Grafik
Triumphwagen mit der Personifikation von Neid
Zeremonielle Prozessionen zur Begehung bestimmter religiöser und städtischer Feiertage, sogenannte ›Ommegange‹ sind in den südlichen Niederlanden seit dem Mittelalter bekannt. Thema, Ablauf und Besetzung jeder städtischen Prozession werden in einer Verordnung (Ordinancie) schriftlich festgehalten. - Antwerpens älteste, noch erhaltene Ordinancie stammt aus dem Jahr 1398. Diese Brabanter Hauptstadt zeichnet sich seit dem 14. Jahrhundert durch eine starke städtische Bürgerschaft (civitas) aus, die auf ihre Freiheiten und Stadtrechte stolz ist und diese anlässlich der Ommegange zwischen Lokalfolklore, säkularen Themen und Fragen der christlichen Lehre und Lebensführung öffentlich zur Schau stellt und feiert. - Bei der Kreation und Choreographie der verschiedenen Umzüge spielen die Handwerkergilden und mehr noch die städtischen Rhetorik-Kammern (Rederijkerskamers) eine federführende Rolle. Anlässlich des Antwerpeners Beschneidungsumzugs von 1561 liegt der besondere Beitrag der von Willem van Haecht als Vorredner (Factor) öffentlich vertretenen Rhetorik-Kammer ›De Violeren‹ in sieben Wagen mit tableaux vivants, die den Kreislauf der Welt darstellen. Immerwährend in Bewegung wird die Geschichte der Welt als ein sich immerfort wiederholender Zyklus dargestellt: Reichtum bringt Hochmut hervor, Hochmut führt zu Neid, Neid hat Krieg zur Folge, Krieg bringt Armut, Armut endet mit Demut, Demut macht Frieden möglich, und Frieden bringt Reichtum. Es ist ebendieses Thema, das Maarten van Heemskerck 1564, also drei Jahre nach jenem Umzug, möglicherweise durch Vermittlung seines Freundes Philips Galle (und vielleicht auch aus eigener Erfahrung als Zuschauer, wie seine Zeichnungen aus dem Jahr 1562 andeuten) für den angesehenen Antwerpener Verleger Hieronymus Cock in einen erstaunlichen, die Details des Ommegangs sorgfältig wiedergebenden und ausdrucksstarken Bildzyklus verwandelt. Alle sieben Abbildungen der tableaux vivants weisen die folgende Struktur auf: - −Ein Triumphwagen wird von zwei Pferden gezogen. - −Eine männliche Figur lenkt den Wagen. - −Auf dem Wagen sitzen zwei weibliche Figuren, eine kleinere (B) und eine größere (A). Die größere Figur gibt im Bild den Ton an, die kleinere Figur entspringt allegorisch der größeren und wird im darauffolgenden Bild zur Hauptfigur; dabei wechselt sie manchmal das Geschlecht. - −Eine Figur geht zu Fuß neben den Pferden. - −Zwei weitere Figuren folgen dem Wagen zu Fuß. - −Der erläuternde Text in den Kartouchen nimmt die Bildinskriptionen in Blockschrift wieder auf. Es erfolgt also eine doppelte Text-Bild-Narration. - Der Triumphwagen des Neides wird von den Pferden Detractio (Geläster) und Calumnia (Verleumdung) gezogen. Detractio scheint ›hinten rum‹ zu lästern. Das Geschirr von Calumnia ist mit Fratzen und unzähligen abgeschnittenen Zungen geschmückt. Hinter den Pferden zu Fuß geht die Böswilligkeit (Malevolentia). Im Gegensatz zu allen anderen Figuren erscheint sie viel dunkler. Das Diadem in ihrem Haar erinnert an Hörner. Mit ihrer rechten Hand gibt sie den Pferden das Zeichen geradeaus über die Klippe weiterzugehen – eine böswillige Geste, die wohl zum Sturz von Pferden samt Wagen und Insassen führen soll. In ihrer linken Hand hält die Böswilligkeit eine Rute. Der Kutscher heißt Livor (Bosheit). Auf dem Wagen thront die Todsünde des Neides (Invidia), eine hässliche alte Frau mit Schlangen an der Stelle ihrer Haare, die sprichwörtlich ihr eigenes Herz auffrisst. Vor ihr sitzt die kleinere Figur des Krieges (Bellum). Der gefiederte Helm des heranwachsenden Kriegers ist zu groß und erscheint grotesk. Vor dem Wagen zu Fuß gehen Trubel (Perturbatio) und Unruhe (Inquietas). Mit ihrem Blasbalg feuert Perturbatio immer neuen, immer mehr Trubel an. Im Bildhintergrund sieht man das Meer und drei Segelschiffe. Ein Schiff segelt geradeaus auf den unglückseligen Triumphzug des Neides zu; das zweite Schiff wird vom Wind in Richtung Küste getrieben; das dritte Schiff ist bereits gekentert.
