• Ergebnis 1 von 1

Michendorf, Straße des Friedens 78

Denkmalart:
Baudenkmal
Land:
Brandenburg
Kreis:
Potsdam-Mittelmark
Ort:
Michendorf
Ortsteil:
Langerwisch
Straße und Hausnummer:
Straße des Friedens 78
Bezeichnung:
Gutshaus mit Saalanbau, Stall und Hof - Gutshaus
Beschreibung:
Denkmaltopographie Potsdam-Mittelmark, Bd. 14.1, 2009, S. 291 f.
Den Kern des Gutes bildet der einstige Lehnschulzenhof im Zentrum des Ortes auf der Nordseite der Dorfstraße, östlich der Kreuzung mit der nach Neu Langerwisch führenden Straße. Schon auf den älteren Karten hebt er sich gegenüber der meist kleinteiligen Bebauung von Alt Langerwisch als ausgedehnte Anlage hervor. Bis heute erhalten ist das vorne an der Straße stehende traufständige Gutshaus. Von den im Laufe der Zeit mehrfach veränderten rückwärtigen Wirtschaftsgebäuden blieben nur noch Reste erhalten. Zum Gut gehörten wohl auch mehrere Arbeiter-Wohnhäuser.
Das Rittergut Alt Langerwisch entstand 1816 durch Vereinigung des alten Lehnschulzengutes mit dem wohl im 16. Jh. entstandenen Vorwerk des Amtes Saarmund. Der Lehnschulze hatte 1375 fünf Hufen, 1576 acht (davon 7 ½ Freihufen) und 1737 sieben. Das 1576 erwähnte Vorwerk umfasste damals bereits 17 Hufen und hatte 800-900 Schafe, die von einem Pachtschäfer betreut wurden. Im 18. Jh. galt es als bedeutendstes Vorwerk des Amtes Saarmund. Es betrieb 1757 neben umfangreichem Ackerbau Schweine- und Federviehzucht sowie eine Schäferei mit 1.000 Tieren. Bei der Auflösung des Amtes 1816 erwarb Johann Ludwig Kühne, seit 1804 dessen Pächter, einen großen Teil der dazugehörigen Vorwerke, darunter auch Alt Langerwisch. Da er 1813 auch schon das Lehnschulzengut gekauft hatte, war nun ein bedeutender Besitzkomplex zusammen gekommen. Nach längeren Verhandlungen durfte sich Kühne schließlich Rittergutsbesitzer nennen. Bei seinem Tode 1832 fiel das Gut an seine Kinder. Das 1864 in Konkurs geratene Gut ersteigerte im Folgejahr August Claude. Ihm folgten als Gutsbesitzer der Berliner Bankier Max Marcus, der um 1890 südöstlich des Ortes eine neue Gutsanlage mit repräsentativem Wohnhaus errichten ließ (! Ortseinleitung), und 1898 der Berliner Ingenieur und Kaufmann Max Orenstein. Das alte Gut und ein Teil des Landes waren an den Michendorfer Bauern Zimmermann verkauft worden. Es verlor den Gutsstatus und diente als Bäckerei. 1919 erwarb es Heinrich Weber, der hier das Restaurant »Zum Alten Schloß« eröffnete (1977 an Konsumgenossenschaft verpachtet).

Gutshaus
Das angeblich um 1730 entstandene Wohngebäude nach einer über dem Hintereingang in den Putz geritzten Inschrift 1779 erneuert. 1813 vom Amtspächter Johann Ludwig Kühne als Wohnsitz erworben, da das alte Amtshaus in Saarmund baufällig und nicht mehr bewohnbar war. Bereits seit 1804 hatte es deshalb Überlegungen gegeben, den Amtssitz nach Alt Langerwisch zu verlegen. Bauinspektor Carl Friedrich Quednow lieferte 1805 von David Gilly geprüfte Entwürfe für neue Bauten, deren Ausführung aber durch den Kriegsausbruch 1806 unterblieb. Nach 1813 offenbar Umgestaltung des barocken Lehnschulzenhauses in Alt Langerwisch für Kühne; dabei u.a. die Fassaden dem Zeitgeschmack entsprechend modernisiert. Als Grundlage dienten offenbar Entwürfe David Gillys für ein Amtshaus im pommerschen Pyritz (Klaus Schulte 1999). Bei einer Renovierung 1990-91 Erneuerung des Fassadenanstrichs nach Befund.
Stattlicher zweigeschossiger Ziegelbau mit sieben- bzw. vierachsigen Putzfassaden und Mansardwalmdach. Die Straßenseite gegliedert durch einachsigen, flachen Mittelrisalit mit dem Eingang, breite Ecklisenen und Gurtgesims; belebt durch Stuckgliederungen (Palmettenschmuck am Traufgesims des Mittelrisalits sowie in der Kapitellzone der Ecklisenen, Rankenband am Gurtgesims). Über der erneuerten Eingangstür Gesimsverdachung auf Konsolen. Einfache Rechteckfenster (schon vor 1945 ohne Faschen). Der Sockel an der linken Schmalseite geböscht und im Bereich der Lisenen vortretend. Durch den leicht abschüssigen Standort erreicht der Sockel rückwärtig fast die Höhe eines Vollgeschosses; hier in der Mitte Kellereingang.
Das Innere mit großen Raumhöhen im Zuge des Ausbaues zur Gaststätte verändert; erhalten einige der ebenfalls aus Ziegelmauerwerk bestehenden Zwischenwände. Rückwärtig in der Mitte das Treppenhaus; die reizvolle, mehrläufige Treppe mit Eichenholzstufen und für die Zeit um 1800 charakteristischen Traljen. In der oberen Etage einige Türen des 18. oder frühen 19. Jh. erhalten. Unter dem östlichen Teil großer Kellerraum in gesamter Gebäudebreite mit Tonnenwölbung rechtwinklig zum First; nördlicher Abschnitt mit zwei schmalen Kappenwölbungen zwischen breiten korbbogigen Unterzügen. Gutshaus sonst nur im nördlichen Teil unterkellert; hier ein kleiner Raum mit Kappenwölbungen (entsprechend denen des Nordabschnitts im großen Ostraum), westlich ein flachgedeckter Raum mit dem Zugang vom Hof, dann ein Raum mit Tonnengewölbe (das Fenster überschneidend), ganz im Westen schließlich ein kappengewölbter Raum. Teile der Kelleranlage – so die tonnengewölbten Räume – dürften auf den Kernbau des jetzigen Gutshauses oder einen Vorgänger zurückgehen. Das wohl barocke Mansardwalmdach mit Biberschwanz-Doppeldeckung sowie je zwei Fledermausgauben auf Vorder- und Rückseite. Unterdach mit liegender Stuhlkonstruktion und mittlerem Unterzug, Oberdach mit doppelt stehendem Stuhl.

