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lieber willy, "wie soll ich Dich empfangen...

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Transkription: dessau den 21.12.26 burgkühnauerallee 5 lieber willy "wie soll ich Dich empfangen, und wie begegnen Dir?"...verzeih, dass es solange brauchte, bis ich die ruhige stunde fand, um Dir zu schreiben und vor allem, Dir und Deiner lieben frau meine glückwünsche darzubringen. das tu ich hiemit in aller form und vollem herzen. ich wünsche kurz gesagt das beste! im grossen zirkel der bauhauseröffner habe ich Dich und Deine frau leider vermisst. ich hoffe, ihr holt den besuch noch nach und ich möchte schon heute dazu einladen als standquartier das haus schlemmer zu wählen. stuttgart war reichlich vertreten durch schleicher, herre, döcker, schneck, u.a. (auch ein architekt osswald stellte sich als liebenswürdiger schwabe und erbauer des tagblattturms vor), wir waren mit schleicher und seiner schwester, herre und frau mörike sehr vergnügt und der neue freund und genosse, der hannes meyer-basel war ein grosser gewinn. er hat auch auf die wesentlichen bauhäusler sichtlich eindruck gemacht durch die bestimmtheit seiner gesinnung und sein gewinnendes wesen. er war, nachdem ihm der ästhetizismus der andern häuser langsam auf die nerven fiel, selig, bei uns kinder anzutreffen, vermutlich auch, weil sie ihn an die seinen erinnerten, und er hat richtig mit ihnen getollt.- mit elsässer und may aus frankfurt kam man in guten kontakt: es waren die überlebenden, die einen tag länger geblieben waren. das gros der prominenten war nur bis zum fest da. von dem hatte ich fast nichts, sah auch wenige infolgedessen, weil mich die bühne zu sehr in anspruch nahm. ihr debüt war unter keinem guten stern. kein wunder, tags zuvor war diese bühne noch voller arbeiter und gerüste, weil sich gropius zu spät entschlossen hatte, für dieses immer fünfte rad am karren des bauhauses, die mittel bereitzustellen, die nötig waren, um überhaupt von einer bühne sprechen zu können. jetzt erst, nachdem sie einigermassen fertig ist, kann darauf gearbeitet werden und ich sehe die sache hoffnungsvoll an, trotz unverkennbarer schwierigkeiten, die besonders in der immer sehr zufälligen zusammensetzung der personen liegen. es kommen da maler, schulentlassene (abiturienten), manchmal ein tänzer, einmal ein schauspieler, mit denen man nun revolutionäres theater machen soll. vielleicht ändert sich das mit der zeit; es kommen immer mehr leute in die abteilung, vielleicht gelingt es allmählich doch eine aktionsfähige gruppe zusammenzubringen, die auch ausserhalb dessau's, denn was soll uns dessau!- sich sehen lassen kann.- angesichts dieser kämpfe mit der materiellen aussenwelt, die abhängigkeit von menschen und ihren unzulänglichkeiten, die finanziellen nöte, die einen binden und eindämmen steht immer wieder die andre, vielleicht bessere hälfte in einem auf und erinnert daran, dass man einmal maler war. glückliche kollegen im nebenhaus (klee, kandinsky, feininger), die ein relativ beschauliches malerdasein führen und in ein paar wochenstunden die theorie ihrer arbeit den schülern vermitteln. die bühne, soll sie wahrhaft wirksam werden, erfordert vollen einsatz meiner person, dazu ist das gebiet zu vielseitig, das menschenmaterial nicht vollgültig genug. so muss also erzieherarbeit geleistet werden, die fast über das kräftemass eines einzelnen hinaus geht (zumal wenn er noch eine andre hälfte im busen hegt). dazu kommt noch meine "nebenamtliche stellung" hier, die mich zwingt, für den unterhalt zu verdienen, wo es irgend geht. kurz: mehr als oft denke ich an veränderung dieser sonst angenehmen konstellation bauhaus-dessau und ich verschweige nicht, dass mich ein antrag, nach new-york zu kommen, nicht unberührt liess. (dennoch bitte ich Dich, es zunächst nicht weiterzu tragen). dies also der kurze abriss meiner liebes-und leidensgeschichte hier, die vielleicht in manchem eine paralelle zu der deinigen nun hinter Dir liegenden stuttgarter ist. so komme ich zu deinem brief (glücklicherweise ohne datum, ich würde sonst erschrecken!). ich gratuliere zu paris! es ist sicher das richtige. wir wissen ja, dass was von dort sanktioniert ward, langsam auch deutschland begreift. so grotesk es ist, dass dieser umweg nötig ist. der von franzosen und wie einflussreichen protegierte deutsche wird seinen weg machen, ich glaube bestimmt. dann berlin, ist gleichfalls richtig, wenn dich die soviel angenehmere lebensart nicht dort halten wird.