- Standort
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Georg-August-Universität Göttingen / Kunstgesch. Seminar und Kunstsammlung der Universität, Göttingen
- Inventarnummer
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D 4079
- Maße
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Höhe: 217 mm ((Vgl. Sturm der Bilder 2016 S.107))
Breite: 290 mm ((Vgl. Sturm der Bilder 2016 S.107))
Höhe: 233 mm (Blattmaß )
Breite: 306 mm (Blattmaß )
- Material/Technik
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Papier; Kupferstich; Radierung
- Inschrift/Beschriftung
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Aufschrift: MHemskerk inve; H. Cock excud.
Aufschrift: Detractio (Geläster); Calumnia (Verleumdung); Malevolentia (Böswilligkeit); Livor (Bosheit); Perturbatio (Trubel); Inquietas (Unruhe); Bellum (Krieg); Invidia (Neid).
Marke: Göttinger Bibliotheksstempel
Aufschrift: 1564
Aufschrift: INVIDIA, BELLI mater, occupat rhedam INIQUITATEM: auriga equos LIVOR regit DETRACTIONEM hunc alterum CALUMNIAM, Infaustiorum infausta rerum nomina Ponè INQUIETAS, atque PERTURBATIO Sequuntur, accedente MALEVOLENTIA. (Die lateinische Inschrift in den Kartouchen unter dem Bild erklärt: Neid, die Mutter des Krieges hat den Wagen der Ungerechtigkeit inne; Bosheit, der Wagenlenker leitet die Pferde des Gelästers und der Verleumdung; hinten die unheilvollen Namen der unheilvolleren Dinge, es folgen Unruhe und Trubel, hinzu kommt die Bosheit.)
Aufschrift: 4
- Verwandtes Objekt und Literatur
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Beschrieben in: I. Gaskell und M. Gelderen, „Sturm der Bilder Bürger, Moral und Politik in den Niederlanden : 1515-1616“. Göttinger Verlag der Kunst GmbH, Göttingen, 2016. (S.107-110)
Beschrieben in: A. Diels, , und F. Hollstein, The @new Hollstein Dutch & Flemish etchings, engravings and woodcuts, 1450 - 1700. Sound & Vision Publ., Ouderkerk aan den Ijssel, 2005. (Hollstein Dutch & Flemish IV.230.159-166)
- Klassifikation
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Zeichnung/Grafik (Hessische Systematik)
Druckgrafik (Oberbegriffsdatei)
- Bezug (was)
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Neid
Triumphzug
Wagen
Neid (Ripa: Invidia): Personifikation einer der sieben Todsünden
Invidia (römische Personifikation)
Verleumdung
bestrafte Schlechtigkeit bzw. Bosheit
Verwirrung, Bestürzung, Panik; Ripa: Perturbatione
Unruhe, Ruhelosigkeit; Ripa: Inquietudine
- Ereignis
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Entstehung
- (wer)
- (wann)
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1564
- Ereignis
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Herstellung
- (wer)
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Coornhert, Dirck Volckertsz (StecherIn)
- (wo)
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Antwerpen
- Ereignis
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Veröffentlichung
- (wer)
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Cock, Hieronymus (HerausgeberIn)
- Förderung
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Die Digitalisierung wurde gefördert durch die Deutsche Digitale Bibliothek aus Mitteln des Programms „Neustart Kultur“ der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.
- Letzte Aktualisierung
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24.04.2025, 12:58 MESZ
Datenpartner
Kunstsammlung der Universität Göttingen. Bei Fragen zum Objekt wenden Sie sich bitte an den Datenpartner.
Objekttyp
- Grafik
Beteiligte
- Heemskerk, Maarteen van (Vorbild / IdeengeberIn)
- Haecht, Willem van (AutorIn)
- Coornhert, Dirck Volckertsz (StecherIn)
- Cock, Hieronymus (HerausgeberIn)
Entstanden
- 1564