Schlangen, Drachen und frühe Synthesizer: Historische Musikinstrumente in der Deutschen Digitalen Bibliothek

Instrumente, die so teuer sind, dass ihre Erfinder empfehlen, sie sich selbst zu bauen, marketingtechnische Todesstöße durch Hector Berlioz und japanische Drachen: Bei der Recherche nach historischen Musikinstrumenten trifft man auf Anekdoten und Geschichten, die ungewöhnlich, teils tragisch und umso erzählenswerter sind. Die Bestände stammen aus dem Musikinstrumenten-Museum in Berlin, welches einer der neuesten Datenpartner der Deutschen Digitalen Bibliothek ist.

Das Museum besitzt derzeit rund 3.300 Instrumente, von denen gut 800 in der Dauerausstellung zu sehen und rund 500 als Digitalisat in der Deutschen Digitalen Bibliothek zu finden sind. Im Folgenden eine kleine Auswahl der ungewöhnlichsten Musikinstrumente und ihre Geschichten inklusive Klangbeispielen.

Die Stössel-Basslaute: Schneller lernen, bequemer greifen

Stössel-Basslaute (1920 - 1930), Foto: Heidi von Rüden, Musikinstrumenten-Museum, Staatliches Institut für Musikforschung, Preußischer Kulturbesitz, Berlin
"Stössel-Basslaute" (1920 - 1930), Foto: Heidi von Rüden, Musikinstrumenten-Museum, Staatliches Institut für Musikforschung, Preußischer Kulturbesitz, Berlin

Die abgebildete Stössel-Basslaute wurde zwischen 1920 und 1930 gebaut. Erfunden von dem Kölner Geigenbauer Georg Stössel hat sie 13 zusätzliche Saiten, welche wie bei einer Zither gezupft werden. Die Stössel-Laute hat hingegen gewöhnlich fünf, sieben oder neun Saiten.

Ihr Erfinder baute die erste seiner Lauten 1914 mit dem Grundgedanken das schwierige Greifen herkömmlicher Saiteninstrumente zu vereinfachen: Diese Laute sollte schneller erlernbar und bequemer zu spielen sein. Stössel ließ sie 1915 patentieren und baute in den folgenden Jahren diverse unterschiedliche Modelle des Instruments, welche allerdings bei einem Bombenangriff 1943 in seiner Kölner Werkstatt verbrannten.

Und so hört sich die Stössel-Basslaute an.

Die Koto, das Dracheninstrument

Koto (Heterochorde Halbröhrenzither) (Osaka, 1968), Musikinstrumenten-Museum, Staatliches Institut für Musikforschung Preußischer Kulturbesitz, Berlin
"Koto (Heterochorde Halbröhrenzither)" (Osaka, 1968), Musikinstrumenten-Museum, Staatliches Institut für Musikforschung Preußischer Kulturbesitz, Berlin

Rokudan no Shirabe“, komponiert von Yatsuhaschi Kengyo, heißt eines der bekanntesten Stücke für das japanische Instrument Koto, zu Deutsch: Halbröhren-Zither. Auf der Fotografie nicht so leicht erkennbar, ist die Koto ein sehr großes Instrument: 1,80 Meter in der Länge und 25 Zentimeter in der Breite misst sie und wird meist im Sitzen oder Knien gespielt.

Ungewöhnlich bei diesem Instrument ist, dass die Saiten auf beweglichen Stegen gespannt sind. Hierdurch können beim Spielen die Töne verändert oder erst eingestellt werden. Mit der rechten Hand werden die Saiten angezupft, mit der linken Hand werden Klangeffekte erzeugt oder die Saiten niedergedrückt, so dass die Töne um eine ganze oder halbe Note erhöht werden. Dies ist im oben verlinkten Video gut erkennbar.

Koto-Spielerin (um 1902), Kusakabe Kimbei 日下部金幣 (1841 - 1934, Fotograf), Ethnologisches Museum, Staatliche Museen zu Berlin
"Koto-Spielerin" (um 1902), Kusakabe Kimbei 日下部金幣 (1841 - 1934, Fotograf), Ethnologisches Museum, Staatliche Museen zu Berlin

Die Koto ist ein sehr altes Instrument: Sie wurde während der Nara-Zeit (710 – 793) aus China nach Japan eingeführt. Ihre Form wird mit einem Drachen verglichen: Die Oberseite der Koto heißt „Drachenpanzer“, die Unterseite ist der „Drachenbauch“. Ihre Vor- und Rückseite wird als „Drachenschwanz“ und „Drachenhörner“ bezeichnet. Auf Deutsch heißt diese Art der Zither übrigens auch „Wollbrettzither“.

