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Kloster Lehnin, Rietzer Dorfstraße

Denkmalart:
Baudenkmal
Land:
Brandenburg
Kreis:
Potsdam-Mittelmark
Ort:
Kloster Lehnin
Ortsteil:
Rietz
Straße und Hausnummer:
Rietzer Dorfstraße
Bezeichnung:
Dorfkirche - Dorfkirche
Beschreibung:
Denkmaltopographie Potsdam-Mittelmark, Bd. 14.1, 2009, S. 498 ff.
Der kleine verputzte Saalbau mit dreiseitigem Ostschluss und Westturm steht innerhalb der westlichen Gehöftreihe, von der Straße etwas zurückversetzt, auf dem bis heute belegten Kirchhof. Dieser wird zur Straße durch einen erneuerten schmiedeeisernen Zaun abgegrenzt. Davor und im hinteren Teil des Kirchhofs stehen jeweils zwei alte Kastanien (19. Jh.).
Rietz gehörte bis 1335 als Tochterkirche zu St. Katharinen in der Neustadt Brandenburg; dann wurde es Filia von Schmerzke; heute wird es von Gollwitz (Gemeinde Brandenburg-Ost) betreut. Im Mittelalter gehörte es zur Sedes Brandenburg, vor 1573 kam es zur Inspektion, 1806 zur Superintendentur Brandenburg-Dom, 1949 zur Superintendentur Brandenburg. Rietz war mit vier Pfarrhufen ausgestattet (1624). Die Kirche besaß 1541 eigenes Land und Wiese; 1576 und 1650 einen »Gottesmann«. Das Patronatsrecht hatte der Bischof von Brandenburg bzw. das Prämonstratenser-Domkapitel Brandenburg, seit dem 16. Jh. der Kurfürst bzw. Fiskus.

Der im späten 18. Jh. errichtete Saalbau mit dreiseitigem Ostschluss besitzt einen eingezogenen Westturm auf annähernd quadratischem Grundriss. Dessen massiver Unterbau stammt noch von der mittelalterlichen Kirche und dürfte auf das 15. Jh. zurückgehen. Aus den Akten zum Neubau des Schiffs ergibt sich, dass der Vorgänger ein 46 Fuß langer und 18 Fuß breiter, mit Mauersteinen verblendeter Holzbau war. Bei dem zwei Geschosse hohen Turmoberteil handelte es sich um eine 1782 einsturzgefährdete Fachwerkkonstruktion mit Ziegelausfachungen und abschließender »Kuppel«.
Über den komplizierten Entstehungsprozess des Kirchenneubaues geben die Schriftquellen detailliert Auskunft. 1780 wird die Initiative des für Rietz zuständigen Predigers Michael Lenz für einen dringend benötigten Kirchenneubau aktenkundig. Daraufhin untersuchte Bauinspektor Wittke die alte Kirche, die er in einem Bericht 1782 als baufällig und zu klein bezeichnete. Zugleich legte er den Entwurf für einen Neubau vor. Die massive Bauweise, je drei Fenster auf den Längsseiten, die Einbeziehung des alten Turmunterbaues und der mit Dachsteinen belegte Rücksprung an dessen Oberkante sowie der Turmabschluss mit Zeltdach finden sich beim ausgeführten Bau wieder; abweichend sind hingegen der gerade Ostschluss, der Haupteingang in der Mitte der Südseite, die flachbogigen Schiffsfenster und die Gestaltung der neuen Turmobergeschosse. Die Verfügung des Kurmärkischen Amtskirchen-Revenuendirektoriums, die alte Kirche solle lediglich repariert und der benötigte Platz durch den Einbau von Emporen geschaffen werden, umging Wittke mit der Vermutung, das Holzwerk sei hinter der Verblendung verfault und der Bau sei für Emporeneinbauten zu schmal und zu niedrig. Auf Antrag der Kurmärkischen Kriegs- und Domänenkammer fertigte Landbaumeister Keferstein 1787 einen neuen Entwurf, da der von Wittke als zu aufwendig empfunden worden war. 1788-90 erfolgte die Bauausführung durch Maurermeister Martin Vogt (nach dessen Tod weitergeführt durch Maurermeister Friedrich Bernhard) sowie Zimmermeister Daniel Becker, alle aus Spandau.
