Neue Sammlungen: Julius Neubronner und der frühe Amateurfilm

Von Theresa Rodewald (Online-Redaktion)

Das Filmarchiv des DFF - Deutsches Filminstitut & Filmmuseum in Frankfurt/Main bewahrt bedeutsame Sammlungen zu unterschiedlichen thematischen Aspekten der Filmgeschichte und Filmproduktion auf. Unter den rund 20.000 Filmwerken des Archivs finden sich Spiel-, Kurz- und Dokumentarfilme, aber auch Amateur- und Experimentalfilme. Eine Sammlung von Amateurfilmen des Erfinders und Filmpioniers Julius Neubronner aus den Jahren 1900 bis 1918 ist nun auch in der Deutsche Digitalen Bibliothek verfügbar.

Spektakuläre Ereignisse: „Gordon-Bennett-Autorennen (17.6.1904)“, DFF - Deutsches Filminstitut & Filmmuseum (Public Domain Mark 1.0)

Die Sammlung wurde 1991 von Julius Neubronners Sohn Carl Neubronner an das Filmarchiv des DFF übergeben. Die insgesamt 66 Videos stammen aus der hochauflösenden Digitalisierung und Restaurierung des DFF, die 2018 von der Staatsministerin für Kultur und Medien (BKM) gefördert wurde; sie sind allesamt Public Domain.

Von der Brieftaubenfotografie bis zum Trockenklebestreifen

Julius Neubronner lässt sich in keine Schublade stecken. 1852 im hessischen Kronberg geboren, ist er zugleich Apotheker, Erfinder und Pionier der Fotografie und Kinematografie. Hauptberuflich führt Neubronner nach seinem Studium der Pharmazie und Chemie in Gießen, Heidelberg und Berlin die Apotheke seines Vaters weiter und widmet sich daneben dem Erfinden. So entwickelt er zum Beispiel Trockenklebestreifen, mit denen er Glasplatten für Laterna-Magica-Vorstellungen zusammenklebt. Daraus erwächst 1905 die Firmengründung der Neubronner GmbH & Co. KG, einer Fabrik für Trockenklebematerial, die schließlich von seinem jüngsten Sohn Carl Neubronner (1896-1997) weitergeführt wird.

Kaiserlicher Besuch: „Kaiser Wilhelm II. weiht eine Gedenktafel für die Kaiserin Friedrich von Kronberg ein (18.6.1904)“ DFF - Deutsches Filminstitut & Filmmuseum (Public Domain Mark 1.0)

Damit aber nicht genug: 1908 patentiert Neubronner die Brieftaubenfotografie. Hierfür werden Brieftauben mit kleinen Fotokameras ausgestattet, was Luftaufnahmen ermöglicht. So obskur die Idee heute erscheinen mag, liefert sie Anfang des 20. Jahrhunderts spektakuläre Bilder und erregt über Deutschland hinaus Aufmerksamkeit. Neubronner präsentiert seine Erfindung auf der Internationalen Photographischen Ausstellung in Dresden und auf den Internationalen Luftschifffahrt-Ausstellungen in Frankfurt/Main und Paris. Die Brieftaubenfotografie wird im Ersten Weltkrieg sogar versuchsweise zur Luftaufklärung eingesetzt – ein Unterfangen, das allerdings nicht von Erfolg gekrönt ist.

​​​​​​​Alltag, Tricks und Sketche: Die Amateurfilme von Julius Neubronner

Neubronners Erfindungsreichtum zeigt sich auch in seinen Amateurfilmen. Er besitzt eine Ernemann Kino II, eine Kamera, die für den Amateurfilmbereich entwickelt wurde und ähnlich wie der Cinématographe Lumière aufnehmen, wiedergeben und kopieren kann. Die Ernemann Kino II ist mit einer Höhe von 15 cm und einer Tiefe von 14 cm sehr handlich und läuft mit 17,5mm Filmstreifen, die nur halb so groß und damit auch preiswerter sind als der gängige 35mm-Film.

