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Grafschaft Ravensberg, Landstände (Bestand)

Bestandssignatur:
Landesarchiv NRW Abteilung Westfalen, A 225 I
Kontext:
Landesarchiv NRW Abteilung Westfalen (Archivtektonik) >> TERRITORIEN DES ALTEN REICHES BIS 1802/03 EINSCHLIESSLICH KIRCHEN, STIFTER, KLÖSTER, STÄDTE U. Ä. >> PREUSSISCHES WESTFALEN >> Grafschaft Ravensberg >> Verwaltungsbehörden und Landstände >> Grafschaft Ravensberg, Landstände
Bestandslaufzeit:
749-1808
Bestandsbeschreibung:
Daten zur Landes- und Verwaltungsgeschichte:
1346/48
Tod Graf Bernhards von Ravensberg; Erbfall der Grafschaft an seine Nichte Margarethe von Ravensberg und ihren Ehemann, den Grafen Gerhard von Jülich, der 1348 auch die Grafschaft Berg erbt; seit diesem Zeitpunkt sind die beiden Territorien Berg (seit 1380 Herzogtum) und Ravensberg in Personalunion vereinigt; die vier ravensbergischen Ämter Limberg, Ravensberg, Sparrenberg und Vlotho werden zentral von der Kanzlei in Düsseldorf verwaltet
1510
Heirat der Erbtochter Maria von Jülich- Berg mit dem Jungherzog Johann von Kleve
1521
Nach dem Tod der Väter Zusammenschluß der Territorien Jülich- Berg und Kleve- Mark
1556
Übernahme der jülich- bergischen Gerichts- , Prozeß- und Polizeiordnung
1609
Tod des geisteskranken Herzogs Johann Wilhelm von Jülich- Kleve- Berg; Ausbruch des jülich- klevischen Erbfolgestreits zwischen den Haupterben Johann Sigismund von Brandenburg und Wolfgang Wilhelm von Pfalz- Neuburg und ihren Verbündeten
1614
Vertrag von Xanten: der Kurfürst von Brandenburg erhält Kleve, Mark und Ravensberg, der Pfalzgraf Jülich und Berg; dem Brandenburger gelang es aber nicht, eine geregelte Verwaltung in Ravensberg aufzubauen
1615
Einrichtung niederländischer ("staatischer") Garnisonen auf den Amtshäusern der Grafschaft
1618
Ausbruch des Dreißigjährigen Kriegs; zum Verlauf in Ravensberg s. die Darstellung von Salge
1630
Vertrag von Den Haag: gemeinsame Verwaltung von Ravensberg durch Brandenburg und Pfalz- Neuburg
1647
Vergleich von Düsseldorf: endgültige Besitznahme durch Brandenburg; Einrichtung einer Zentralbehörde im Territorium selbst, der Regierung / Kanzlei in Bielefeld
1647/52
Auseinandersetzungen, z. T. auch militärischer Art, zwischen dem Großen Kurfürsten und der Stadt Herford, die seit 1549 vor dem Reichskammergericht um die Anerkennung als freie Reichsstadt prozessiert; im Sept. 1652 muß die Landesherrschaft endgültig akzeptiert werden
1649
Einführung des Amts des Statthalters als Vertreter des Kurfürsten in Minden und Ravensberg: Graf Georg Johann von Sayn- Wittgenstein (1649 - 1657), Graf Georg Friedrich von Waldeck (1657 - 1658) und Fürst Johann Moritz von Nassau- Siegen (1658 - 1679)
1653
Aufhebung der Kanzlei / Regierung; Verzicht auf Appellationen an die Reichsgerichte; Einrichtung des Ravensbergischen Appellationsgerichts in Cölln an der Spree / Berlin; Übertragung der Landesverwaltung wie vor 1647 an die Amtsdrosten
1666
Erbvergleich von Kleve: endgültige Besitzbestätigung für
Brandenburg
1667
Ernennung des Drosts des Amtes Sparrenberg zum Landdrosten, der damit eine übergeordnete Funktion erhält
1669
Erlaß einer Eigentumsordnung
1719
Vereinigung der Verwaltungs- und Justizbehörden des Fürstentums Minden und der Grafschaft Ravensberg: Aufhebung der Ravensbergischen Amtskammer; Einrichtung einer gemeinsamen Regierung (Appellationsinstanz) in Minden, Aufhebung des Hauptgerichts in Bielefeld und der Gogerichte; Einrichtung eines gemeinsamen Kommissariats
1723
Einrichtung der Kriegs- und Domänenkammer Minden 1750 Vereinigung des Ravensbergischen Appellationsgerichts
mit dem Kammergericht in Berlin
1807
Anfall Minden- Ravenbergs an das Königreich Westphalen