1826 kam es zur Instandsetzung des Äußeren und Inneren der Kirche durch Maurermeister Lunitz sen. und Zimmermeister Bendel. Hintergrund waren im oberen Bereich des Turms aufgetretene, vom Glockenstuhl herrührende Risse. Um einem Einsturz vorzubeugen, veranlasste Bauinspektor Heidfeld 1844 eine eingreifende Erneuerung des Turmoberteils durch die selben Handwerker. Dazu wurden Teile abgetragen und verfaulte Hölzer ausgewechselt. 1861/62 erhielt die Kirche eine Bretterdecke durch Zimmermeister Leue aus Brandenburg sowie einen Ölfarbenanstrich. Eine Erneuerung des Außenputzes durch Maurer Ullrich aus Rietz folgte 1871. Im Zusammenhang mit dem Orgeleinbau 1887 kam es zu Reparaturen durch Maurermeister A. Eiserbeck aus Golzow, der 1890 auch die Turmspitze erneuerte. Bei der Kirchenrenovierung 1907/09 wurden Maurer- und Malerarbeiten, Ausbesserungen des Daches und Tischlerarbeiten an den Sitzen durchgeführt.
Nach einer Dachreparatur 1955 folgten 1956-57 die Erneuerung des Außenputzes und die von Kirchenbaurat Wendland geplante Neugestaltung des Inneren. Entgegen ersten Planungen von 1953 wurde der reizvolle barocke Kanzelaltar – 1904 von Büttner noch als wertvoll angesehen (1907 Beihilfe zur Restaurierung gewährt) – nicht restauriert, sondern ebenso wie die östliche Empore und die darunter befindliche Sakristei entfernt. Man entsprach damit dem Wunsch der Gemeinde, den Innenraum zu erweitern. Es kam zur völligen Neugestaltung des Ostteils der Kirche mit dem Altarbereich. Außerdem wurden die Deckengestaltung vereinfacht und unter der Westempore eine Winterkirche eingebaut.
Bei der Renovierung 1998-2000 durch Hubertus Kuhlmey wurden das Mauerwerk trockengelegt, eine Schwammbekämpfung durchgeführt, Putzschäden behoben, Inneres und Äußeres neu gestrichen (alte Farbschichten blieben darunter erhalten), das Dachwerk saniert, Dächer mit Biberschwanzziegeln neu gedeckt und im Inneren die Holzbalkendecke freigelegt.
Den 15,21 m x 9,59 m großen Ziegelbau mit einfacher Putzgliederung zeichnet ein dreiseitiger Ostschluss aus. Fassaden an den Gebäude- und Polygonecken durch Lisenen belebt, die mit dem profilierten Traufgesims verkröpft sind (ehemals mit Putzquaderung). Je drei große Rechteckfenster auf der Nord- und Südseite (Fensternischen innen flachbogig); Polygonseite ohne Fenster, da sich hier Sakristeieinbau und Kanzelaltar befanden.
Von der mittelalterlichen Kirche der 4,98 x 5,98 m messende, ca. 5,3 m hohe Unterbau des Westturms einbezogen; dessen dicke Mauern aus Mischmauerwerk mit Feld- und Backstein. Ein Stück unterhalb der Schiffstraufe Übergang zum zurückspringenden jüngeren Turmschaft, überbrückt durch Pultdächer. Dieser sehr schlicht und nur durch Ecklisenen gegliedert; große Rechteckblenden bzw. -fenster, oben kleine Flachbogenöffnungen. Abschluss durch leicht geschwungenes Zeltdach. Ein flachbogiges einfaches Westportal führt in die Turmhalle mit ehemals gewölbter Decke (so 1782); zum Schiff durch Spitzbogen aus großformatigen mittelalterlichen Backsteinen geöffnet. Oberer Teil des Turms aus Ziegelmauerwerk (teilweise älteres Material wiederverwendet). Im dritten Obergeschoss flachbogige Wandnischen und diverse Inschriften (Personen ab 1925).
