Der digitale Tellerrand 02: „Gerda Koepff: Zukunftsweisende Sammlerin von Jugendstilgläsern“

In einer Reihe von Gastbeiträgen stellen wir zukünftig spannende Themen und Projekte von Daten- und Kooperationspartnern der Deutschen Digitalen Bibliothek vor: Sei es eine neue Art und Weise sich einem spezifischen Bestand oder einer historischen Epoche zu nähern, sei es eine neue virtuelle Ausstellung oder ein besonderes Digitalisierungsvorhaben. Der Gedanke dahinter? Ein Blick über unseren digitalen Tellerrand, an dem wir unsere Leserinnen und Leser gerne teilhaben lassen wollen!

Der heutige (zweite) Gastbeitrag erschien zuerst auf dem Blog der Europeana anlässlich des Themenschwerpunkts „Jugendstil“ und der damit verbundenen virtuellen Ausstellung „Art Nouveau – A Universal Style“: Dr. Dedo von Kerssenbrock-Krosigk stellt uns die innovative Sammlerin Gerda Koepff (1919–2006) vor, deren Vermächtnis von Jugendstilgläsern ein bedeutender Bestandteil der heutigen Museumssammlung des Glasmuseum Hentrich, Düsseldorf, ist.

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Gerda Koepff: Zukunftsweisende Sammlerin von Jugendstilgläsern

Ein Gastbeitrag von Dr. Dedo von Kerssenbrock-Krosigk

Der Jugendstil spielt eine besonders wichtige Rolle innerhalb der Sammlungen des Glasmuseum Hentrich, das einen Teil des Museum Kunstpalast in Düsseldorf bildet. Diese Spezialität verdankt das Museum der Schenkung und dem Vermächtnis von zwei Privatsammlungen von herausragender Qualität, durch den Architekten Helmut Hentrich (nach dem das Museum benannt ist) und von Gerda Koepff. 

Gerda Koepff bei der Ausstellungseröffnung in der Tonhalle, Düsseldorf, 1998. Foto: Wilfried Meyer. CC BY-NC-ND.
Gerda Koepff bei der Ausstellungseröffnung in der Tonhalle, Düsseldorf, 1998. Foto: Wilfried Meyer. CC BY-NC-ND.

Die französische Glaskunst der Epoche des Jugendstils ist ein faszinierendes Thema für Sammler. Ab den späten 1870er Jahren fand eine bedeutende Veränderung in den Verkaufsräumen von François Eugène Rousseau (1827 – 1890) in Paris statt sowie in den Glasfabriken von Emile Gallé (1846 – 1904) und den Gebrüdern Daum in Nancy und in vielen Glaswerkstätten im Elsass und der Ile de France. Bis dahin wurde Glas für praktische Objekte verwendet, wenn auch manchmal für äußerst luxuriöse Sachen; jetzt wurde es als ein hervorragendes, künstlerisches Ausdrucksmittel betrachtet. Obwohl sie etwas von ihrer Gebrauchsfunktion in Gestalt von Vasen, Schalen und Schüsseln einbehielten, wurden die Jugendstilgläser allmählich zu einer eigenen Kunstform.

Vase mit Henkeln und Wisteria, ca. 1898 – 1900 Emile Gallé. Glasmuseum Hentrich, Düsseldorf. 

Foto: Studio Fuis, Copyright Museum Kunstpalast.

Gerda Koepff, geb. Stoess (1919 – 2006), wurde in eine Industriellenfamilie in Eberbach in der Nähe von Heidelberg im Südwesten Deutschlands geboren. Ihr älterer Bruder Harald Stoess fiel im Zweiten Weltkrieg und sie übernahm seinen Platz in der Familienfirma. Von 1960 bis 1975 war sie die Geschäftsführerin und bis zu ihrem 80sten Geburtstag setzte sie die erfolgreiche Beaufsichtigung der Firma fort.

Es scheint, dass das Interesse von Gerda Koepff an der Glaskunst der Epoche des Jugendstils kein Familienerbe war. Die Generation ihrer Eltern war während der Blütezeit des Jugendstils aufgewachsen und hatte seinen Verfall in massenproduzierte und fantasielose Objekte erlebt. In den 1960er Jahren, als Koepff mit dem Erwerb von Jugendstilgläsern anfing, wurden fortschrittliche deutsche Haushalte typischerweise mit modernistischen Objekten und Dekor eingerichtet. Demnach fing Gerda Koepff an, ihre Sammlung gegen den Zeitgeist aufzubauen.

Vase mit Frauenschuh und Schmetterling, ca. 1896 – 1904 Alphonse-Georges Reyen. Glasmuseum Hentrich, Düsseldorf. Foto: Studio Fuis, Copyright Museum Kunstpalast.

Koepff entwickelte einen Blick für Qualität, Jahrzehnte bevor das Sammeln von Jugendstilobjekten populär – und teuer – wurde. Ursprünglich hatte sie lediglich vor, das Wohnzimmer ihres neuen Heimes zu gestalten. Bald jedoch vertiefte und verfeinerte sich ihr Interesse, als sie anfing, die Unterschiede in der Qualität und Verarbeitung wahrzunehmen. Die Wahrnehmung von Koepff ist besonders erkennbar bei ihrem Interesse an Daum-Glas. Bereits 1968 fand sie die vorherrschende Geringschätzung für die Produkte dieser Firma völlig ungerechtfertigt und sie bewies, dass sie Recht hatte, indem sie mehrere Meisterwerke von Daum erwarb, die heute einen Großteil ihrer Sammlung bilden.

Vase mit Akeleien und Halterung aus Silber, ca. 1898 – 1900 Daum Frères. Glasmuseum Hentrich, Düsseldorf. Foto: Studio Fuis, Copyright Museum Kunstpalast.

Die Koepff Sammlung spiegelt den persönlichen Geschmack und Blick der Sammlerin wider. Sie folgt keiner starren Struktur oder keinem starrem Prinzip und obwohl der Schwerpunkt auf dem französischen Jugendstil (Art Nouveau) liegt, zielte Gerda Koepff nie auf Vollständigkeit im akademischen Sinne. Die Sammlung enthält eine Reihe von Künstlern und Herstellern, ist aber vor allem eine persönliche Auswahl von Einzelstücken. Die Vasen, Schalen und Schüsseln in ihrer Sammlung geben Auskunft über Poesie, Symbolismus, eine Liebe zur Natur und die kontinuierliche Ausweitung der Grenzen von Glas. „Irgendwann“, sagte sie in einem Interview, „hatte ich das Gefühl, zu Ende gekommen zu sein, daß die Sammlung ein Gesicht hat. Und damit wollte ich aufhören.“
 
Erfahren Sie mehr über die Sammlung des Glasmuseum Hentrich und warum nicht auch einen Blick auf unsere Art Nouveau Ausstellung werfen?
 
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Wir bedanken uns für die freundliche Veröffentlichungsgenehmigung der Europeana und Dr. Dedo von Kerssenbrock-Krosigk des Glasmuseum Hentrich, Düsseldorf.
 

Hier geht es zum ersten digitalen Tellerrand: "Bewegte Jahre - Auf den Spuren der Visionäre" - Ein Web-Journal des Museums für Kunst und Gewerbe Hamburg

Das Museum Kunstpalast in der Deutschen Digitalen Bibliothek