Warum Coding da Vinci die Welt zu einem besseren Ort macht: Ein Interview

Von Wiebke Hauschildt (Online-Redaktion)

Dieses Wochenende, am 12. & 13. Oktober 2019, startet das Kick-Off unseres Kultur-Hackathons Coding Da Vinci Westfalen-Ruhrgebiet in der Zeche Zollern in Dortmund. Höchste Zeit, um ausführlich mit Philippe Genêt zu sprechen, seines Zeichens Projektleiter der Geschäftsstelle Coding da Vinci, welche bei der Deutschen Digitalen Bibliothek/Deutsche Nationalbibliothek in Frankfurt am Main angesiedelt ist. 

Wir wollten von ihm wissen, was er eigentlich macht, wo die ganzen offenen Kulturdaten herkommen und warum Coding da Vinci die Welt zu einem besseren Ort macht.

Lieber Philippe, bitte stell dich und die Geschäftsstelle Coding da Vinci kurz vor. Was machst du/ihr? Wie wird man Projektleiter der Geschäftsstelle und wofür ist die Geschäftsstelle primär verantwortlich? 

Die Geschäftsstelle von Coding da Vinci gibt es seit April 2019 dank einer großzügigen Förderung im Programm Kultur Digital der Kulturstiftung des Bundes. Ich habe das Glück und die Ehre, die Geschäftsstelle leiten zu dürfen und dieses spannende Projekt nun insgesamt vier Jahre zu begleiten. Mein Team – Andrea Lehr und Ilias Kyriazis – und ich koordinieren die in der Regel zweimal jährlich in wechselnden Regionen stattfindenden Hackathons, beraten die regionalen Veranstalterteams, die Teilnehmenden und die datengebenden Kulturinstitutionen. Darüber hinaus kümmere ich mich um die Öffentlichkeitsarbeit (wie in diesem Interview) und die strategische Weiterentwicklung von Coding da Vinci – in Absprache mit den Gründerorganisationen und der Kulturstiftung. 

Kulturprojekte haben es mir schon immer angetan. Bevor ich zu Coding da Vinci kam, war ich im Börsenverein des Deutschen Buchhandels, dem Dachverband der Buchbranche, unter anderem zuständig für den Deutschen Buchpreis und den Vorlesewettbewerb des Deutschen Buchhandels. Mit dieser Erfahrung im Kulturprojekt-Management war ich gut gerüstet für meinen jetzigen Job – aber ich lerne auch jeden Tag etwas Neues, hier an der Schnittstelle zwischen Kultur und dem digitalen Raum. Es wird in den nächsten Jahren sicher kein bisschen langweilig.

Die Coding da Vinci Geschäftsstelle (v.l.n.r.): Philippe Genêt, Ilias Kyriazis und Andrea Lehr, Fotograf: Stephan Jockel/DNB (CC-BY 4.0 International)
Die Coding da Vinci Geschäftsstelle (v.l.n.r.): Philippe Genêt, Ilias Kyriazis und Andrea Lehr, Fotograf: Stephan Jockel/DNB (CC-BY 4.0 International)

Und womit beschäftigst du dich jetzt gerade?

Gerade stehen wir kurz vor dem Kick-Off von Coding da Vinci Westfalen-Ruhrgebiet am 12./13. Oktober in Dortmund. Da gibt es natürlich allerhand zu tun: Ablauf- und Einsatzpläne besprechen, letzte Nachzügler unter den Datengebern „verarzten“, Grußworte formulieren und so weiter.

Außerdem haben wir auf der Frankfurter Buchmesse zwei Veranstaltungen (ein Live-Coding und eine Podiumsdiskussion zum Thema Dekolonisierung und Open Data), die uns gerade auch in Atem halten. „Nebenbei“ bereiten wir den Relaunch der Coding da Vinci-Website vor, liegen mit dem Konzept für eine Inkubationsförderung in den letzten Zügen und beschäftigen uns gedanklich schon mit den beiden Hackathons im kommenden Jahr. 

Coding da Vinci gibt es seit 2014. Was genau macht einen Kultur-Hackathon im Gegensatz zu einem „regulären“ Hackathon aus? 

Ein klassischer Hackathon gibt den Teilnehmenden wenig Zeit, um Softwareanwendungen zu entwickeln – in der Regel ein Wochenende. Coding da Vinci hingegen erstreckt sich über sechs bis zehn Wochen. Dieser erweiterte Zeitrahmen schafft den nötigen Raum, in dem sich die Open Data- und Creative Tech-Communitys und die Kulturerbeinstitutionen treffen, voneinander lernen und miteinander aktiv werden können. Da sie sich bis dahin oft in verschiedenen Sphären bewegt haben, ist der Faktor Zeit ein wichtiger Brückenbauer. 

