Bestand

Patrizierarchiv Neithardt Urkunden (Bestand)

Vorwort: Im Rahmen der von der Stiftung Kulturgut des Landes Baden-Württemberg geförderten Erschließung und Bestandserhaltung der Archive der Ulmer Patrizierfamilien Krafft, Neithardt, Gassold, Karg und Schermar wurden zwischen Mai und Dezember 2009 die Urkunden des Familienarchivs der Neithardt zu Ulm parallel zur Erschließung der Akten verzeichnet.

Digitalisate der Urkunden wurden 2019 durch die Förderung der Deutschen Forschungsgemeinschaft im Rahmen des Programms "Wissenschaftliche Literaturversorgungs- und Informationssysteme" ermöglicht, von der Firma MAUD in Mannheim angefertigt und für die Öffentlichkeit bereitgestellt.

1. Zur Geschichte der Neithardt in Ulm

"Diese Familie aber kommt zwar den vorangehenden und folgenden gleich an Adel des Geschlechts und des Blutes, übertrifft aber alle unendlich an Adel des Geistes, der hervorgeht aus Anlagen zur Wissenschaft und sicherer Erfahrung; denn ich weiß nicht, von welchem Genius begünstigt diese Familie es erreicht hat, daß von ihr so viele und bedeutende Männer von den Wissenschaften erleuchtet von Alters her bis jetzt erglänzten, so daß es fast unglaublich scheint und wie ein staunenswertes Wunder berichtet wird. Denn diese Familie hatte und hat noch heute mehrere ausgezeichnete Meister der Künste in Wissenschaften, Theologen, Kanoniker, Gesetzeskundige, Juristen, Geschichtschreiber, von denen wir im geistlichen Stande große Kanoniker von Kathedral- und Kollegiatkirchen, Vikare von Bischöfen, Propsteiverweser, Dekane, Kuratoren und Rektoren großer Parochien gesehen haben. Im weltlichen Stand aber haben wir von denselben manche Bürgermeister von Reichsstädten, Leiter von Gemeinwesen, Protonotare in geschäftsvollen Kanzleien von Fürsten und Städten gesehen, ferner siegelnde Amtmänner, Sekretäre, Richter und Senatoren. Und um besonders von großmächtigen Sprößlingen dieser Familie zu reden und meinen Vorsatz kund zu tun, muß ich erwähnen, daß vor wenigen Jahren in Ulm der ausgezeichnete Herr Hainrich Nithart Protonotar der Stadt war. Dieser hatte viele Söhne, die fast alle zu so berühmten Männern heranwuchsen, daß sich alle verwunderten; und es war eine gemeine Rede in Schwaben, daß die Söhne dieses genannten Herrn Hainrich fähig wären mit ihrer Weisheit und ihrem Fleiß das Reich zu regieren, und man sagte, daß es in einem ganzen Königreich nicht so viele und so bedeutende Gelehrte gebe, als dieser eine Mann an seinen Söhnen gehabt hat."
Diese Begeisterung des Chronisten Felix Fabri um 1480 ist durchaus nachvollziehbar, denn kaum eine andere Ulmer Patrizierfamilie hat das geistig-kulturelle Leben Ulms im 15. Jahrhundert wohl so nachhaltig geprägt wie die der Neithardt. Obwohl sie offenbar erst in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts von Biberach nach Ulm übersiedelte, konnte sie dort alsbald wichtige Postionen einnehmen. Der "Stammvater" war dabei der Stadtschreiber Heinrich Neithardt, der spätestens 1380 in diesem Amt nachweisbar ist und es offenbar bis zu seinem Tod 1414 ausfüllte. Seine zehn oder elf Söhne, die aus zwei Ehen hervorgegangen waren, sollten in Ulm und darüber hinaus wirken: während Ambrosius, Hans und Dr. Peter Neithardt (Studium u.a. in Padua) nacheinander wiederum als Stadtschreiber tätig waren, Bartholomäus