reichsbankpräsidenten und Hitlers ersten Wirtschaftsminister Hjalmar Schacht. Bis April 1948 fungierte er dann als Öffentlicher Kläger bei Spruchkammerverfahren. Im Mai 1948 kehrte Alfred Marx in den Zuständigkeitsbereich des Justizministeriums zurück und arbeitete bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1964 als Richter am Landgericht in Stuttgart. Seinen Lebensabend verbrachte er in Stuttgart, wo er im Alter von 89 Jahren am 28. Juli 1988 verschied. Sein Grab befindet sich auf dem jüdischen Friedhof in Cannstatt.
Inhalt und Bewertung
Die Unterlagen, die in dem Bestand aufbewahrt werden, berichten nur wenig vom Leben Alfred Marx, vielmehr spiegeln sie seine Tätigkeit als Kläger und Ermittler bei Spruchkammerverfahren und seine Funktion als Zeitzeuge wider. Der Bestand enthält im ersten Teil vor allem Abschriften und Kopien von Erlassen, Verfügungen, Dokumenten, die die Verfolgung jüdischer Mitbürger besonders in Württemberg während der NS-Diktatur belegen, sowie Namenslisten von in einzelnen Orten wohnhaft gewesen Juden. Daneben finden sich Unterlagen aus Wiedergutmachungs- und Rückerstattungsverfahren aus der Nachkriegszeit. Interessant sind die Akten des Verfahrens gegen den Polizeiinspektor Willi Egle aus Heilbronn, die einen tiefen Einblick in die Organisation und Willkür der Judendeportationen aus dem Kreis Heilbronn im Jahr 1942 geben. Erschütternde Dokumente über das Schicksal jüdischer Bewohner nordwürttembergischer Gemeinden sind im Abschnitt "Deportation der Juden" vereint.
Der letzte Abschnitt umfasst umfangreiche Unterlagen der Gemeinde Talheim im Kreis Heilbronn. Akten der Gemeinderegistratur, die vor allem die jüdischen Einwohner Talheims betrafen, gelangten in die Handakten von Alfred Marx. Sie spiegeln ihre Verfolgung, Diskriminierung und Ausbeutung durch staatliche und kommunale Stellen aber auch durch die "arischen" Gemeindemitglieder wider.

1. Zur Biographie von Alfred Marx: Alfred Marx wurde am 15. Januar 1899 in Cannstatt als jüngster Sohn des Fabrikanten Eduard Marx (1854 - 1904) und seiner Ehefrau Babette, geb. Rothschild (1865 - 1942) in Cannstatt geboren. Sein Vater war Teilhaber der Firma Gutmann-Marx, Gurten- und Bandweberei in Cannstatt mit einer Filiale in Neuffen. Der Vater starb bereits mit 49 Jahren am 16.02.1904 in Stuttgart. Alfred Marx älterer Bruder Leopold Marx (1889 - 1983) übernahm im Jahr 1909 zusammen mit der Mutter die Firma. Leopold war als Dichter mit Hermann Hesse befreundet und gründete 1926 unter Mitwirkung des jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber zusammen mit anderen das "Jüdische Lehrhaus" in Stuttgart. Im Jahr 1938 wurde er ins KZ Dachau eingeliefert. 1939 emigriert er nach Shavei Zion (Israel), wo er 1983 starb. Leopold Marx schrieb zeitlebens in deutscher Sprache. Die Mutter blieb in Deutschland, wurde nach Dellmensingen evakuiert und am 22. August 1942 nach Theresienstadt deportiert, wo sie am 14. Oktober 1942 starb. Alfred Marx erhielt als Sohn einer akkulturierten jüdischen Familie eine humanistische Schulbildung, besuchte das humanistische Gymnasium in Cannstatt von 1908 bis 1917 und bestand dort die Notreifeprüfung. Anschließend wurde er wie sein älterer Bruder zum Militär eingezogen und machte im letzten Kriegsjahr noch Feldzüge in Flandern und Frankreich mit. Ab 1919 studierte er Rechtswissenschaft an der Universität Tübingen sowie an den Universitäten Freiburg und München. Im Herbst 1922 legte er die erste höherer Justizdienstprüfung in Tübingen, im Frühjahr 1925 die zweite Staatsprüfung ab. Danach arbeitete er im Justizdienst als Assessor, dann seit 1928 als Amtsrichter an verschiedenen Gerichten in Württemberg. Er heiratete am 2. November 1929 Johanna Eckstein, Tochter des in Darmstadt lebenden Amtsgerichtsrats Ernst Eckstein. Im Jahr 1935 wurde er aufgrund der Nürnbergergesetze aus dem Justizdienst entlassen und arbeitete in der der Familie gehörenden Firma Mechanische Gurten- und Bandweberei B. Gutmann & Marx in Neuffen im kaufmännischen Bereich. Nach dem Verkauf der Firma Ende 1938 arbeitete Alfred Marx seit Anfang 1939 in der Jüdischen Auswanderer- und Mittelstelle für Württemberg und Hohenzollern in Stuttgart, deren Leiter er seit Herbst 1940 war. Im Sommer 1943 wurde die Württembergische Kultusvereinigung und mit ihr die Stelle aufgelöst, Alfred Marx wurde Mitarbeiter der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland als Vertrauensmann für Württemberg und Hohenzollern. Kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs, im Februar 1945 wurde er von Stuttgart in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert und dort im Juni 1945 befreit. Alfred Marx kehrte rasch nach Stuttgart zurück und war seit September 1945 als Landgerichtsrat in Stuttgart tätig. Im August 1946 wechselte er in das Befreiungsministerium als Sachbearbeiter in der Rechtsabteilung. Von November bis Februar 1947 war er Mitarbeiter des Anklägers beim Spruchkammerverfahren gegen den ehemaligen Reichsbankpräsidenten und Hitlers ersten Wirtschaftsminister Hjalmar Schacht. Bis April 1948 fungierte er dann als Öffentlicher Kläger bei Spruchkammerverfahren. Im Mai 1948 kehrte Alfred Marx in den Zuständigkeitsbereich des Justizministeriums zurück und arbeitete bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1964 als Richter am Landgericht in Stuttgart. Seinen Lebensabend verbrachte er in Stuttgart, wo er im Alter von 89 Jahren am 28. Juli 1988 verschied. Sein Grab befindet sich auf dem jüdischen Friedhof in Cannstatt.

