Bestand

Schule Salem, Handakten Kurt Hahn (Bestand)

Überlieferungsgeschichte

Im Sekretariat Kurt Hahn / Lina Richter abgelegtes Schriftgut zur Schule Salem, vermischt mit Privatkorrespondenz Hahns und Schriftgut der Markgräflichen Verwaltung zur Schule. Vermutlich nach der Emigration Hahns 1933 mit Handakten der ebenfalls vertriebenen Lehrerinnen Ewald, Köppen und Rokoll ins markgräfliche Archiv übernommen, ergänzt durch Materialsammlungen zu gefallenen Schülern und Schriftgut der Nachkriegszeit.

Inhalt und Bewertung

Organisation und Finanzierung der Schule, Verbindung zu anderen Privatschulen, Korrespondenz zu und mit Schülern während deren Schulzeit und danach

Überlieferung: Kurt Hahn, engster Mitarbeiter des Prinzen Max von Baden und spiritus rector der Salemer Schulgründung, unterschied in seiner Schriftgutführung offenbar nicht exakt zwischen Angelegenheiten des Prinzen, der Schule und seiner eigenen Person und Familie - konnte es wohl auch gar nicht, da auch seine Korrespondenzpartner diese Unterscheidung kaum beachteten und der Prinz mit den Fragen der Schulorganisation, die weitverzweigte Familie Hahn mit der Finanzierung der Schule und die politischen Freunde Hahns mit allen drei Bereichen: mit Prinz Max, mit der Familie Hahn und über ihre eigenen Kinder, die sie nach Salem schickten, auch mit der Schule verbunden waren. So findet sich Korrespondenz Hahns mit Schüler-Eltern ebenso in den Schülerhandakten wie in seiner Korrespondenz für den Prinzen (im Familienarchiv, Nachlass Prinz Max); politische Beratungen etwa mit Wilhelm Solf gelangten sowohl in die Korrespondenz Solf (im Prinz Max-Nachlass) wie in die Handakte zu Solfs Sohn Hans-Heinrich, Beratungen mit Arnold Wahnschaffe über das Ehrengerichtsverfahren gegen Prinz Max finden sich in dessen Nachlass wie in der "Sonstigen Korrespondenz" in den Schulakten Hahns. Eine gewisse Unbekümmertheit Hahns mag dazu gekommen sein, diese verschiedenen Überlieferungen zu vermischen; gerade Wilhelm Solf, der Hahn schon seit 1914 kannte, mahnte ihn spitz bei einer Aktenausleihe, "dass sich das Schriftstück nicht unter Ihren Papieren verkrümelt" (1.10.1929, Nr. 476). Dazu kommt: Kurt Hahn und Lina Richter hatten sich seit den Jahren im Auswärtigen Amt und dann vor allem seit der gemeinsamen Redaktion der "Erinnerungen" des Prinzen Max so sehr an die Zusammenarbeit gewöhnt, dass sich auch ihre Korrespondenz nicht mehr trennen ließ, obwohl auch hier Angelegenheiten des Prinzen, der Schule und der jeweiligen Verwandten ineinander liefen. Für weitere Verunklarung sorgte die Durchsuchung des Büros Hahn 1933 und Beschlagnahme von Schriftgut durch die Gestapo; Einzelteile davon wurden 1934 an das Generallandesarchiv in Karlsruhe abgeliefert und dort in das Haus- und Staatsarchiv eingegliedert (vgl. GLA 46 Nr. 7493 - inzwischen dem Haus Baden restituiert - und FA N 5740). Womöglich erklärt sich auch gerade aus diesem Gewaltakt der Verhaftung Hahns und seiner anschließenden Emigration nach England die Verwahrung seiner Schul-Handakten beim Salemer Nachlass des Prinzen Max: Es ist immerhin denkbar, dass dessen Sohn, Markgraf Berthold - der ja nicht nur Hausherr und Mitfinanzier der Schule war, sondern vorübergehend auch ihr Leiter - das persönliche Schriftgut Hahns an sich nahm, um es vor weiterem staatlichen Zugriff zu schützen. Der Zeitpunkt dieser Sicherungsmaßnahme bleibt unklar; manche Schülerakten reichen noch in die Zeit nach Hahns Emigration, wurden also fortgeführt. Zugleich scheint aber eine nicht unbeträchtliche Zahl dieser Schülerakten ebenfalls als Handakten bei Lehrkräften entstanden zu sein, die wie Hahn Salem verlassen mussten, allen voran Marina Ewald, die auch über ihre Entlassung hinaus trotz Verbots Briefkontakt mit Schülern unterhielt, und Maria Köppen. Diese Fälle und einige wenige Akten aus der Zeit der Schulleitung von Gustav Mittelstraß lassen darauf schließen, dass die Hahnsche Hinterlassenschaft noch einige Zeit aus anderen Quellen angereichert wurde, z.B. aus der Markgräflichen Verwaltung selbst bei Schulangelegenheiten (Akten des Verwalters Franz von Hornstein), bei der Materialsammlung für Nachrufe auf gefallene Schüler durch Otto Glaeser oder auch erst nach Kriegsende: So gelangten z.B. Handakten von Erich Meissner 1960 an die Markgräfliche Verwaltung, und auch die Schriftführer des Alt-Salemer-Bundes gaben ihre Korrespondenz mit Ehemaligen (wie schon Magda Rokol, bei der viele Fäden zusammenliefen) an das Markgräfliche Archiv. Offenbar war es all diesen Akteuren wichtig, dass diese Überlieferung nicht im eigentlichen Schularchiv abgelegt wurde, das parallel dazu ja bestand. Kurt Hahn selbst bestimmte seinen Nachlass - soweit er z.B. in Veröffentlichungen und Entwürfen die Kriegszeit überstanden hatte - für Prinz Ludwig von Baden, einen Sohn Markgraf Bertholds. Nach Hahns Tod 1974 ging dieser Teil seines Nachlasses - dessen Umfang wir letztlich nicht kennen - durch einen tragischen Verkehrsunfall verloren: Beim Transport nach Salem verbrannten die Fahrerin und ihr Fahrzeug (Auskunft Prinz Ludwigs von Baden 2015). 2014 hinterlegte das Haus Baden die Akten unter Eigentumsvorbehalt im Generallandesarchiv Karlsruhe, um sie ebenso wie den Nachlass des Schulgründers, des Prinzen Max, der öffentlichen Nutzung leichter zugänglich zu machen. In einem Projekt der Stiftung Kulturgut Baden-Württemberg wurden sie hier neu inventarisiert und geordnet.