dieselbe Funktion in Nürnberg einnahm, traten Heinrich, Ludwig, Wilhelm und Matthäus in den geistlichen Stand. Sie belegten zahlreiche einflussreiche Stellen im kirchlichen Leben Südwestdeutschlands, u.a. an den Domkapiteln in Augsburg und Konstanz, als Pröpste in Ittingen und Wiesensteig oder als Inhaber etlicher Pfründen. Der päpstlich privilegierte Heinrich Neithardt leitete darüber hinaus von 1424 bis zu seinem Tod 1439 die Geschicke der Ulmer Pfarrei. Er stiftete 1437 die Neithardtkapelle im Ulmer Münster mit der damit verbundenen Bibliothek, zu der er selbst mit beeindruckenden 300 Bänden den Grundstock legte. Sein Bruder Matthäus folgte ihm bis 1456 als Ulmer Pfarrer nach. Auch auf den Konzilien von Konstanz und Basel waren die geistlichen Neithardt präsent und spielten wichtige Rollen. Die stetig ausgebaute und mit mehreren Ordnungen ausgestattete Bibliotheks- und Studienstiftung trug maßgeblich zur hohen geistigen Ausbildung der Familienmitglieder bei, wie sich auch in den folgenden Generationen zeigen sollte. Parallel dazu wurden, wenn auch vergleichsweise bescheidene Anstrengungen zur Bildung eines niederadeligen Kleinterritoriums betrieben, vor allem im Raum um Laupheim (u. a. Baustetten, Bihlafingen, Rißtissen, Donaurieden, Achstetten), woher die Familie wohl ursprünglich stammte. Dazu kam noch der Kauf Böfingens bei Ulm von den Strölin. Insbesondere die Stadtschreiber der Neithardt nahmen aktiv an der Politik ihrer Stadt und Südwestdeutschlands teil, hielten - wie die Korrespondenzen belegen - enge Kontakte zu ihren Amtsgenossen der anderen Reichsstädte, vermittelten in Streitigkeiten und partizipierten am wirtschaftlichen Leben ihrer Zeit. Ihre familiären Verbindungen, in Ulm vor allem mit den Geschlechtern der Leo, Krafft und Roth, reichten u. a. nach Augsburg, Memmingen, Ehingen und Zürich.
Anscheinend verblieben nur von Hans und Ambrosius männliche Nachkommen, doch sind in dieser Generation erneut maßgebliche Persönlichkeiten zu finden, allen voran Dr. Heinrich Neithardt, der von 1471-1476 und von 1479-1500 die Ulmer Pfarrei innehatte. Daneben verfügte er über Kanonikate in Augsburg, die Propstei von St. Felix und Regula in Zürich, die Propstei von Wiesensteig und war Domdekan und Domkustos in Konstanz. Vom Wirken dieses durchaus auch streitbaren Klerikers sind noch zahlreiche schriftliche Zeugnisse vorhanden. Sein Bruder Ludwig, Amtmann in Konstanz, begründete dort einen weiteren Zweig der Familie. Ihre Neffen Dr. Matthäus und Ulrich Neithardt waren später als Bürgermeister in Ulm und in wichtigen Positionen des 1488 gegründeten Schwäbischen Bundes tätig. So war Ulrich Neithardt Bürgermeister, als 1530 die Reformation in Ulm eingeführt wurde. Obwohl zur Mitte des 16. Jahrhunderts zahlenmäßig noch stark vertreten, sank die Bedeutung der Familie offenbar langsam herab, wohl auch, weil die grundherrschaftliche Basis recht knapp bemessen war und durch Erbteilungen sicherlich geschwächt wurde. Mit Hans Sebastian zu Baustetten starben die Neithardt 1658 in männlicher Linie aus. In der Neithardtkapelle des Ulmer Münsters finden sich heute noch etliche Epitaphien von Familienangehörigen und herausragende Kunstwerke ihrer Zeit, die beeindruckende Grabplatte des Stiftungsgründers Heinrich Neithardt steht an der inneren Nordwand des Münsterchores.