Wirtschafts- und Saalgebäude
Von der umfangreichen Hofanlage heute allein das östliche Stallgebäude aus dem späten 19. Jh. erhalten. Ehemals größerer Komplex mit weiteren Wirtschaftsgebäuden auch auf Nord- und Westseite sowie östlich des vorhandenen Stalles; das Gebäude auf der Westseite parallel zur Querstraße 1786 noch nicht vorhanden, erst 1828. Die große Gutsscheune 1937 abgebrannt.
Westlich des Gutshauses die Hofzufahrt mit Feldsteinpflasterung. Das große, ungewöhnlich tiefe rechte Stallgebäude ein Sichtziegelbau mit hohem Drempel und Feldsteinsockel, abgeschlossen durch Satteldach mit Biberschwanz-Kronendeckung. Gurtgesims in Form eines Konsolfrieses; obere Etage mit flachbogigen Öffnungen. Insgesamt die östliche Längsseite gut erhalten; auf der dem Hof zugewandten Westseite mehrere neuere Tür- und Toreinbrüche. Inneres mit zwei hölzernen Unterzügen durch spätere Einbauten teilweise verändert. Mittelpfetten-Zangen-Dachkonstruktion.
Östlich des alten Gutshauses 1924-25 Anbau des geräumigen Gaststättensaals (Tanzsaal) durch Kurt E. Lange aus Wilhelmshorst. Die nach 1945 vereinfachte Putzfassade mit sechs großen Rechteckfenstern in Rechteckblenden ursprünglich belebt durch Stuckgirlanden über den Fenstern. Abgeschlossen durch flachgeneigtes Satteldach mit Mittelpfetten-Konstruktion.
Der Vorgarten vor dem Hauptgebäude neu gestaltet, vor dem Gaststättensaal Kopflinden.

Das nordöstlich der wichtigsten Straßenkreuzung stehende Gutshaus ist das markanteste Gebäude in Alt Langerwisch und besitzt damit Wahrzeichencharakter für den Ort. Neben der ansprechenden Fassadengliederung des frühen 19. Jh. sind das eindrucksvolle Mansardwalmdach, die schöne Treppe sowie die offenbar teilweise ältere Kelleranlage hervorzuheben. Errichtet als Lehnschulzenhaus, diente es nach dem Ausbau als Wohnsitz des Gutsbesitzers. Zusammen mit dem großen Stallgebäude ist es heute das wichtigste bauliche Zeugnis für das durch Vereinigung von Lehnschulzen- und Vorwerksbesitz entstandene Gut, das die Geschichte Alt Langerwischs im 19. Jh. wesentlich mitbestimmte. In dem Gebäude verbrachte der Lyriker Peter Huchel (1903-81) ab 1907 vier Jahre bei seinen Großeltern Zimmermann, als seine Mutter erkrankt war. Darauf nimmt sein Gedicht »Damals« Bezug.

Quellen: BLDAM, Foto vor 1945.
Literatur: Eckardt 1967 (Erfassungskartei im BLDAM); Werte der Heimat 1969, S. 191; Rohrlach 1977 (Ortslexikon), S. 214f.; Kurztopographie 1978, S. 275; Krüger/Nest 1987, S. 10, 12, 16 und 33; Schulte... 1999 (grundlegend); Kromrei/ Paetau, Heimat Bauen 2007, S. 75; Thiede/Wacker 2007, Bd. 2, S. 614 und 708 sowie Bd. 3, S. 1217.


Beteiligte:
Gilly, David [Fassade des Gutshauses wohl nach Entwürfen Gillys modernisiert Entwurf]
Ereignis:
Datierung
(wann):
um 1730
Ereignis:
Umbau
(wann):
1779
Ereignis:
Umgestaltung
(wann):
nach 1813
Ereignis:
Erweiterung
(wann):
1924-1925
Rechteinformation:
BLDAM
Letzte Aktualisierung: 11.04.2018, 17:39 Uhr

Medienwiedergabe nicht möglich

Die Mediendatei kann nicht angezeigt werden.

Bitte aktualisieren Sie Ihren Adobe Flash Player, um dieses Video anzusehen.

Download the latest player from Adobe

Medienwiedergabe nicht möglich

Die Mediendatei kann nicht angezeigt werden.

Michendorf, Straße des Friedens 78
URL:
http://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/item/MVN33JXERJD5YDTEJLHZ7ZJ7U6U2OOPR