Alltag im Frühling: „Dodo und Dackel Waldmann am Fliederbusch“ (19??), )“, DFF - Deutsches Filminstitut & Filmmuseum (Public Domain Mark 1.0)

Im Fokus von Neubronners Filmen stehen seine Familie und das Alltagsleben in Kronberg und Umgebung, sowie berühmte Persönlichkeiten und Ereignisse in der Region. In der Sammlung finden sich nachgestellte Familienspaziergänge neben tanzenden Herren und Karnevalsumzügen. Damit sind die Filme nicht nur ein einzigartiges Zeitdokument, sondern sie lassen uns auch am Leben der Familie Neubronner teilhaben. In „Dodo und Dackel Waldmann am Fliederbusch“ pflückt Neubronners Tochter Dodo Flieder, während ihr der Familienhund Gesellschaft leistet. 1918 filmt Neubronner dann Dodos Hochzeit. Darüber hinaus dreht er kurze Spielfilme mit dem Einsatz von Tricktechnik.

Inhaltlich unterscheiden sich Neubronners Filme kaum von denen der Brüder Lumière oder des Meisters der frühen Tricktechnik, Georges Méliès. Genau wie Neubronner dokumentierten die Lumières zunächst Straßenszenen, besondere Ereignisse und ihren familiären Alltag. Wie auch Georges Méliès setzt Julius Neubronner für seine Sketche und Zaubertricks den Stopptrick ein. Hierbei wird eine Einstellung aufgezeichnet, zum Beispiel Neubronner, wie er mit großen Gesten einen Zauberstab schwingt. Im zweiten Schritt wird die Kamera angehalten und das Bild verändert –  beispielsweise platziert man einen Zylinder auf einem Beistelltisch. Danach wird die Kamera wieder angeschaltet und im fertigen Film entsteht der Eindruck, der Zylinder sei aus dem Nichts erschienen.

Der Stopptrick in Aktion – hier wird Wasser in Tauben verwandelt, und Zylinder erscheinen aus dem Nichts: „Julius Neubronner zaubert“ (1904), DFF - Deutsches Filminstitut & Filmmuseum (Public Domain Mark 1.0)

Neben dem Stopptrick verwendet Neubronner auch frühe Montagetechniken – damit gehört er zu den Wegbereiter*innen des modernen Filmschnitts. In „Luftnummer“ von 1903 verwendet er eine Form der Montage, die eine fortlaufende Handlung an zwei verschiedenen Orten erzählt. Der Film beginnt mit seinen Söhnen, die sich, wie es sich für eine Zirkusnummer gehört, zunächst verbeugen, bevor der erste mittels eines Flaschenzugs nach oben aus dem Bild verschwindet. Es folgt ein Szenenwechsel mit einer Trapeznummer, bevor sich die Söhne wieder abseilen und der Film zur ersten Einstellung zurückkehrt.

Die Bildmontage in Aktion: „Luftnummer“ (1903), DFF - Deutsches Filminstitut & Filmmuseum (Public Domain Mark 1.0)

Zu Zeiten des frühen Kinos wird weniger stark zwischen professionellen und Amateurfilmen unterschieden. Amateurfilme zeichnet damals wie heute aus, dass sie für den Privatgebrauch und nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind. Heute kommt noch hinzu, dass professionelle Produktions- und Verleihfirmen in Amateurproduktionen nicht involviert sind. Julius Neubronner führte seine Werke vornehmlich im Familien- und Freundeskreis vor und kommentierte sie live. Sie zeigen beispielhaft, dass der Amateurfilm nicht zwangsläufig von geringer Qualität ist. Ganz im Gegenteil: Neubronners Filme haben eben so viel Charme, Witz und Einfallsreichtum wie die Werke seiner professionellen Kolleg*innen.

Lust auf mehr Dackel, royale Prominenz oder Seifenkistenrennen? Hier geht es zu den Filmen von Julius Neubronner.

 

Weitere Informationen über Julius Neubronner

filmportal.de: https://www.filmportal.de/person/julius-neubronner_1acdcd44ccae41ca9d8fda5f890dc8c0

DFF - Deutsches Filminstitut & Filmmuseum: https://www.dff.film/julius-neubronner/  sowie das Podcast zur Sammlung Neubronner und der Ernemann Kino II