Das Mixturtrautonium: Ein früher Synthesizer

Mixturtrautonium, Foto: Hasz Andras, Musikinstrumenten-Museum, Staatliches Institut für Musikforschung Preußischer Kulturbesitz, Berlin
"Mixturtrautonium", Foto: Hasz Andras, Musikinstrumenten-Museum, Staatliches Institut für Musikforschung Preußischer Kulturbesitz, Berlin

„Wer ein Trautonium will, muss sich eins bauen“, sagte Oskar Sala, Mitentwickler des Trautoniums, hinsichtlich des stolzen Marktpreises dieses Instruments. Der Preis war auch der Grund für den ausbleibenden Erfolg, weshalb es heute nur etwa zehn Stück dieser historischen Instrumente auf dem Markt gibt.

Entwickelt wurde das Trautonium von Friedrich Trautwein (1888 – 1956) und Oskar Sala (1910 – 2002), die es zum ersten Mal auf dem Berliner Fest „Neue Musik“ 1930 vorführten. Nach der Trennung der beiden Erfinder entwickelte Oskar Sala das Instrument weiter zum Mixturtrautonium.

Das Trautonium gilt als „früher Synthesizer“: Mittels eines Widerstandsdrahtes, der über eine lange Metallschiene gespannt ist und diese beim Spielen berührt, wird die Frequenz der Kippschwingung bestimmt und damit die Tonhöhe – wie Oskar Sala 1986 dem NDR in einer Dokumentation erzählt, ist dieser Mechanismus dem menschlichen Kehlkopf nachempfunden, der ebenfalls mit Kippschwingungen funktioniert. In der NDR-Dokumentation erlebt man Oskar Sala an seinem Instrument und erhält einen Eindruck von den Klängen seines Trautoniums.

Berühmt wurde das Trautonium durch Alfred Hitchcocks Film „Die Vögel“, in dem es für die Filmmusik eingesetzt wurde.

Der Serpent: Hector Berlioz ist kein Fan

Serpent (16./17. Jahrhundert), Foto: Jürgen Liepe, Musikinstrumenten-Museum, Staatliches Institut für Musikforschung, Preußischer Kulturbesitz, Berlin
"Serpent" (16./17. Jahrhundert), Foto: Jürgen Liepe, Musikinstrumenten-Museum, Staatliches Institut für Musikforschung, Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Berlin

Bestenfalls für die Totenmesse würde sich der Serpent eignen, meinte der Komponist Hector Berlioz im „Traité d’instrumentation“ 1844 über das Instrument: Es klinge wie „kaltes, abscheuliches Geheul“. Der Serpent ist ein historisches Blechblasinstrument, welches von einem Kanonikus namens Guillaume in Auxerre/Frankreich 1590 erfunden worden sein soll. Im Gegensatz zu dem von Berlioz assoziiertem „Geheul“ war man im 16. Jahrhundert nämlich der Meinung, der Klang käme der menschlichen Stimme besonders nah. So nutzte Georg Friedrich Händel das Instrument für seine „Wassermusik“ und seine „Feuerwerksmusik“ – lange war der Serpent das einzige Bassinstrument, welches laut genug war für größere Chöre oder Aufführungen unter freiem Himmel.

Im 18. Jahrhundert änderte sich jedoch das Gesangsideal und der Serpent passte nicht mehr zur menschlichen Stimme für damalige Hörer – unter anderem Berlioz.  Als Begleitinstrument für Chormusik hielt sich der Serpent bis in 19. Jahrhundert und wurde speziell bei Orchestern für englische und französische Militärmusik eingesetzt.

Der Jazzmusiker Michel Godard entdeckte Ende des 20. Jahrhunderts das historische Instrument für seine Musik wieder – und so (gut!) klingt es bei ihm: Michel Godard Trio in der Stiftskirche Innichen.
____________________
Weitere Musikinstrumente in der Deutschen Digitalen Bibliothek (ca. 7.500 Ergebnisse)