Beim zweitägigen Kick-Off präsentieren die Institutionen den Teilnehmenden ihre Daten, entwickeln mit ihnen gemeinsam Ideen und bilden Teams. In der darauffolgenden Sprintphase von sechs bis zehn Wochen erstellen die Teams aus diesen Ideen funktionierende Prototypen, die in der Abschlussveranstaltung mit Preisverleihung der Öffentlichkeit präsentiert werden.

Die Teilnehmer*innen testen eine VR-Anwendung bei der Preisverleihung 2017 im Jüdischen Museum Berlin, Foto: Wiebke Hauschildt/Deutsche Digitale Bibliothek (CC BY-SA 4.0 International)
Die Teilnehmer*innen testen eine VR-Anwendung bei der Preisverleihung 2017 im Jüdischen Museum Berlin, Foto: Wiebke Hauschildt/Deutsche Digitale Bibliothek (CC BY-SA 4.0 International)

Wo kommen die freien Kulturdaten her?

Im Vorfeld des Kick-Offs stellen Kulturinstitutionen eine ihrer digitalisierten Sammlungen oder einen Ausschnitt daraus samt den zugehörigen Metadaten für den Hackathon zur Verfügung. Bei Coding da Vinci machen neben einigen großen, im Digitalen erfahrenen Institutionen auch viele kleinere mit, die oft zum ersten Mal ihre Daten offen bereitstellen. Darum unterstützen wir sie gemeinsam mit dem jeweiligen regionalen Veranstalterteam mit Workshops und Infoveranstaltungen, mit individueller Beratung, Datenclearing und Server-Space. Hier wirkt Coding da Vinci wie ein Verdichter, bei dem alle Aspekte im Umgang mit offenen Kulturdaten einmal durchgespielt werden – inklusive der Nachnutzung durch die Hackathon-Teilnehmer*innen.

Was ist die Motivation der Kultureinrichtungen bei der Teilnahme? Warum nehmen die Hacker*innen teil und wer sind die?

Kulturinstitutionen können bei Coding da Vinci wie gesagt alle Aspekte der offenen Bereitstellung ihrer Daten ausprobieren, ohne erst so etwas wie eine Open Access-Strategie entwickeln zu müssen. Sie machen dabei wertvolle Erfahrungen und erhalten professionelle Unterstützung bei der Lizenzierung und der Strukturierung von Metadaten. 

Für die Teilnehmer*innen bietet Coding da Vinci in erster Linie einzigartige Inhalte, mit denen man bei Hackathons üblicherweise nicht in Kontakt kommt. Viele begeistert die Möglichkeit, kreativ mit Kulturdaten, also der eigenen Geschichte zu arbeiten und innovative Nutzungsarten dafür zu entwickeln, neue Zugänge zu schaffen und die Daten in bislang ungeahnte Zusammenhänge zu stellen. 

Wo die Teilnehmenden – Hacker*innen, Coder*innen, Designer*innen, Kreative, Künstler*innen und Kultur(daten)begeisterte – herkommen ist sehr unterschiedlich, da die Communitys kaum organisiert sind. Darum erfolgt die Ansprache je nach den regionalen Gegebenheiten über OK Labs, lokale Meet-Ups, andere Hackathons, verschiedene User Groups, persönliche Kontakte oder im regionalen Veranstalterteam aktive Organisationen und Vereine. 

Nach den ersten bundesweiten Hackathons in Berlin fiel die Entscheidung für regionale Hackathons. Was war die Überlegung dahinter? 

Coding da Vinci will langfristig Strukturen schaffen, in denen Kulturinstitutionen und interessierte Teile der Zivilgesellschaft auf Basis offener Daten zusammenarbeiten können – und das nicht nur in Berlin. Durch die Regionalisierung wollen wir im ganzen Land möglichst viele Kulturinstitutionen erreichen, mit dem Konzept offener Daten vertraut machen, Hemmschwellen abbauen und Möglichkeiten im digitalen Raum aufzeigen. Ebenso wollen wir den Communitys in allen Ecken der Republik näherbringen, dass Kulturdaten für die Kreativität äußerst anregend sind und spannende neue Themenfelder eröffnen. Und schließlich ist auch die Vernetzung ein wichtiger Aspekt, der im Kleinen besser funktioniert als auf bundesweiter Basis: Bei Coding da Vinci treffen Mitglieder der Open Data- und Creative Tech-Communitys auf Kulturinstitutionen aus der Region und daraus können langfristige persönliche und berufliche Kontakte entstehen, die nicht an geografischen Hürden scheitern.

