18.06.2015

Von Politkabarett und den Gefahren des Nichtwählens: Historische Wahlplakate in der Deutschen Digitalen Bibliothek

„Der beste Platz für Politiker ist das Wahlplakat. Dort ist er tragbar, geräuschlos und leicht zu entfernen,“ lautet einer der berühmten Sätze des Komikers Loriot. Und auch wenn das Wahlplakat heutzutage nicht mehr das zentrale Mittel des Wahlkampfes ist, lohnt ein Blick in den Fundus der historischen Plakate. Von seinen Anfängen in den Niederlanden des 16. Jahrhunderts zur Zeit des Befreiungskrieges gegen Spanien bis zu seiner Entwicklung vom reinen Text- zum Bildplakat aus Werbezwecken, hatte es schließlich seinen Durchbruch als bedeutendes Kommunikationsmittel gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Im Zuge der Industrialisierung und den steigenden Werbebedürfnissen war das Plakat als Mittel zur Werbung, zum Wahlkampf und zur Propaganda fest im öffentlichen Raum der letzten Jahrhunderte verankert.

"Das Dritte Reich" (Wahlplakat SPD 1932)
"Das Dritte Reich" (Wahlplakat SPD 1932)

"Das Dritte Reich? Nein!" (Wahlplakat SPD 1932)
"Das Dritte Reich? Nein!" (Wahlplakat SPD 1932)

Das Wahlplakat verrät viel über die politischen Ereignisse, Kultur, Ästhetik aber auch Emotionen einer Epoche. Die Plakate der SPD aus dem Jahr 1932 sprechen eine deutliche Sprache: Die SPD versucht die demokratische Weimarer Republik zu verteidigen, indem sie auf drastische Weise aufzeigt, wie Deutschland aussähe, sollte die NSDAP ihr „Drittes Reich“ verwirklichen – Deutschland als blutiger Friedhof, das Skelett mit den blutigen Händen des SA-Mannes als Symbol für Terror und Mord. Wie präzise diese Plakate die nachfolgende Realität abbilden sollten, wusste zu dem Zeitpunkt leider niemand.

Aufgrund repressiver Zensurgesetze in den deutschen Staaten zwischen 1848 und 1918 kam die Blütezeit des politischen Plakats mit dem Ende des Ersten Weltkriegs respektive der Novemberrevolution und dem damit einhergehenden Zusammenbruch des Kaiserreichs. Ohne Zensur (und noch ohne die Konkurrenz der visuellen Möglichkeiten des Fernsehens) entwickelte sich das Plakat in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen zur beliebtesten Form der politischen Kommunikation. Einen Stellenwert, den es durch die Erfindung des „Volksempfängers“ in den Dreißigern und der Verbreitung des Fernsehens in den Fünfzigern nicht wieder erlangen sollte.

Ring Politischer Jugend, Landesausschuß Baden-Württemberg, Bundestagswahl 1957
Ring Politischer Jugend, Landesausschuß Baden-Württemberg, Bundestagswahl 1957

GB/BHE, Bundestagswahl 1957
GB/BHE, Bundestagswahl 1957

CDU, Bundestagswahl 1957
CDU, Bundestagswahl 1957

Die Merkmale eines guten Wahlplakats sind klar definiert: Inhalt und Form müssen von dem Betrachter leicht erfasst werden, es muss im öffentlichen Raum auffallen und die Informationen, die es beinhaltet, dürfen nicht derart verknappt werden, dass die falsche Botschaft beim Betrachter ankommt. Für das Verständnis politischer Plakate ist es aufgrund dieser spezifischen zeitgeschichtlichen Informationen notwendig, über die politischen Hintergründe der jeweiligen Epoche informiert zu sein.