Die Landstände der Grafschaft Ravensberg wurden von der Ritterschaft und den wenig in Erscheinung tretenden Städten Bielefeld und Herford gebildet. Die Geistlichkeit war nicht vertreten.
Ihre Privilegien bestanden aus der freien Ausübung der Augsburgischen Konfession, der die meisten adeligen Familien angehörten, dem unbeschränkten Versammlungsrecht zur Beratung gemeinsamer Landessachen, dem Indigenatsrecht für alle Ämter, dem Steuerbewilligungrecht, dem Recht, die Belehnung und Investitur für ihre Güter innerhalb der Landesgrenzen zu empfangen, der Ausübung der Jurisdiktion über ihre Eigenhörigen, der vollständigen Steuerfreiheit für ihre Person und ihre Güter, der Jagd- und Fischereigerechtsame, sowie dem Recht des Holzschlagens in den gemeinen Marken und dem Vorrecht, als Ritterbürtiger nicht zu Gefängnishaft eingezogen zu werden. Um in den ritterschaftlichen Verband aufgenommen zu werden, war der Besitz eines landtagsfähigen Gutes bzw. Hofes und der Nachweis von sechzehn adeligen Ahnen erforderlich. Die Aufnahme erfolgte in einer feierlichen Zeremonie auf dem Landtag, nachdem der Kandidat seine Berechtigung nachgewiesen hatte und zwei Mitglieder der Ritterschaft sein Wappen und seine Abstammung geprüft und beschworen hatten. Jeder neu aufgenommene Kavallier mußte sich außerdem verpflichten, "alles dasjenige, so auf dem Landtage verhandelt und tractiret wird, nicht allein in Geheim zu halten, und keinem extra Collegium zu reveliren, sondern vielmehr den Consiliis bestes Verstandes und Vermögens beizuwohnen und was zu des Landes Wohlfart und Besten gereichen mögte, deliberiren, berahmen und schließen zu helfen."
Die ravensbergische Ritterschaft versammelte sich ursprünglich nicht zu bestimmten Terminen, sondern wurde bei Bedarf von der Regierung einberufen. Eine Geschäftsordnung existierte nicht. Strittig war immer wieder die Frage, inwieweit Beschlüsse der Anwesenden auch die Abwesenden banden. Bei schwierigen und unangenehmen Entscheidungen griff man zur Verschleppungstaktik. Ab und an wurden die Stimmen der abwesenden Mitglieder schriftlich eingeholt. Aus dem Jahr 1546 findet sich der erste schriftliche Beleg für die Existenz eines "Usschott" der Ritterschaft. Ob er seine Tätigkeit wieder eingestellt hat, ließ sich nicht ermitteln. Jedenfalls beschloß man im Juli 1587 erneut die (Wieder- )Einrichtung eines ständischen Ausschußes zur Führung der laufenden Geschäfte. Nach Abstimmung mit der Regierung lud er die Mitglieder zu den Landtagssitzungen ein und setzte die Tagesordnung fest. Bei Ausschreibung und Rechnungslegung der Steuern übte er das den Ständen zustehende Bewilligungs- und Kontrollrecht aus. Er bestand zunächst aus sechs, seit Anfang des 17. Jahrhunderts der Anzahl der Ämter entsprechend aus vier Personen, die auf Lebenszeit von der Ritterschaft gewählt und vom Landesherrn bestätigt wurden. Jeder dieser sog. Deputierten bezog aus der Landeskasse ein Gehalt von 100 Reichstalern.
Als Sekretär, Archivar und juristischer Beirat der Ritterschaft fungierte der Landsyndikus, der das Protokoll auf den Landtagen führte, die Landtagsabschiede ausfertigte und häufig mit Gesandschaften betraut wurde. Nach der Vereinigung von Ravensberg mit Minden bezahlten die Kavalliere zwei Korrespondenten in Berlin und Minden für die Übermittlung von Informationen.
Die ständischen Versammlungen fanden meist in Jöllenbeck oder Wallenbrück statt, man traf sich aber auch in Bielefeld, Enger oder Hiddenhausen. Nach Einführung der Akzise in Bielefeld befahl König Friedrich Wilhelm I. 1719 den ravensbergischen Ständen "künfftighin ihre Zusammenkünffte und Convente nicht ferner in den Dörffern, sondern jedesmahl in Bielefeldt zu halten," wo man bis 1753 "in unßers dortigen Syndici dazu destinirter Nebenbehaußunge" zusammen kam. Seit 1760 tagte man in Herford.
Der Bestand "Grafschaft Ravensberg Landstände" besteht zum überwiegenden Teil aus Akten der Ritterschaft, die beliebig als "Landstände" oder "Ritterschaft" firmierte. Akten von Verwaltungsbehörden (z. B. Landdrost und Räte, Jülich- bergische Kanzlei, Klevische Regierung Emmerich, Ravensbergische Amtskammer, Ravensbergisches Kommissariat, Kriegs- und Domänenkammer Minden, Regierung (Minden)- Ravensberg), Gerichten und Einzelpersonen mit besonderem Auftrag, die landständische Angelegenheiten betreffen, runden ihn ab. Die abweichende Provenienz ist, soweit sie festzustellen war, vermerkt.
Der Bestand sollte in dem Umfang belassen werden, wie er von dem Assistenten und späteren Archiv- und Regierungssekretär Heinrich Johann Haarland 1824 formiert und verzeichnet wurde. Er gelangte nach der Auflösung des Archivdepots Minden in das Verwaltungsarchiv der Regierung Minden und wurde im Okt. 1852 dem damaligen Provinzialarchiv Münster "einverleibt". Hier wurden die darin enthaltenen Urkunden herausgenommen und zum Bestand "Grafschaft Ravensberg, Urkunden" (Rep. A 221 ) gelegt. Abschriften von Urkunden und Verträge auf Papier habe ich wieder in den Bestand zurückgeführt. Eine Abschrift des Haarlandschen Verzeichnisses diente bis jetzt als Findbuch. Es befindet sich ebenso wie das Original aus dem Jahr 1824 bei den "Abgelegten Repertorien" des Staatsarchivs.

Münster, im Juli 1997

Ursula Schnorbus

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Letzte Aktualisierung: 19.04.2018, 02:07 Uhr

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