- ich weiss nun nicht, ob Du in stuttgart oder paris bist. die karte mit unterschriften wirst du wol nach stuttgart erhalten haben?- "ariodante" muss sehr schön und gut gewesen sein, ich hörte es von verschiedener seite. hörth täte gut daran, etwas andres zu machen als was er jetzt tut.- ballett metropol! ich bekam bis heute kein geld, klage, nun verurteilt zu zahlen, was ich hoffe. wenig genug. jedennoch, was die aufführung in stuttgart, weimar, dresden, donaueschingen nicht erreichte, nämlich die aufmerksamkeit des auslands, das erreichte die berliner aufführung, wiewol sie qualitativ viel tiefer stand als die früheren (durch "nummer" in der revue, tänze von russ. ballettmeisterin einstudiert, nur z.t. von russen getanzt, z.t. auch nur von statisten. aber es waren erstmals alle kostüme zugleich auf der bühne, was einen neuen nicht schlechten effekt ergab). also es interessiert sich das ausland, besonders england, amerika. es ist nur die frage, wie entwinde ich mich der schurkenhände, die sich darin waschen wollen, weil ich nicht finanzieren kann. etwas wird aber früher oder später werden und wenn der feldzug paris streifen kann, so tu ichs. (sag nichts davon burgers, die für ihre dummheit, die mich jahre zurückwarf, büssen sollen,) wenn sowas überhaupt noch bei ihnen in frage kommt...) ausstellungen: du bist am 15. jan. in paris und hartlaub schreibt mir eben, dass du vielleicht die "abstrakte malerei" in mannheim hängen werdest. im februar nassauischer kunstverein wiesbaden, dann wol dresden fides. schwitters wollte dort die alte allianz, die aber vielleicht heute nicht mehr recht gilt in bezug auf schw. aufrichten. er war auch hier, bühnebegeistert, "das einzige" am bauhaus etc. "architektur ist ja international"...sagte aber nichts mehr von der dresdener verbindung. so wären wir fast herum an den themen, wiewol unerschöpft. ich muss nochmal deine verzeihung erbitten: auf deine ehekarte wollte ich das einfachste tun, was man gemeinhin tut: telegraphieren. dann erwog ich das prunkreichsdruckereitelegramm und stiess mich am rand darumherum. dann wollte ich diesen jetzt erst geschriebenen schreiben, aber es kam die bauhaushetzjagd der besuche, so wurde es heute und ich will froh sein, wenn dich dieses zu weihnachten erreicht.- aber das "farbige an Deine pariser wand"! noch hab ich das deine von moholy nicht (der weg von einem haus zum andern ist weiter als von dessau nach paris)...er hat es vermutlich noch nicht, denn er ist gewissenhaft pünktlich in solchen lieferungen. aber ich dank dir heute schon. was also soll das farbige sein? ich schweife die front meiner bilder ab, es sind so wenige, so mässige,...aber ich gelobe, sobald ich die gewissheit deiner pariser adresse habe, es zu schicken. hast du wünsche?--tut beklagt sich, bis heute kein bild von mir zu besitzen, während ihr doch alle gehören....(beiläufig: ich kam seit zwei jahren nicht mehr zum malen) am 25. will ich per ferienzug nach berchtesgaden zu casca. er lebt dort so hin, radiobegeistert, arbeitsmüde, veränderungbereit. ich wollte, er wäre hier und hälfe bühne machen. er ist unschätzbar in diesem metier. tut und die kinder sind wol und munter. italienpläne für den sommer. das bildchen zeigt dir alles, haus und familie. wie geht es deinen eltern? bitte herzlich zu grüssen. wir grüssen herzlich Dich und Deine frau Dein Oskar hugo hertwig, freund bollmanns, aus dem kreise fuhrmann, lebt z.zt. in paris und bat mich um adressen "snständiger interessierter menschen". willst du ihm die deine geben? vermitteln? er lebt sonst in pommern, in prerow a.d. dars und macht dort eine arz lebensschule auf kommunistischvegetabiler grundlage. molzahn ist auch mit ihm befreundet. "hotel prima vera, rue di alesia 147"
Material/Technik:
Papier; maschinenschriftlich
Ereignis:
Herstellung
(wer):
Oskar Schlemmer 1889-1955 (Verfasser)
Willi Baumeister 1888-1943 (Adressat)
(wann):
21.12.1926
Schlagwort:
Archivgut
Inventarnummer:
AOS 2015/1475
Rechteinformation:
Staatsgalerie Stuttgart, Archiv Oskar Schlemmer
Letzte Aktualisierung: 28.03.2019, 13:28 Uhr

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