Die Bundestagswahlen von 1957 (Plakate oben) werden zum Triumph für die CDU/CSU und ihren Kanzler Konrad Adenauer. Zum ersten und einzigen Mal erringt die Fraktion eine absolute Mehrheit der Stimmen. Ihre Slogans in den Gründerjahren schüren Angst vor dem Regierungswechsel und erinnern die Bevölkerung an den Einmarsch der Sowjetunion 1956 in Ungarn. Die rechtsgerichtete politische Partei „Gesamtdeutscher Block BHE/Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten“ bedient sich desselben Slogans wie die CDU – „Es geht ums Ganze“ – scheitert jedoch an der 5-Prozent-Hürde. Die Partei existiert nur noch vier weitere Jahre. Der Ring politischer Jugend warnt hingegen vor den Gefahren des Nichtwählens – dies sei der falsche Schritt.

ADF, Bundestagswahl 1969
ADF, Bundestagswahl 1969, "Demokratie ADF - Diktatur Bild, FDP, CSU, NPD, CDU." Berittener mit Lanze stößt nach einem Ungeheuer mit mehreren Köpfen, die die Aufschriften von Parteien tragen, schwarz-weiß, Hintergrund rot, Schrift weiß, schwarz und gelb, im unteren Plakatteil zwei Felder zur Beschriftung freigelassen

Die Durchsicht historischer Wahlplakate in der Deutschen Digitalen Bibliothek fördert auch Material von Parteien zutage,  deren Existenz nur von kurzer Dauer war. So das Plakat der „Aktion Demokratischer Fortschritt“ – eine linksgerichtete politische Partei, die 1968 gegründet, 1969 nach der Bundestagswahl auch schon wieder aufgelöst wurde bzw. in ein Aktionsbündnis umgewandelt wurde. Nur 0,6 Prozent der Stimmen bekam die Partei bei einer Wahl, bei der nach zwanzig Jahren zum ersten Mal die CDU/CSU in die Opposition musste und die SPD mit FDP koalierte und den Kanzler Willy Brandt stellte.

DKP, Bundestagswahl 1972
DKP, Bundestagswahl 1972

SPD, Bundestagswahl 1972
SPD, Bundestagswahl 1972

Die Bundestagswahl 1972 war insofern ungewöhnlich, als dass sie die erste vorgezogene Wahl in der Geschichte der jungen Bundesrepublik war. Kanzler Willy Brandt hatte im Bundestag die Vertrauensfrage gestellt und so den Weg für Neuwahlen geebnet. Der Wahlkampf aller Parteien ist sehr engagiert: Zwei Jahre zuvor wurde das Wahlalter von 21 auf 18 Jahre abgesenkt und die Stimmen der Erstwähler werden heftig umworben. Gleichzeitig äußern viele Prominente und Bürger klar ihre politischen Präferenzen und die Wahlbeteiligung liegt bei dem Rekord von 91,1 Prozent. Die Wahl endet mit dem größten Triumph für die SPD in ihrer Geschichte und sie wird erstmals stärkste Fraktion im Bundestag vor CDU/CSU und der FDP. Für die junge Deutsche Kommunistische Partei (DKP) ähnelt die Parteienlandschaft einem Politkabarett und in Manier eines Filmplakats titelt sie „Life Story – Die Machtwächter“. Die SPD setzt bei ihren Plakaten auf das Kindchenschema und Blumenstrauß: „Willkommen Willy Brandt“ steht auf dem Banner, das ein kleiner Junge zusammen mit einem Strauß gelber Blumen in die Höhe hält. Mit Erfolg.

„Vielleicht zeigen die bundesrepublikanischen Plakatbeispiele der vergangenen Jahrzehnte aber auch, daß es solange eine Geschichte des politischen Plakats gibt, solange der öffentliche Meinungsstreit auf der Straße unverzichtbarer Bestandteil der politischen Kultur in der demokratischen und pluralistischen Gesellschaft ist.“ (Kai Artinger)
 
Quellen:
„Das politische Plakat – Einige Bemerkungen zur Funktion und Geschichte“, Kai Artinger (PDF)
„Das Wahlplakat als zeitgeschichtliche Quelle“, Demokratiezentrum Wien

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