02.11.2015

Wenn Kultureinrichtungen und Entwickler zusammenfinden: Coding da Vinci – Der Workshop bei „Zugang gestalten!“

Bereits zwei Jahre in Folge hat der Kultur-Hackathon Coding da Vinci Kulturinstitutionen und ihre digitalisierten Datensätze mit Entwicklern und Designern zusammengebracht, um eindrucksvolle Ergebnisse zu liefern: Sei es ein Wecker auf Basis eines Vogelstimmenarchivs, eine Maschine, die digitalisierte Notenrollen als Strickmuster für Schals verwendet, Patentzeichnungen aus dem 19. Jahrhundert, die am Computer zum Leben erweckt werden oder Apps, mittels derer man Pflanzen bestimmen kann. War Coding da Vinci diese vergangenen zwei Jahre als bundesweite Veranstaltung angelegt, gilt es nun, neue Formate zu finden: Lässt sich der Hackathon regionalisieren? Kann eine hanseatische Version von Coding da Vinci realisiert werden? Und: Inwiefern ist der Kultur-Hackathon ein Konzept für Partizipation in der Zukunft?
 
Diesen Fragen geht der Workshop „Ein jeden aber kann dat nich – wie kommt der Kulturhackathon Coding da Vinci nach Hamburg?“ bei der diesjährigen Konferenz „Zugang gestalten! Mehr Verantwortung für das kulturelle Erbe“ am 5./6. November 2015 im Altonaer Museum in Hamburg nach. Geleitet wird der Workshop von Stephan Bartholmei, verantwortlich für den Bereich Innovation bei der Deutschen Digitalen Bibliothek und gleichzeitig Initiator des Hackathons gemeinsam mit Kollegen der Open Knowledge Foundation, der Servicestelle Digitalisierung Berlin und Wikimedia Deutschland.
 
Im Interview sprechen wir mit ihm über Zufälle und Erfolgsgeheimnisse, Hamburg und über Kontrollverlust als Chance, um Kultureinrichtungen und ihre Daten mit Entwicklern und Designern zusammenzubringen.

Die Präsentation der Strickmaschine bei CdV 2015

Vorstellung des Projektes Klangvisualisierung bei Coding da Vinci 2015
Vorstellung des Projektes Klangvisualisierung bei Coding da Vinci 2015

 

Das Interview

Wie kam es zu der Idee von dem Kultur-Hackathon Coding da Vinci?

SB: „Auf der re:publica 2013 hat die Idee zum ersten Mal Gestalt angenommen: Dort haben Barbara Fischer, Kuratorin für Kulturpartnerschaften bei Wikimedia Deutschland und Daniel Dietrich, Vorstand der Open Knowledge Foundation Deutschland, sich überlegt, dass man das immer populärer werdende Format „Hackathon“ auf den Kulturbereich übertragen sollte. Das war damals nämlich noch ein weißer Fleck auf der Landkarte.

Parallel dazu hatten wir das Thema bei uns in der Deutschen Digitalen Bibliothek auch auf der Agenda stehen, weil wir planten, unsere API (Programmierschnittstelle) im Herbst 2013 öffentlich zugänglich zu machen und Feedback von Entwicklerinnen und Entwicklern dazu einholen wollten. Damit trafen zwei Dinge sehr schön aufeinander. Ende des Jahres haben wir dann angefangen, uns ganz konkret  im Kreis der heutigen vier Veranstalter zu unterhalten: Wie könnte so ein Kultur-Hackathon aussehen? Innerhalb von zwei, drei Monaten haben wir das Konzept zu Coding da Vinci aus dem Boden gestampft, die ersten Einrichtungen eingeladen und dann Coding da Vinci im April 2014 das erste Mal durchgeführt.

Dieses Jahr haben wir Coding da Vinci – nach dem ersten Erfolg – ohne wesentliche konzeptionelle Änderungen wiederholt und konnten uns im Bereich der teilnehmenden Einrichtungen und der Projekte, die fertig gestellt wurden, auch noch einmal deutlich steigern. Jetzt sind wir allerdings an einem Punkt, wo wir unser erstes Ziel - zu zeigen, welches Potenzial in offenen Kulturdaten steckt – mehr als erreicht haben. Nun weitet sich der Blick und wir werden das nächste Jahr nutzen, gemeinsam mit den bisherigen Teilnehmern, Kultureinrichtungen wie Hackern, darüber nachzudenken, wohin die Weiterentwicklung von Coding da Vinci gehen könnte.“

CdV Datensets

Die Datensets der Kultureinrichtungen bei Coding da Vinci 2015
Die Datensets der Kultureinrichtungen bei dem Auftaktwochenende von Coding da Vinci 2015

Zwei Jahre in Folge wurde Coding da Vinci als bundesweiter Hackathon veranstaltet – nun wird in Hamburg der Versuch einer regionalen Ausgabe gemacht: Wie kam es zu dieser Entwicklung?

