Archivalie
Lieber Herr Schawinsky, Ihr Brief hat mich und uns sehr vergnügt...
Transkription: Eggenhalden, d 12.8.25 Bodensee Lieber Herr Schawinsky, Ihr Brief hat mich und uns sehr vergnügt. Besonders weil es heute und gestern auch regnet und das sonstige Vergnügen, Baden im Leibach u Bodensee, in dessenfolge im Saal stattfindet. Wir haben das reine Bauhaus hier. Die Wohnstube ist oft die reine Exposition internationale des arts decoratifs et infantiles aus Baukästen, Corso aus Puppenwagen, Modenschau mit trockenen u nassen und gefärbten Windeln und Kindeln, ein Fesselballon, der die Luft nicht halten kann, eine Vexier-Seine, die wechselnd entspringt und im Putzlumpen mündet, Schnakenjagd, Mückenfang, Selbstkino und Selbstchinese, Rosenhecken, Hosenröcke, Bremsen, Dunkles, Dorfmusike. Ein Schritt und wir sind international: in Österreich, Bayern, Deutschland. - Wir bewohnen ein Haus aus Brettern, die die Welt bedeuten, und Glas, wie leicht bricht das; es hat - letzte Nouveauté - ein S C H R Ä G E S Dach, (daß ich nicht lach) - und wenn man ganz genau hinsieht, sieht man das Gebirge. Den "Gaurisankar" wie meine Frau sagt, es ist aber nur der St. Säntis. Störung. - Kindergeschrei. - frische Pfeife. - für die anläßlich meines Bauhaus-Todes zum Ausdruck gebrachten Beileidskundgebungen danke ich als anderweitig Lebender verbindlichst. Ich wußte nicht daß ich in der Zentrale als verdorben und gestorben proklamiert werde und ich bin so neugierig zu wissen, ob von höchster Stelle oder von welcher, in welcher form und mit welchen Begleiterscheinungen. Ist ein Anschlag auf mein Leben am schwarzen (schwarzen!) Brett erfolgt? für wann sind die Trauerfeierlichkeiten angesetzt? Arbeiten Sie an dem diebezügl. Trauerlustspiel? Ist es eine Satyre oder ein Hymnus? Ein Schwank oder ein Possenspiel? Da meine (ahü!) Lehrtätigkeit auf diesem Gebiet vorschriftsmäßig noch bis 1. April dem Geburtstag meines Sohnes währt und dieser sich jährt, wäre mir Gelegenheit gegeben, selbst Regie zu führen und mich sterben u leben zu lassen. Der Haken in [...] Köhe wird eine Hauptrolle spielen; der daran hängt, wird aus der Rolle fallen, wenn er den Moment der Trennung zwischen Kunst und Leben nicht gebührend beachtet. Mit Ihren I a = Menü im Magen auf offener Scene eingenommen würde sichs schon leben lassen; es soll, beim Hängen, nur leicht wieder von einem gehen. Es ist schade um die Bühne. Ich habe mich tatsächlich darauf gefreut endlich positiv und grundlegend zu arbeiten. Da aber mein Tod dorten als Tatsache gebucht wird, heißt es eben, standhaft verzichten. Sie werden unter einem Regieregime Moholy oder Kandinsky oder beider sicher oder noch sicherer Ihre schnurgerade Laufbahn zum Erfolg, der im Intendantenindanten endigt, resp. General = absolvieren und Ihr guter Vater wird Ihnen, gerührt, die Hilfe anbieten, die Sie dann nicht mehr nötig haben werden. Arbeiten! und nicht ver 1-2-3 feln ist die einzige Lösung, Lösung und Tröstung, die ich momentan in der Lage bin, Ihnen zu verabfolgen aber lassen Sie mich weiterhin von den Modellen und Atmosphären wissen; ich bin über die Parteien hinweg nachhaltig interessiert, ja: moralisch verpflichtet, Ihnen mit Rat - sofern mir die Tat versagt bleiben sollte, zu helfen und zu dienen. Ich werde ein Festspiel dichten, das sich gewaschen hat, und das wie jede starke Dichtung unaufführbar sein wird. Hier steh ich - ich kann ich nicht anders! - Vielleicht auch wäre in einer stillen Stunde eine Ehrentafel im Bühnenabort zu errichten, wo die erlauchten Gefallenen, z.B. Kurt Schmidt etc. getrieben und blank gerieben verzeichnet wären. Aber lasset die Toten die Toten begraben .... und lassen Sie das Leben leben, in welches volle man bekanntlich nur hineinzugreifen braucht. Ich weiß zur Stunde - welche hier pünktlich die Schwarzwalduhr mit Kukukschrei und Kettenrasseln anzeigt - nichts weiter zu berichten. Berichten aber Sie bald wieder. Ich denke den August hier zu bleiben mit Abstecher nach Berchtesgaden u Salzburg. Grüßen Sie, wo es angebracht ist, und seien Sie es selbst, bestens und herzlich von me
- Sammlung
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Archiv Oskar Schlemmer
- Inventarnummer
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AOS 2015/1462
- Material/Technik
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Papier; Tinte
- Ereignis
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Herstellung
- (wer)
- Provenienz
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Abschrift vorhanden; Ordner 1920-1926 und Oskar Schlemmer. Briefe und Tagebücher, 1958
- Rechteinformation
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Staatsgalerie Stuttgart
- Letzte Aktualisierung
- 28.03.2025, 12:10 MEZ
Datenpartner
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Objekttyp
- Archivalie
Beteiligte
- Oskar Schlemmer (04.09.1888 - 13.04.1943)
- Xanti Schawinsky (25.03.1904 - 11.09.1979)