Kaltnadelradierung

Selbstbildnis am Fenster, zeichnend

Das Selbstbildnis am Fenster zeigt Rembrandt 1648 als einen Mann mittleren Alters. Es ist das letzte radierte Selbstbildnis Rembrandts und unterscheidet sich grundlegend von allen zuvor entstandenen Arbeiten. Wir sehen den Künstler nicht in der Tradition eines italienischen Malerfürsten, wie in dem 1639 radierten „Selbstbildnis mit aufgelehntem Arm“ (Bartsch 21), das sich an Raffaels Porträt des Baldassare Castiglione orientiert (Paris, Musée du Louvre), und auch nicht in einem gemeinsamen Bildnis mit seiner Ehefrau Saskia (Bartsch 19; vgl. auch SMBS, Inv.-Nr. 1630-0039-00). Wir blicken in einen dunklen Raum und sehen den Künstler sitzend, vor einem Folianten, der mit mehreren Blättern bedeckt ist, beim Zeichnen. Rembrandt trägt einen Hut mit schmaler Krempe und eine Malerjacke. Aus dem Dunkel blickt uns der Meister durch seine blitzenden Augen direkt an. Auf diese Weise entsteht ein Dialog, der uns die Rolle des Porträtierten zuweist. - Rembrandts Radierung liegt eine Komposition zugrunde, die er bereits in früheren Zeiten immer wieder verwendete: Er spielt mit Gegensätzen. Der Betrachter blickt in das Gegenlicht des Fensters auf der linken Seite. Zugleich blickt er aber auch in einen dunklen Raum, der so schlecht beleuchtet ist, dass nur die Gegenstände im unmittelbaren Vordergrund des Ateliers sichtbar werden. Diese Zweideutigkeit ist in der Technik der Radierung extrem schwer umsetzbar. Umso deutlich wird, wie virtuos Rembrandt den Gegensatz zwischen Licht und Dunkelheit dargestellt hat. - Auffällig ist, dass Rembrandt jeglichen künstlerischen Pathos vermieden hat. In früheren Interpretationen wurde Rembrandt in dieser Radierung als geläuterte Persönlichkeit gesehen: Nach einem kometenhaften beruflichen Aufstieg und extrem selbstbewusster Darstellungsrhetorik in seinen Bildern, folgte mit dem Tod Saskias eine Wendung in seinem Leben. Auch wenn sich derartige Vermutungen nicht belegen lassen, so ist doch unverkennbar, dass wir es mit einem Selbstbildnis zu tun haben, das jeglicher exaltierten Selbstinszenierung entbehrt. -
Urheber / Quelle: Lars Berg

Urheber*in: Rembrandt / Rechtewahrnehmung: Städtisches Museum Braunschweig | Digitalisierung: Dirk Scherer

Attribution - NonCommercial - NoDerivates 4.0 International

Location
Städtisches Museum Braunschweig
Inventory number
1630-0038-00
Measurements
Breite: 131 mm (Blatt)
Höhe: 157 mm (Platte)
Breite: 130 mm (Platte)
Höhe: 160 mm (Blatt)
Material/Technique
Papier; Kaltnadel

Related object and literature
Beschrieben in: E. Hinterding und Rutgers, J., „1625 - 1637 ; nos. 1 - 166. The new Hollstein Dutch & Flemish etchings, engravings and woodcuts, 1450 - 1700 ; [25]“. Sound & Vision Publishers [u.a.], Ouderkerk aan den Ijssel, 2013. (25, Rembrandt, text].II.155.240 VIII; [25, Rembrandt, plates].II.249.240/VIII)
Beschrieben in: „Rembrandt by himself : [this book was published to accompany an Exhibition at the National Gallery, London, entitled "Rembrandt by Himself", 9 June 1999 - 5 September 1999 and at Royal Cabinet of Paintings Mauritshuis, The Hague, 25 September 1999 - 9 January 2000]“. National Gallery Publications [u.a.], London, 1999. (Kat.-Nr. 62)
Beschrieben in: E. Hinterding, Luijten, G., und Royalton-Kisch, M., „Rembrandt the printmaker : [.. exhibition shown in two parts at the Rijksmuseum, Amsterdam (cats 1-46, 22 July - 8 October 2000; cats 47-90, 14 October 2000 - 7 January 2001) and in one exhibition at the British Museum, London (26 January 2001 - 8 April 2001)]“. Rijkmuseum, Amsterdam, 2000. (Kat.-Nr. 58)
Beschrieben in: H. Berger, „Fictions of the pose : Rembrandt against the Italian Renaissance“. Stanford University Press, Stanford, Calif.ornia, 2000. (S. 399-402)
Beschrieben in: „Rembrandt etchings from the Frits Lugt Collection : [catalogue raisonné]“. Thoth, Bussum, 2008. (Kat.-Nr. 14)
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Beschrieben in: L. Berg und P. Joch, „Von Rembrandt bis Baselitz Meisterwerke der Druckgraphik : aus der Sammlung des Städtischen Museums Braunschweig“. Michael Imhof Verlag, Petersberg, 2020. (S. 46-47, Kat. Nr. 6; Abb. S. 47.)
Beschrieben in: „Catalogue raisonné de toutes les estampes qui forment l'oeuvre de Rembrandt, et ceux de ses principaux imitateurs“. Danz, Leipzig, 18801797. (B 22)
Beschrieben in: Bartsch Rembrandt I.15.22 New Hollstein Dutch and Flemish (Rembrandt text) II.155.240 New Hollstein Dutch and Flemish (Rembrandt plates) II.251.240

Classification
Grafik (Objektgattung)
Subject (what)
Kopfbedeckung (mit NAMEN)
Porträt, Selbstporträt eines Künstlers
historische Person (mit NAMEN)
offenes Fenster

Event
Entstehung
(when)
1648
Event
Herstellung
(who)

Delivered via
Last update
09.09.2025, 8:22 AM CEST

Data provider

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Object type

  • Kaltnadelradierung

Time of origin

  • 1648

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