Ordnung und Verzeichnung: Die Markgräfliche Verwaltung hatte die Hahnschen Akten wohl in den 1970er Jahren in Leitz-Ordner verpacken und verzeichnen lassen; die Benutzbarkeit war damit gesichert. Die Formierung musste allerdings auf moderne Din-Formate Rücksicht nehmen und geriet dabei in Schwierigkeiten bei älteren Papiermaßen oder Zeitschriften, die gefaltet und auf Mittelrandlochung getrimmt wurden; damit waren sie nur noch schwer zu handhaben. Bei der Neubearbeitung im Generallandesarchiv blieben die alten Akteneinheiten gewahrt; nur ganz heterogene Akteninhalte wurden voneinander gelöst. Die störende Büroheftung wurde aufgegeben. Da sich ein alter Aktenplan nicht erkennen ließ, war eine neue Sachsystematik notwendig. Die oft komplexen Inhalte sind nach Möglichkeit in den Enthält- und Darin-Vermerken dargestellt; das gilt insbesondere für die Schülerakten, die vielfach Informationen weit über den Schulbetrieb hinaus enthalten. Im Personenindex sind die Namen von Kurt Hahn und Lina Richter als passim-Einträge nicht ausgeworfen; die ungleichmäßigen Erweiterungen mancher Personen-Lemmata im Index beruhen auf der Bindung an den Personennormindex des landeskundlichen Informationssystems LEO-BW. Besonderer Dank gebührt Herrn cand. phil. Stefan Holz für seine Hilfe und seine Sorgfalt bei der Erschließung, die er neben seinem Geschichtsstudium ehrenamtlich übernahm.

