Der digitale Tellerrand 01: „Bewegte Jahre – Ein Web-Journal zur Erkundung des Jugendstils“

In einer Reihe von Gastbeiträgen stellen wir zukünftig spannende Themen und Projekte von Daten- und Kooperationspartnern der Deutschen Digitalen Bibliothek vor: Sei es eine neue Art und Weise sich einem spezifischen Bestand oder einer historischen Epoche zu nähern, sei es eine neue virtuelle Ausstellung oder ein besonderes Digitalisierungsvorhaben. Der Gedanke dahinter? Ein Blick über unseren digitalen Tellerrand, an dem wir unsere Leserinnen und Leser gerne teilhaben lassen wollen!
 
Das Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, mit vielen tollen Objekten Datenpartner der Deutschen Digitalen Bibliothek, hat sich der Ära des Jugendstils auf ganz eigene Art genähert: Ein Web-Journal führt den Besucher durch die „Bewegten Jahre. Auf den Spuren der Visionäre“.
 
Als erste in dieser Beitragsreihe berichten Dr. Manuela von Rossem und Friederike Fankhänel des Museums für Kunst und Gewerbe Hamburg von der Zeit des Jugendstils, ihrer Idee für das Web-Journal und dessen Umsetzung.

_________

Bewegte Jahre. Auf den Spuren der Visionäre

Ein Gastbeitrag von Dr. Manuela van Rossem und Friederike Fankhänel des Museums für Kunst und Gewerbe Hamburg

Das Web-Journal „Bewegte Jahre“ folgt den Akteuren des Jugendstils in eine neue Zeit. (Screenshot)
Das Web-Journal „Bewegte Jahre“ folgt den Akteuren des Jugendstils in eine neue Zeit. (Screenshot)

Zu kaum einer Zeit in seiner Geschichte ist der Mensch so kreativ, so innovativ und so produktiv wie von der Mitte des 19. bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts. Das Klima dieser Jahre scheint günstig für bahnbrechende Entdeckungen und weitreichende Erfindungen, für gesellschaftliche Entwicklungen und nachhaltige Lebensreformen.

Es herrscht Aufbruchsstimmung in der westlichen Hemisphäre. Die Weltausstellungen bieten seit 1851 die große Bühne für den rasanten technischen Fortschritt. Die Mobilität der Menschheit macht einen Sprung nach vorne, Dampfmotoren lassen Schiffe stromaufwärts fahren, treiben Lokomotiven an, dann löst die gerade erfundene Elektrizität diesen Mechanismus ab. Automobile für den Individualisten werden erst mit Dampf, dann mit Elektrizität und erst später mit einem Verbrennungsmotor bewegt. Telegrafie und Telefonie vernetzen die Welt. Gesellschaftsmodelle kommen auf den Prüfstand und werden – mit großem Widerstand und ebensolcher Vehemenz – verändert.

Fahrbare Gehsteige neben der Bahnlinie in Paris, 1900, aus: Julius Meier-Graefe, Die Weltausstellung in Paris 1900 / Universitätsbibliothek Heidelberg, CC BY 3.0 DE
Fahrbare Gehsteige neben der Bahnlinie in Paris, 1900, aus: Julius Meier-Graefe, Die Weltausstellung in Paris 1900 / Universitätsbibliothek Heidelberg, CC BY 3.0 DE

Künstlerinnen und Künstler beteiligen sich rege am Wandel der Welt. Die neuen Ausdrucksmittel finden im Jugendstil eine Länder übergreifende Formensprache. Gestalterische Höchstleistungen präsentieren sich auf den Weltausstellungen etwa in Paris (1900) und Turin (1902) einem internationalen Publikum.
 
1900 reist auch der Gründungsdirektor des Museums für Kunst und Gewerbe, Justus Brinckmann, nach Paris und legt mit seinen weitsichtigen Ankäufen den Grundstein für dieses Haus. Als Vorbildersammlung gedacht, inspiriert es seitdem Generationen von Kreativen.