Das ursprünglich durch eine glatte Putzdecke mit bortengerahmtem mittleren Zierfeld abgeschlossene Innere wurde durch den barocken Kanzelaltar geprägt. Seit der mit Beseitigung wesentlicher Teile der alten Ausstattung verbundenen Renovierung unter Wendland von nüchternem Charakter. Im Bereich des Polygons ursprünglich eine Empore mit dem Kanzelzugang und einem als Sakristei genutzten Raum darunter. Bei der jüngsten Renovierung Holzbalkendecke freigelegt. Nur in der südlichen Abstellkammer im Turm noch alter Ziegelfußboden (wie ursprünglich auch im Kirchenschiff) erhalten. Der in den 1950er Jahren neu gestaltete Altarbereich um drei Stufen aus Klinkern erhöht; Altartisch, Kanzel, Taufstein und sechs Wandleuchter aus dieser Zeit. Unter der Empore Winterkirche abgetrennt. – Über dem Schiff Sparrendach mit liegender Stuhlkonstruktion aus verzapften Hölzern und Hängewerk mit Überzug von 1789/90; die Hauptgebinde mit Firstsäulen und Spannriegeln (in Abstand unter den Kehlbalken). Hölzer teilweise erneuert.

Ausstattung
Altar. 1956/57. Schlichter Tisch mit Ziegelpfosten und kleinem Altarkreuz. Ersetzte den reizvollen barocken Kanzelaltar, dessen Restaurierung noch 1953 vorgesehen war (auch 1956 hatte Wendland noch Wiederverwendung der »guten Teile« vorgesehen). Zwei Altarleuchter aus Messing, ohne Inschrift; Barockimitationen mit rundem Fuß und Balusterschaft.
Taufe. 1956/57. Runde steinerne Kuppa auf Klinkerfuß. Im Süden des Altarbereichs. Ersetzte einen 1866 angeschafften Taufstein.
Kanzel. 1956/57. Massiv, verputzt. Im Norden des Altarbereichs am Boden aufgestellt.
Orgel. 1887-88 von Carl Eduard Gesell aus Potsdam, dem Lehrer Alexander Schukes (Disposition, Kostenanschlag und Zeichnung 1886). 1957 Wiederherstellung des durch Kriegseinwirkung 1945 beschädigten Instruments durch Alexander Schuke aus Potsdam, verbunden mit Einbau eines elektrischen Gebläses. 8 Register, 1 Manual und Pedal; mechanische Schleiflade. Dreiteiliger Prospekt, die Felder durch Pilaster gerahmt, über dem Mittelteil Zieraufsatz mit Rosetten. Gutes Beispiel einer kleinen Dorfkirchenorgel.
Petrusbild. 18. Jh. Auf Holztafel in Rechteckfeld als Ganzfigur; unten in weiterem Rechteckfeld Blumenstrauß (beschnitten). Wohl Rest der alten Kanzel, wiederverwendet als Tür eines Verschlags unter der Turmtreppe (in Abstellkammer auf Südseite des Turms).
Gemeindegestühl. Vielleicht noch um 1790; später repariert. Sehr einfach; in zwei Blöcken angeordnet.
Westempore. 1790 die Emporen fertiggestellt; verändert 1887 im Zusammenhang mit Aufstellung der Orgel, die den Mittelteil einnimmt. Toskanische Holzsäulen; Brüstung mit einfachen Rechteckfeldern.
Gedenktafel für Gefallene 1814. Bemalte Holztafel. Gottfried Lehnert und Martin Grützmacher, starben an Folge von Wunden aus Gotha bzw. Glatz (i).
