Archivalie
Lieber Dieter Keller, heute mal in Sepia. - ich ging heut...
Transkription: Lieber Dieter, heute mal in Sepia. Ich ging heut nochmal in mein bisheriges Zimmer und fand dort Ihre 2 Feldpostpäckchen! Welche Herrlichkeit ! Wenn Sie wüßten, was es hier für ein Kunststück ist, ein paar Zigaretten zu ergattern: Die Geschäfte machen nur auf Stunden auf zu unregelmäßigen Zeiten und hängen nach einer halben Stunde ihr Plakat heraus ¿Tagesmenge ausverkauft!¿. Daß die ¿Wild Woodbine¿ eigentlich Engländer in Dünkirchen rauchen sollten, ändert nichts an der Freude: erhöht nur den Reiz. Ich hätte Ihnen heute übrigens ¿sowieso` geschrieben, denn ich wunderte mich, wie lang ich nichts mehr von Ihnen hörte. An Urlaub war wohl nicht mehr zu denken? Und glauben Sie vor dem Frühjahr oder während des Frühjahrs die Offensive? Was hat diese aber mit Polen zu tun? Nach der letzten Rede ist man stark und siegessicher. Siegen wir also, damit Sie so bald als möglich heimkommen! Der bittere Winter geht ja langsam zuende ¿ hatten Sie sehr unter der Kälte zu leiden? Vermutlich ¿ es gab hier schon einmal einen fast Frühlingstag, aber heute rieselt wieder leise der Schnee. ¿ Ich habe lustige Tage hinter mir infolge der drei wöchentlichen Anwesenheit Willy Baumeisters. Wir aßen kürzlich Austern und Hummer und tranken mehr als einmal Sekt ¿ auf Repräsentationskosten. WB ist, in der Fremde, ganz wie einst (Lässt dies Rückschlüsse zu, daß er zuhause nicht so sein darf?), wir machen Ulk ganz unkriegerisch und ganz wie einst zu unseren besten Zeiten. Rückseite WB sollte ¿eigentlich¿ wie ich auch hier sich etablieren, aber er findet 1000 Ausflüchte und mehr Arbeit für ein weiteres Jahr mit in diesem Doppersberg ist eine Masse Raum, ganz unerlaubt viel; ein altes Haus, was auch mal Hotel war, wird sozusagen inwendig ausgenommen und total umgebaut. Der reiche Lackmann, dessen Blumen im Knopfloch wir sozusagen vorstellen, macht eine ¿Studiensammlung¿ daraus, im Volksmund bereits ¿Museum¿ genannt, was aber nach außen hin nicht so erscheinen soll aus gewissen steuerlichen Gründen. Ich stelle darin eine Art Abteilungsleiter für Lackmalerei innerhalb dem ¿Maltechnikum¿ dar, habe aber vorerst nur mich allein zu leiten, da alles übrige noch unbenutzbar im Bau befindlich ist. In der II. Etage habe ich 3 schöne Räume, ein Privatatelier, einen Zeichen und Wasserfarbenraum und einen Lackraum. Letztere 2 stehen noch leer. Daran anschließend weitere große Räume, in die das von WB geleitete ¿Maltechnikum¿ hinein soll, in dem alle Arten Maltechniken erprobt und angewandt werden sollen. Übrigens sind unsere Gebiete nicht so scharf getrennt. Ich werde in Wand machen ebenso wie WB in Lack, gelegentlich. Ich werde wahrscheinlich ein ganzes Treppenhaus in neuem Laboratorium bemalen dereinst. ¿ Dann weitere Räume für Forschungszwecke in künstlerische Richtung (Farbphysiologie, Psychologie, Anwendungsgebiete), weiter tiefer 3 Etagen ¿Studiensammlung¿: Es wurden für viel Geld sehr seltene und kostbare ostasiatische Stücke erworben und weiter aus allen Zeiten und Stilen in denen Lack in irgendeiner Form vorkam. Technische Sammlung. Bücherei; Kartotheken¿ Seite 2 Seit heute bin ich nun in diesen sagenhaften Döppersberg von Berg sieht man nichts, nur eine weniger als sanfte Erhebung im Straßenzug! In der III. Etage auch eingezogen; habe Küche und Bar, Ess- und Arbeitszimmer und könnte noch mehr haben, wenn ich Grund und Mobiliar dazu hätte. Diese Wohnung, eigentlich die Dienstwohnung des Dr. Hermann, wird es für mich vielleicht nur provisorisch sein, da die Frage ungeklärt ist, ob Dr. H. einzieht. Hier ist der Punkt, wo die Kabalen des Wuppertals beginnen und wo alles, was man sagt und denkt, zuviel gesagt und gedacht ist. Vorläufig freue ich mich dieses neuen, fast abenteuerlichen Milieus, nur zu einem kleinen Teil erst eingerichtet. Aber ich habe Vollmacht, dies allmählich zu tun und so sehe ich zu, wo und was heutzutage zu kriegen ist. Die Schwierigkeit z.B. ein Kissen zu erwerben, illustrieren diese. So lebe ich in hellen, lichten Räu
- Collection
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Archiv Oskar Schlemmer
- Inventory number
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AOS 2015/1881
- Material/Technique
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Papier; Tinte
- Event
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Herstellung
- (who)
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Oskar Schlemmer (04.09.1888 - 13.04.1943)
Dieter Keller (1909 - 1985)
- Provenance
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Abschrift vorhanden; Imdas
- Rights
-
Staatsgalerie Stuttgart
- Last update
-
28.03.2025, 12:10 PM CET
Data provider
Staatsgalerie Stuttgart. If you have any questions about the object, please contact the data provider.
Object type
- Archivalie
Associated
- Oskar Schlemmer (04.09.1888 - 13.04.1943)
- Dieter Keller (1909 - 1985)