„Pariser Saal“ im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, 2015 © MKG
„Pariser Saal“ im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, 2015 © MKG

2015 werden die Exponate neu geordnet, das Sammlungsprofil geschärft und – durch Leihgaben anderer Häuser in der Sonderausstellung „Jugendstil. Die große Utopie“ kontextualisiert. Damit ergibt sich ein umfassendes Bild der Zeit um 1900. Die Objekte verorten die Geburtsstunde von Frauenrechten, das Aufkommen von Erziehungsreformen, die Entwicklung von Gesundheitssystemen und neue Lebensstile im Ablauf der Geschichte. Aber nicht nur. Die Erzählung erlaubt auch den Brückenschlag zu heutigen Trends, setzt moderne Errungenschaften in einen größeren Zusammenhang und verändert die Perspektive.

„Bewegte Jahre“ auf dem Tablet: Der fiktive Reporter besucht die Wiener Werkstätte, CC BY-SA 4.0
„Bewegte Jahre“ auf dem Tablet: Der fiktive Reporter besucht die Wiener Werkstätte, CC BY-SA 4.0

Um die Zeit des Umbruchs nachhaltig mit Leben zu füllen, haben wir die Erkenntnisse der Sonderausstellung und der Sammlungsneupräsentation in einer Geschichte gebündelt, die sich um einen erfundenen Hauptakteur entwickelt, jedoch an realen Orten und mit wirklichen Protagonisten spielt. Durch das, als Reisetagebuch eines jungen, fiktiven, Reporters konzipierte, Web-Journal „Bewegte Jahre. Auf den Spuren der Visionäre“ haben User*innen die Möglichkeit, auch fernab des Museums durch die Zeit zu reisen.

Christian Heller berichtet über mutige Frauen und die gewagte Mode von Gustav Klimt. (Screenshot)
Christian Heller berichtet über mutige Frauen und die gewagte Mode von Gustav Klimt. (Screenshot)

In acht Kapiteln und über einen Zeitraum von knapp zwei Jahrzehnten zieht sich die Tour vom Hamburger Arbeiterviertel auf Freuds Couch in Wien, führt über die Pariser Weltausstellung in den Glasgower Tea Room, um nach einem Urlaubstrip mit Licht, Luft und Rohkost auf einen Hügel bei Ascona zurück nach Hamburg zu kommen, das sich mit neuem Universitätsklinikum und gerade eröffnetem Stadtpark sehr gewandelt zeigt. Fotografien, Filmmaterial, Musik und Texte jener Zeit veranschaulichen die Geschehnisse, die Begegnung mit den Persönlichkeiten vermittelt das revolutionäre Gedankengut der Jahre um 1900.

Ausgewählte Jugendstil-Exponate können die User direkt auf Pinterest teilen. (Screenshot)
Ausgewählte Jugendstil-Exponate können die User direkt auf Pinterest teilen. (Screenshot)

Wer sich in die eine oder andere Perspektive vertiefen möchte, kann den Originalquellen durch direkte Verweise und eine thematische Linksammlung weiter folgen. Wer sich kreativ mit den künstlerischen Arbeiten jener Jahre auseinander setzen möchte, dem stehen über die MKG Sammlung Online frei nutzbare Vorlagen zur Verfügung.
 
„Bewegte Jahre. Auf den Spuren der Visionäre“ haben wir zudem als barrierefreie Webseite entwickelt. Wer nicht selbst lesen möchte, nutzt unsere Audioversion, blinde und sehbehinderte Menschen können die Inhalte außerdem durch auslesbare Bildbeschreibungen und eine tastaturbasierte Navigation entdecken. Der Prolog in Deutscher Gebärdensprache bietet tauben und schwerhörigen Nutzern einen ersten Zugang zum Web-Journal.
 
Kontakt: Dr. Manuela van Rossem, Friederike Fankhänel, vermittlung [at] mkg-hamburg.de
______

Links

„Bewegte Jahre. Auf den Spuren der Visionäre“ – Das Web-Journal des Museums für Kunst und Gewerbe Hamburg
 
Die Jugendstilbestände des Museums für Kunst und Gewerbe in der Deutschen Digitalen Bibliothek  
 
Die virtuelle Ausstellung zum Jugendstil der Europeana