SB: „Wir wollten im Nachgang der ersten beiden Jahre verstehen, was Coding da Vinci zu einem Erfolg gemacht hat. Eines der Erfolgsgeheimnisse war sicherlich, dass Coding da Vinci von vier Organisationen veranstaltet wird, die in den beiden einander bisher relativ fremden Welten, die sich bei Coding da Vinci begegnen, gut vernetzt sind. Im Kulturbereich sind das wir, die Deutsche Digitale Bibliothek und die Servicestelle Digitalisierung Berlin – im Community/Open-Data-Aktivisten-Bereich mit Kontakten zu engagierten Entwicklerinnen und Entwicklern sind das die Wikimedia Deutschland und die Open Knowledge Foundation Deutschland.

Ein weiteres Erfolgsgeheimnis sind die Modifikationen am Veranstaltungs-Format, die wir vorgenommen haben, mit denen wir sicherstellen wollten, das bei Coding da Vinci mehr als bloße Ideen für Projekte, sondern mindestens funktionsfähige Prototypen, entstehen. Wir sind daher weg vom klassischen Hackathon-Format, wo man sich für ein Wochenende mit wenig Schlaf und vielen koffeinhaltigen Getränken trifft, um in einem Rausch etwas runterzuprogrammieren. Stattdessen haben wir ein Wochenende zum Kennenlernen der Daten und der Vertreter der Institutionen mit den Teilnehmenden genutzt, an das sich eine zehnwöchige Entwicklungsphase anschloss, die wiederum von der öffentlichen Präsentation der Ergebnisse samt Preisverleihung abgeschlossen wurde.

Diese zehnwöchige Entwicklungsphase hat sich glücklicherweise ziemlich genau mit dem Sommersemester der Berliner Universitäten überschnitten und dadurch haben wir sehr früh Interesse bei Professorinnen und Professoren, gerade im Informatikbereich, geweckt - so haben sich über zwei Jahre intensive Kooperationen entwickelt und wir hatten 2015 viele Studierende als Teilnehmer bei Coding da Vinci.

Doch wie steht es um die Nachhaltigkeit? Das ist das, was uns etwas besorgt. Wir machen diese tolle Veranstaltung, es haben sich erste Zusammenarbeiten zwischen Hackern und Kultureinrichtungen angebahnt, aber es ist halt ein zeitlich begrenztes Event und danach geht man seiner getrennten Wege.

Da war eine Idee zu sagen: Wir kürzen die Wege, so dass es nicht nur ein zeitliches Überlappen gibt, wie mit dem Sommersemester, sondern wir sorgen zusätzlich für einen räumlichen Überlapp. Hacker und Kultureinrichtungen sollen sich im Alltag begegnen können und deswegen regionalisieren wir uns. Diese Idee wollen wir bei diesem Workshop bei Zugang gestalten ausloten.“

Ein Coding da Vinci Workshop – Was haben sich interessierte Konferenzbesucher darunter vorzustellen?

SB: „In erster Linie angesprochen sind Hamburger, weil der Hackathon eine regionale Ausrichtung haben soll. Aber wir freuen uns natürlich auch über Menschen, die das Format generell interessiert und die vielleicht auch Ideen dazu beitragen wollen.

Wir wollen die Eckpunkte klären: Gibt es in Hamburg schon genug digitalisierte Kulturdaten, die man in den Wettbewerb einbringen könnte? Was könnte ein Thema sein, das regional zündet? Dazu gibt es auch schon erste Ideen. Man könnte in den „Smart City“ Gedanken reingehen, der in Hamburg auch schon durch diverse städtische Initiativen vorgedacht ist oder man denkt schon etwas weiter voraus, beispielsweise an das Reformationsjahr 2017. Es gibt im stadtarchäologischen Bereich viele  interessante Entwicklungen, auch sehr erfolgreiche Ausstellungen in den letzten Jahren, z.B.  das Projekt „Hammaburg“ des Archäologischen Museums.