Coding da Vinci Westfalen-Ruhrgebiet: Logo
Coding da Vinci Westfalen-Ruhrgebiet 2019

Kannst du mir Beispiele nennen für Anwendungen, die in den letzten Hackathons entwickelt wurden und die besonders erfolgreich im Sinne des Grundgedankens von Coding da Vinci waren? 

Da fallen mir spontan zwei Projekte aus dem letzten Hackathon ein. Bei Coding da Vinci Süd hat ein Team den Linked Stage Graph entwickelt, eine Datenvisualisierung, die ein Konvolut von 7.000 Fotografien des Staatstheaters Stuttgart aus dem Landesarchiv Baden-Württemberg für Laien wie Experten gleichermaßen durchsuch- und explorierbar macht. Dafür wurden die Metadaten nach Linked Data überführt und mit anderen Wissensgraphen verknüpft – und nebenbei haben sie die schwarz/weiß-Fotos mit Hilfe einer KI auch gleich automatisch koloriert. Dieser Ansatz zur Strukturierung ist auch auf andere Datensätze anwendbar und dadurch für viele Kulturinstitutionen nützlich. Das sah übrigens auch die Jury so und zeichnete das Projekt mit dem Preis „most useful“ aus.

Auch die Schmankerl Time Machine entstand in diesem Jahr bei Coding da Vinci Süd. Datenbasis waren historische Speisekarten der Monacensia im Hildebrandhaus. Mit der Schmankerl Time Machine kann man sich nicht nur mit einem bestimmten Budget ein historisches Münchener Menü zusammenstellen – zum Beispiel aus Hirnsuppe und Herz am Spieß –, seine Lieblingsrezepte kann man dank einer Verlinkung zur Datenbank von chefkoch.de sogar nachkochen. Außerdem ist auf einer Karte verzeichnet, welche Lokale es noch gibt und welche wann geschlossen wurden. So bietet die Anwendung neben dem spielerischen Zugang auch der Wissenschaft einen Ansatzpunkt. Das Projekt erhielt einige öffentliche Aufmerksamkeit: Sogar private Sammler haben sich aufgrund dessen beim Datengeber gemeldet, um ihre historischen Speisekarten zu spenden.

Ein älteres Projekt, das 2017 in der Berliner Ausgabe von Coding da Vinci entstand, ist seit Kurzem im App Store erhältlich: Berliner MauAR hat pünktlich zum dreißigjährigen Jubiläum des Mauerfalls die Marktreife erreicht und bietet nun allen Berliner*innen und Besucher*innen der Stadt die Möglichkeit, die Mauer mittels ihrer Smartphones und Tablets wieder zu erleben. Mit Augmented Reality, GPS-Lokalisierung und Cloud Anbindung lädt die App historische Bilder der Mauer herunter und positioniert sie im freien Feld dort, wo sie geschossen wurden. Die Fotos zeigen, wie die Mauer aussah und wie sie sich über die Zeit veränderte. Bei einem Klick auf die Bilder erscheinen Erklärungstexte des Datengebers, der Stiftung Berliner Mauer, im 3D-Raum und geben weitere Einblicke in die Geschichte Berlins.

Warum macht Coding da Vinci die Welt zu einem besseren Ort?

Ganz einfach: Coding da Vinci bringt Menschen zusammen, die gemeinsam kreativ werden, die sich mit Kultur und Geschichte befassen und daraus Neues erschaffen – ohne Konkurrenzdruck, ohne wirtschaftliche Hintergedanken, einfach aus Spaß an der Sache. Und ganz nebenbei hilft Coding da Vinci, das kulturelle Erbe in Deutschland ein Stück offener und zugänglicher für alle zu machen. 

Vielen Dank für das Gespräch!

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Mehr Informationen

Coding da Vinci Westfalen-Ruhrgebiet – der Kultur-Hackathon

Wann?
Samstag, 12. Oktober (10 – 19 Uhr) & Sonntag, 13. Oktober 2019 (10 – 20 Uhr)

Wo?
LWL-Industriemuseum Zeche Zollern
Grubenweg 5
44388 Dortmund

https://www.lwl.org/industriemuseum/  oder Mail an codingdavinci [at] lwl.org 

Coding da Vinci Webseite
https://codingdavinci.de/events/westfalen-ruhrgebiet/ 
 
Twitter
 #codingdavinci
#cdvwest
 
@codingdavinci
@cdvwest 

Coding da Vinci Westfalen-Ruhrgebiet wird veranstaltet vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL), vom OWL Kulturbüro, dem Kulturbüro Münsterland und dem Hartware MedienKunstVerein (HMKV). 

Gefördert im Programm Kultur Digital der Kulturstiftung des Bundes

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