2. Zum Inhalt der Handakten: Die Unterlagen, die in dem Bestand aufbewahrt werden, berichten nur wenig vom Leben Alfred Marx, vielmehr spiegeln sie seine Tätigkeit als Kläger und Ermittler bei Spruchkammerverfahren und seine Funktion als Zeitzeuge wider. Der Bestand enthält im ersten Teil vor allem Abschriften und Kopien von Erlassen, Verfügungen, Dokumenten, die die Verfolgung jüdischer Mitbürger besonders in Württemberg während der NS-Diktatur belegen, sowie Namenslisten von in einzelnen Orten wohnhaft gewesen Juden. Daneben finden sich Unterlagen aus Wiedergutmachungs- und Rückerstattungsverfahren aus der Nachkriegszeit. Interessant sind die Akten des Verfahrens gegen den Polizeiinspektor Willi Egle aus Heilbronn, die einen tiefen Einblick in die Organisation und Willkür der Judendeportationen aus dem Kreis Heilbronn im Jahr 1942 geben. Erschütternde Dokumente über das Schicksal jüdischer Bewohner nordwürttembergischer Gemeinden sind im Abschnitt "Deportation der Juden" vereint. Der letzte Abschnitt umfasst umfangreiche Unterlagen der Gemeinde Talheim im Kreis Heilbronn. Akten der Gemeinderegistratur, die vor allem die jüdischen Einwohner Talheims betrafen, gelangten in die Handakten von Alfred Marx. Sie spiegeln ihre Verfolgung, Diskriminierung und Ausbeutung durch staatliche und kommunale Stellen aber auch durch die "arischen" Gemeindemitglieder wider.

3. Zur Geschichte und Verzeichnung des Bestandes Q 3/12: Im Dezember 1977 übergab Alfred Marx dem Hauptstaatsarchiv Stuttgart seine Handakten über die Verfolgung der Juden in Württemberg und Wiedergutmachung als Geschenk, wo sie in die Reihe der Verbands- und Familienarchive (Q 3) eingegliedert wurden. Der Bestand wurde nach der Abgabe in einem ersten Schritt grob vorgeordnet und verpackt. Bei der nun erfolgten Verzeichnung zeigte sich, dass diese erste grobe Ordnung nicht übernommen werden konnte. Bei der Bearbeitung und Verzeichnung wurden vor allem die allgemeine Themen der Verfolgung betreffenden Unterlagen thematisch und sachbezogen zusammengefasst und neu formiert. Gleichfalls wurden lokal zusammengehörende Schriftstücke zusammengeordnet zu einer Verzeichnungseinheit. Um die Struktur der Registratur der Gemeindeverwaltung Talheim transparent zu halten, wurden die je Person oder Gebäude angelegten Akten in ihrer Struktur belassen und jede einzelne "Personalakte" der jüdischen Einwohner Talheims einzeln verzeichnet. Die Verzeichnung des Bestandes erfolgte mit Hilfe des Programms Midosa 95. Der Bestand umfasst 0,7 lfd. m in 92 Verzeichnungseinheiten. Stuttgart, Juni 2004

Bestandssignatur
Landesarchiv Baden-Württemberg, Abt. Hauptstaatsarchiv Stuttgart, Q 3/12
Umfang
92 Büschel

Kontext
Landesarchiv Baden-Württemberg, Abt. Hauptstaatsarchiv Stuttgart (Archivtektonik) >> Nachlässe, Verbands- und Familienarchive >> Verbands- und Familienarchive

Indexbegriff Person

Bestandslaufzeit
1933-1977

Weitere Objektseiten
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Rechteinformation
Letzte Aktualisierung
20.01.2023, 15:09 MEZ

Objekttyp


  • Bestand

Entstanden


  • 1933-1977

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