Zwei Glocken von 1918 (i). Keine Gießerei genannt. Sie ersetzen die beiden im Ersten Weltkrieg abgelieferten Glocken, eine war 1661 von Simon Colle aus Brandenburg (i), die andere 1738 von Johann Gotthold Weinhold aus Dresden (i) gegossen worden. Verloren ist auch eine 1920 vorhandene kleine mittelalterliche Glocke.

Die Kirche ist das Wahrzeichen und zugleich das älteste Gebäude des Ortes. Es reicht mit dem Turmunterbau bis ins Mittelalter zurück. Der zwar massive, aber sehr schlichte Neubau des Schiffs von 1790 verdeutlicht die damalige Sparsamkeit staatlicher Stellen und ist ein Beispiel für einfache Gemeindekirchen, die kein adliger Patronatsherr zur Selbstdarstellung nutzte. Beim 1957 durch Kirchenbaurat Wendland neu gestalteten Altarbereich wurde erneut äußerste Schlichtheit zum Gestaltungsziel erhoben.

Quellen: A. Cante 2005, S. 173-181; Themel/Ribbe 1986 (Kirchenbücher), S. 337. BLDAM, Akten Provinzialverband Brandenburg, Landesdenkmalamt Brandenburg, Lkr. Brandenburg, Nr. 55 (1904-07 zum Kanzelaltar); Altakte IfD, Nr. 04/02/41, I 521 (1953-58); Objektakte PD (2 Teile) mit Schadensgutachten von Hubertus Kuhlmey vom 1.10.1998 (darin Grundrisse und Schnitt) und holzschutztechnischer Untersuchungsbericht von Michael Stahl vom 26.10.1998); Fotosammlung, historische Aufnahmen. BLHA, Pr. Br. Rep. 2 A, Regierung Potsdam, Abt. II, Kirchen- und Schulwesen, Kreis Zauch-Belzig, Nr. 2174 (Bau und Unterhaltung der Kirche und Kirchensitze, Bd. 1: 1780-1904, darin »Zeichnung zu einer Kirche in Rietz unter dem Amte Ziesar, ohnweit Brandenburg […]«, Südansicht, Emporengrundriss, Grundriss »Zu dem Bericht und Anschlag vom 24ten Febr. 1782 des Wittke« [so nicht ausgeführt] sowie Skizze zur Verteilung der Kirchenstühle vom 14. September 1861). DStA, Depositum Pfarrarchiv Schmerzke, S 120/131 (Rechnungen über Einnahme und Ausgabe der Kirchenkasse Rietz 1853-1910); S 134/36 (u.a. Instandsetzung der Kirche in Rietz 1954-1956 [eigentlich ab 1953]); S 150/41 (Reparatur der Kirche und Orgelbau zu Rietz, enthält auch Zeichnungen des Orgelprospektes 1885-1886 [eigentlich bis 1888]); S 153/100 (Orgel der Kirche zu Rietz 1950-1957) und S 154/110, Zeichnungen von Altarraum, Altarkreuz und Leuchter der Kirche zu Rietz 1956 [eigentlich 1956-1957]. Rietz, Kirche, Foto des Inneren nach Osten (Anfang 20. Jh.).
Literatur: Wolff 1920, S. 93; Klünder 1951, S. 57 und 67; Drescher 1968 (Erfassungskartei im BLDAM); Kurztopographie 1978, S. 52; Rohrlach 1977 (Ortslexikon), S. 363-365; Lohmann 1993 (Orgelerfassung); Vinken 2000 (Dehio), S. 937; Bergelt, Orgelreisen 2005.
Beteiligte:
Keferstein, Johann Christian Friedrich [Entwurf von 1787 für neuen Kirchbau unter Einbeziehung des mittelalterlichen Kirchturms Entwurf]
Wendland, Winfried [Neugestaltung des Kircheninneren nach seinen Vorgaben Planung]
Ereignis:
Datierung
(wann):
1401/1500
Ereignis:
Erweiterung
(wann):
1788-1790
Ereignis:
Umgestaltung
(wann):
1956-1957
Rechteinformation:
BLDAM
Letzte Aktualisierung: 01.04.2016, 09:40 Uhr

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