Wir würden uns wünschen, dass Vertreter von Kultureinrichtungen am Workshop teilnehmen, die sagen, wir machen in der ein oder anderen Form mit, in dem sie Daten zur Verfügung stellen oder ihre Häuser als Veranstaltungsorte anbieten. Dann haben wir Vertreter von freiwilligen Organisationen wie dem OK Lab oder dem Wikimedia Kontor in Hamburg angesprochen. Wir hätten gerne auch jemanden von der Stadt dabei, um so die nötigen Player an einen Tisch zu kriegen, um herauszubekommen: Wer könnte das lokal veranstalten? Was könnte das Thema sein? Welches Format? Es muss ja nicht genauso aussehen wie in Berlin als bundesweite Veranstaltung, sondern vielleicht ergeben sich Formatweiterentwicklungen, die ganz genau auf Hamburg passen.
 

CdV Preisträger 2015

Die Preisträger von Coding da Vinci 2015 im Jüdischen Museum Berlin
Die Preisträger von Coding da Vinci 2015 im Jüdischen Museum Berlin

Diesjähriges Motto von Zugang gestalten! sind „Zukunftsstrategien“ – inwiefern kann man den Kultur-Hackathon als Konzept für Partizipation in der Zukunft verstehen?

SB: „Noch dominiert beim Besuch von Museen und anderen Gedächtnisinstitutionen die Rezeption. Bei Coding da Vinci wollten wir erforschen, wie die Interaktion zwischen den Kultureinrichtungen und dem technik- und netzaffinen Teil der Zivilgesellschaft aussehen kann, wenn man die Ausdrucks- und Arbeitsformen der Generation, die mit dem Internet aufgewachsen ist, nutzt.

Diese Generation sagt nämlich, wir produzieren selber, wir nutzen kulturelle Äußerungen nach, wir machen Mashups, wir remixen die an uns gerichteten Botschaften. Also wollten wir ein der technischen und gesellschaftlichen Weiterentwicklung entsprechendes Angebot machen, wie man mit Kulturschätzen und ihren digitalen Repräsentationen interagieren kann.
Das ist der partizipative Gedanke, der hinter Coding da Vinci steht: Hier begegnen sich zwei Welten auf Augenhöhe, wodurch sich hoffentlich auch Veränderungen in beiden Welten ergeben. Wir wollen einerseits erreichen, dass die Entwicklerinnen, die Designer, die Makerinnen merken „Oh, da sind spannende Kulturdaten“. Viele sind wirklich begeistert, sich einmal nicht mit Einkommensstatistiken oder Verkehrsdaten zu beschäftigen, sondern etwas zu tun, was dem „Wahren, Schönen und Guten“ dient.

Auf der anderen Seite  hoffen wir natürlich, einen Denkwandel in den Kultureinrichtungen anzustoßen, die in Zukunft mit der Öffnung der eigenen Sammlungen nicht nur Kontrollverlust verbinden, sondern die Chance erkennen, wertvolles Feedback und kreative Ideen von Menschen mit viel Know-How zu bekommen. Vor allem als kleinere Einrichtung kann ich mich so von den „Hackern“ gut beraten lassen, wenn ich im Gegenzug meine Zeit und mein Wissen teile.

Es ist eine sehr unmittelbare und sehr intensive Form der Zusammenarbeit beim Hackathon. Wenn man das voll ausnutzt – gerade als Kultureinrichtung – ergibt sich eine Verbindung mit Menschen, die die Zukunft der eigenen Einrichtung aktiv mitgestalten können und wollen – als Förderverein 2.0, wenn Sie so wollen.“

Vielen Dank!
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Workshop
„Ein jeden aber kann dat nich – wie kommt der Kulturhackathon Coding da Vinci nach Hamburg?“
Stephan Bartholmei (Deutsche Digitale Bibliothek)
 
Freitag, 6. November 2015, 10:45 Uhr im Hörsaal des Altoner Museums in Hamburg
Zum Abstract
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Zugang gestalten! Mehr Verantwortung für das kulturelle Erbe – Zukunftsstrategien

Wann:
5./6. November 2015
Wo:
Stiftung Historische Museen Hamburg im Altonaer Museum
Museumsstraße 23
22765 Hamburg
 
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Partner 2015
Die Konferenz wird in diesem Jahr getragen von der Stiftung Historische Museen HamburgDigiS – Servicestelle Digitalisierung Berlin, der Deutschen Digitalen Bibliothek, dem Internet & Gesellschaft Collaboratory e.V., dem Institut Français Deutschland, iRights.info, dem Jüdischen Museum Berlin, der Open Knowledge Foundation Deutschland, der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Stiftung Preußischer Kulturbesitz und Wikimedia Deutschland e.V.
Leitung: Dr. Paul Klimpel
Die Konferenz steht unter der Schirmherrschaft der Deutschen UNESCO-Kommission e.V.

Hashtag: #ke15
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Rückblick auf unseren Programmbeitrag 2014 (mit Videos): Zugang gestalten 2014

 
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