Inhalt: Der Bestand bezieht sich in einem größeren Teil auf Personal, Organisation und Landwirtschaftsbetrieb der Schule, in einem nur wenig kleineren auf die Schüler selbst. Zugleich dokumentiert der Bestand die Weite des geistigen Horizonts Kurt Hahns: seine politischen Ambitionen (noch in der Ära Brüning verfasste er Denkschriften für die Reichsregierung, wie er es seit 1915 fast ununterbrochen getan hatte), seine philosophischen Diskussionen (z.B. mit Leopold Ziegler), seine pädagogische Programmatik (die er in Vorträgen, in der Korrespondenz mit den Protagonisten der Landschulheimbewegung oder mit den Eltern von Schülern verfocht) und nicht zuletzt seine organisatorische, andauernde Hochspannung, die beim Schulsport und bei den Werbereisen für die Schule ebenso zur Geltung kam wie bei den Finanzierungsfragen. Bei diesem letzten Punkt war die Situation oft dramatisch; die Folgen von Hahns Unkenntnis und Unbekümmertheit in Gelddingen wurden von den erfahreneren Freunden manchmal nur mühsam aufgefangen. Gerade diese weitgespannten Freundschaften waren dabei ein Teil des sozialen Netzes, das Hahn in Berlin und England schon vor dem Krieg geknüpft hatte und das mit seiner Tätigkeit für Prinz Max sich noch fester zog: In dieser Beziehung bilden die großen Finanzierungsaktionen Hahns für Johannes Lepsius, für die politischen Ambitionen des Prinzen Max und für die Heidelberger Vereinigung (vgl. dazu das Schriftgut im Nachlass des Prinzen) ebenso wie die für die Schulgründung und -erhaltung ein Ganzes, da die Akteure dabei immer dieselben waren. Die Geldgeber waren auch einbezogen in die Überlegungen zu Kauf oder Pacht weiterer Schulgebäude an nahen oder auch entfernteren Orten (Hermannsberg, Spetzgart, Hohenfels, Birklehof, Neustadt, aber auch Angebote aus Bayern, Österreich, Liechtenstein), die umfangreich dokumentiert sind. Breiten Raum nimmt daneben aber auch die pädagogische Arbeit Hahns und der anderen Lehrer und Erzieher ein (v.a. Lina Richter, Marina Ewald, Maria Köppen). Sowenig die Handakten die regulären Schülerakten ersetzen können - nur selten gerieten Bestandteile der Buchführung in die Handakten und viele Handakten enthalten lediglich Durchschriften von Beurteilungen - , so intensiv spiegeln sie in der Original-Korrespondenz mit Eltern und mit den Schülern selbst den ausgeprägten Anspruch der Schule, in der "Menschenführung" autark und unanfechtbar zu sein. Angesichts der didaktischen Vorbildung und der Lebensläufe dieser ersten Lehrergeneration liest sich dieser Diskurs erstaunlich, auch wenn er nur selten so eskaliert wie zwischen Kurt Hahn und etwa Golo Mann (Nr. 334); der Wille der Pädagogen, Charaktere zu bilden und darüber zu urteilen, war dominant. Zugleich drückt sich aber auch in den oft jahrelangen Korrespondenzen mit Schülern nach Ende von deren Schulzeit das besondere Vertrauensverhältnis aus, das hier entstehen konnte und das Hahn auch einmal als eine Art "Orden" bezeichnete - eine persönliche Nähe, die dann vor allem bei der Emigration Hahns nach England und der "pädagogischen Gleichschaltung" Salems (Nr. 506) die Risse durch die Schule umso gravierender werden ließen. Die Vermittlungsversuche des von Hahn geschätzten Gustav Mittelstraß lassen sich an einigen solcher Bruchstellen noch nachvollziehen; die Ära Heinrich Blendinger wird dagegen, wie es die Überlieferungsgeschichte des Bestandes ja nahelegt, fast nicht mehr greifbar. Dagegen lässt die Korrespondenz der Alt-Salemer dieses starke Bewusstsein der Zusammengehörigkeit eindrucksvoll nachvollziehen. Aus der Nachkriegszeit und der zweiten Ära Hahns in Salem bzw. auf dem Hermannsberg ist nur Weniges in den älteren Bestand gelangt, ein Teil davon vermutlich wiederum aus der Markgräflichen Verwaltung selbst. Der Bestand umfasst 994 Nummern in ca. 10 lfd.m. Karlsruhe, im Mai 2017 Konrad Krimm

Reference number of holding
Abt. Generallandesarchiv Karlsruhe, 69 Baden, Salem-13
Extent
994 Akten

Context
Landesarchiv Baden-Württemberg, Abt. Generallandesarchiv Karlsruhe (Archivtektonik) >> Dynastie und Regierung >> Bodensee-Fideikommiss

Indexentry person
Indexentry place
Herrmannsberg : Hattenweiler, Heiligenberg FN

Date of creation of holding
(1897 -) 1920 - 1954

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Last update
03.04.2025, 11:03 AM CEST

Data provider

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Object type

  • Bestand

Time of origin

  • (1897 -) 1920 - 1954

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