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Technik und Handeln: wenn soziales Handeln sich auf menschliches Verhalten und technische Artefakte verteilt

"Die Frage nach der Technik und dem Handeln hat eine lange Tradition. In ihr wurden die Sphären der Technik und des menschlichen Handelns überwiegend streng getrennt. Die Technik lag im Reich der Notwendigkeit; sie bestand aus sachlichen Objekten; für sie galten die Regeln des Sachzwangs; ihr Verhalten war durch Repetitivität und Zuverlässigkeit gekennzeichnet; Schematismen, Funktionalitäten und Automatismen machten sie aus. Das Handeln hingegen rangierte hoch oben im Reich der Freiheit; es war den menschlichen Subjekten vorbehalten; für sie wurden die rationale Wahl und das Recht der Aushandlung von Regeln angenommen; ihr Verhalten wurde mit Kreativität und Kontingenz verbunden; das Wesen menschlichen Handelns wurde in der Fähigkeit zur Reflexion, zur situativen Interaktion und in der Autonomie gesehen. Diese dualistische Auffassung von Mensch und Technik lässt sich in der knappen Aussage zusammenfassen: 'Menschen handeln, Maschinen funktionieren nur.' Beide Seiten der Aussage wollen wir in Frage stellen. Die Menschen sind weniger die immer und überall autonom und allein Handelnden, als die wir uns gerne sähen. Die Biologie von Darwin bis Wilson hat aufgewiesen, wie stark menschliches Handeln durch Vererbung und Umweltmechanismen eingeschränkt ist. Die Psychologie von Freud bis Skinner hat den narzistischen Stolz des Menschen auf seine Autonomie tief gekränkt, indem sie auf die großen Anteile unbewusster Handlungstriebe und reaktiver Verhaltensmechanismen aufmerksam gemacht hat. Die Soziologie von Marx über Mead bis Merton hat nachgewiesen, dass soziale Struktur und sozialer Sinn wesentlich als nichtintendiertes Ergebnis gesellschaftlicher Interaktion entstehen und nicht als beabsichtigtes Resultat individuellen Handelns. Es wird nicht nur im Alltag davon gesprochen, dass Menschen 'funktionieren'. Auch in den empirischen Handlungswissenschaften gibt es genügend Belege für repetitives Verhalten, Mechanismen der Handlungskoordination und Funktionslogiken, welche die Rede von der Autonomie des Handelns in die Schranken weisen. Die Frage nach dem Handeln stellt sich vor diesem Hintergrund neu: Was kann unter diesen Bedingungen Handeln heißen? Wer oder was alles kann als 'Akteur' wirken und so bezeichnet werden?" (Textauszug)

Technik und Handeln: wenn soziales Handeln sich auf menschliches Verhalten und technische Artefakte verteilt

Urheber*in: Rammert, Werner; Schulz-Schaeffer, Ingo

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Alternative title
Technology and action: when social action is distributed over human behavior and technical artefacts
ISBN
3-593-37154-5
Extent
Seite(n): 11-64
Language
Deutsch
Notes
Status: Veröffentlichungsversion

Bibliographic citation
Können Maschinen handeln? : soziologische Beiträge zum Verhältnis von Mensch und Technik

Subject
Soziologie, Anthropologie
Wissenschaftssoziologie, Wissenschaftsforschung, Technikforschung, Techniksoziologie
Theorie
soziologische Theorie
Handlung
künstliche Intelligenz
soziotechnisches System
Handlungstheorie
Gesellschaft
Mensch-Maschine-System
interaktive Medien
Technologie
Technisierung
Gesellschaftstheorie
neue Technologie
Mensch
Technik
Denken
Interaktion
Wissen
deskriptive Studie

Event
Geistige Schöpfung
(who)
Rammert, Werner
Schulz-Schaeffer, Ingo
Event
Herstellung
(who)
Rammert, Werner
Schulz-Schaeffer, Ingo
Event
Veröffentlichung
(who)
Campus Verl.
(where)
Deutschland, Frankfurt am Main
(when)
2002

URN
urn:nbn:de:0168-ssoar-122133
Rights
GESIS - Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften. Bibliothek Köln
Last update
21.06.2024, 4:26 PM CEST

Data provider

This object is provided by:
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Object type

  • Sammelwerksbeitrag

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  • Rammert, Werner
  • Schulz-Schaeffer, Ingo
  • Campus Verl.

Time of origin

  • 2002

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