2. Zur Archivgeschichte

Hier ist zuvorderst anzumerken, dass sich Unterlagen, vor allem Urkunden, aber ebenso Korrespondenzen der Neithardt sowie ihre amtlichen Angelegenheiten, auch in anderen reichsstädtischen Beständen finden. Dies gilt insbesondere für die reichsstädtischen Urkunden, sowie für die Selektbestände A Urk. Germ. Nat. und A Urk. Veesenmayer (allein hier 127 Stück!). Darum müssen bei einer Recherche auch diese korrespondierenden Bestände unbedingt mit einbezogen werden.
Aus der älteren Zeit gibt es nur wenige Hinweise auf ein geordnetes Familienarchiv. Dort scheinen in organisierter Form überwiegend die Stiftungs-, Pfründen- und Grundherrschaftsurkunden gelagert worden zu sein, wie aus den Rückvermerken vieler Urkunden zu erschließen ist. Die übrigen Dokumente, vor allem die Rechnungen, umfangreichen Korrespondenzen, Konzepte und weitere private Unterlagen scheinen mehr oder weniger aus den Handakten einiger in Ulm wirkender Persönlichkeiten (v.a. Dr. Peter und Dr. Heinrich Neithardt sowie Ambrosius und Hans Neithardt) hervorgegangen zu sein, für eine planvolle Lagerung fehlt hier jede Spur. Daher liegt der Schwerpunkt der Überlieferung ganz eindeutig auf dem 15. Jahrhundert. Diese ist dafür jedoch sehr vielfältig und spiegelt sowohl das Privat- und Geschäftsleben der Neithardt und ihre Amtsführung, als auch allgemein die Ulmer Geschichte des Spätmittelalters wider. Deshalb finden sich zahlreiche Schriftstücke in den Unterlagen, bei denen der Bezug zur Familie Neithardt nicht unmittelbar ersichtlich ist. Nicht zuletzt sind einige Dokumente im Bestand enthalten, die über keinerlei Bezug zur Familie verfügen, deutlich nach deren Aussterben entstanden und wohl eher zufällig zu den Unterlagen gelangt sind, z.B. Hospitalrechnungen des 18. Jahrhunderts.

3. Zur Ordnung und Verzeichnung des Archivs

An den Akten und Urkunden wurden während des 19. und 20. Jahrhunderts offenbar mehrfach Verzeichnungsversuche durchgeführt, aber insbesondere für die Akten nie systematisch zu Ende gebracht. Auch waren vielfach Akten und Urkunden durchmischt, so dass nun eine klare Abgrenzung vorgenommen werden musste. Ebenso mussten zahlreiche Vorgänge und besonders die völlig durcheinander geratenen Korrespondenzen wieder so weit wie möglich zusammengeführt werden. Die ansatzweise begonnene, aber wenig sinnvolle und unübersichtliche Einzelblattverzeichnung der Akten wurde zugunsten größerer Verzeichnungseinheiten bereinigt.
Ein Personen- und Ortsregister erschließt den Bestand. Nach Abschluss der Erschließung wurde das Familienarchiv Neithardt in säurefreie Aktenumschläge und Archivkartons verpackt und magaziniert. Der Bestand umfasst 141 Urkunden und 214 Akteneinheiten.

Bestandssignatur
E Neithardt Urkunden

Kontext
>> Familien- und Herrschaftsarchive, Archive von Organisationen und Firmen

Bestandslaufzeit
1392/1750

Weitere Objektseiten
Letzte Aktualisierung
03.04.2025, 12:43 MESZ

Datenpartner

Dieses Objekt wird bereitgestellt von:
Haus der Stadtgeschichte - Stadtarchiv Ulm. Bei Fragen zum Objekt wenden Sie sich bitte an den Datenpartner.

Objekttyp

  • Bestand

Entstanden

  • 1392/1750

Ähnliche Objekte (12)