24.05.2016

Weltuntergang im Postkartenformat: Der Dresdner Maya-Codex – Eine Virtuelle Ausstellung

Bereits seit 1786 stellt das Buchmuseum der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek (SLUB) den Maya-Codex aus – doch am Ende war es der amerikanische Regisseur Roland Emmerich und sein Film „2012“, der die Besucher in Strömen nicht nur in die Kinos, sondern auch in die Schatzkammer der SLUB in Dresden führen sollte.

Anlässlich des deutsch-mexikanischen Kulturjahres, welches am 11. April von Bundespräsident Joachim Gauck und dem mexikanischen Präsidenten Enrique Peña Nieto mit einem gemeinsamen Rundgang durch die Berliner Ausstellung „Die Maya – Sprache der Schönheit“ im Martin-Gropius-Bau eingeleitet wurde, stellt die Deutsche Digitale Bibliothek die Virtuelle Ausstellung „Die Dresdner Maya-Handschrift: Prophetie und Ritual aus Yukatan“ vor. Die Virtuelle Ausstellung, kuratiert von Dr. Thomas Haffner und Norman Köhler, beleuchtet die Geschichte, den Inhalt und die Bedeutung dieses für die Maya und für die heutige Maya-Forschung so wichtigen Dokuments.

Von Yukatan über Wien nach Dresden

Der Codex ist eines der ältesten erhalten Dokumente der Maya-Kultur – die Datierung wird vom Archäologen Eric Thompson auf 1200 bis 1250 n. Chr. geschätzt. Dies deutet auf eine Herkunft aus dem nördlichen Yukatan hin, wo in dieser Zeit das letzte große Gemeinwesen der Mayas existierte.

Wie und wann der Maya-Codex aus Mexiko nach Europa gelangte, ist nicht bekannt. Wahrscheinlich reiste der Codex im 16. Jahrhundert mit den spanischen Eroberern nach Madrid und von dort nach Wien. Bekannt hingegen ist, dass der Codex in Wien 1739 vom Oberaufseher über die Kurfürstliche Bibliothek in Dresden, Johann Christian Götze, als „unschätzbares Mexikanisches Buch mit hieroglyphischen Figuren“ erworben und nach Dresden gebracht wird.

Damit gerät das Dokument allerdings auch in Vergessenheit, bis Alexander von Humboldt die Schrift am 6. Juni 1791 sieht – er trägt sich an diesem Tag in das Besucherbuch der Bibliothek ein – und 1813 fünf Blätter daraus veröffentlicht. Ab 1835 wird der Maya-Codex in einer Vitrine im Japanischen Palais ausgestellt, dem damaligen Sitz der Königlichen Öffentlichen Bibliothek. Der Veröffentlichung Humboldts folgend, beginnen die Forschungen und die endgültige Identifizierung als Maya-Handschrift 1853 durch den französischen Historiker und Archäologen Charles Étienne Brasseur de Bourbourg.


VA Maya Codex Apokalypse

Auszug aus dem Maya-Codex: Aus dem Maul des Himmelskrokodils, den Zeichen für Sonnen- und Mondfinsternis und aus dem Krug der Wassergöttin Chak Chel ergießen sich infolge einer heftigen Regenzeit Wasserströme. Unten hockt der Herr der Unterwelt mit Schreieule auf dem Kopf und bewaffnet mit Speeren und Schleuder.
Auszug aus dem Maya-Codex: Aus dem Maul des Himmelskrokodils, den Zeichen für Sonnen- und Mondfinsternis und aus dem Krug der Wassergöttin Chak Chel ergießen sich infolge einer heftigen Regenzeit Wasserströme. Unten hockt der Herr der Unterwelt mit Schreieule auf dem Kopf und bewaffnet mit Speeren und Schleuder.

Von der Entschlüsselung der Hieroglyphen zur Prophezeiung der Apokalypse

Die Entschlüsselung der Handschrift gelang erst dem Dresdner Oberbibliothekar Ernst Wilhelm Förstemann Ende des 19. Jahrhunderts. Förstemann machte grundlegende Entdeckungen über das Zahlensystem, die Kalenderrechnung, die Bedeutung der astronomischen Tafeln und erkannte die Einteilung in 260tägige Abschnitte (Almanache). Gemeinsam mit dem Berliner Gerichtsassessor Paul Schellhas etablierten die beiden Forscher ein noch heute genutztes Schema der Benennung der Maya-Götter mittels Großbuchstaben.

Der Maya-Forscher Nicolai Grube von der Universität Bonn erklärte der FAZ zum Inhalt des Codexes: „Es ist ein Handbuch für Priester, das Almanache enthält, mit deren Hilfe man gute und schlechte Tage für Riten oder die Landwirtschaft vorhersagen kann“. Doch wie kam es zu der Annahme, der Codex würde den Weltuntergang vorhersagen?


VA Maya Codex Kalenderrechnung

Eine von ursprünglich 13 Seiten eines K’atun-Kalenders mit 13 mal 20 Jahren zu je 360 Tagen. Kämpfende Krieger oben und die Vorführung eines Gefangenen unten stehen für das Unheil, das nach Ablauf der ersten K'atun-Periode droht.
Eine von ursprünglich 13 Seiten eines K’atun-Kalenders mit 13 mal 20 Jahren zu je 360 Tagen. Kämpfende Krieger oben und die Vorführung eines Gefangenen unten stehen für das Unheil, das nach Ablauf der ersten K'atun-Periode droht.

Als gesichert gelten kann, dass am 21.12.2012 ein Maya-Zeitalter endet und zwar der 13. Baktun – der 13. Vierhundertjahreszyklus seit der Erschaffung der Welt. Gleichzeitig steht über der Seite der Handschrift, die angeblich die Apokalypse in Form einer Flut zeigt, der Tag „5 EB“ – dieser tritt alle 260 Tage im Kalender auf und bedeutet laut Grube, dass „wenn an diesem Tag ein schwerer tropischer Sturm kommt, … vor einer möglichen großen Flut gewarnt [wird]“.

„5 EB“ hat jedoch nichts mit dem 21. Dezember 2012 zu tun und nach dem Ende des 13. Baktun beginnt: der 14. Baktun. Es handelt sich also vielmehr um eine Kalenderrechnung und detaillierte Wetterbeobachtungen der Maya. Die Interpretation dieses Blattes als Weltuntergangsszenario geschah durch westliche Esoteriker, Roland Emmerich gab der Geschichte den letzten Hollywoodschliff und somit war dem Dresdner Maya-Codex die Weltöffentlichkeit gewiss. Der Weltuntergang hingegen weniger.

Mehr interessante Hintergründe über den Codex, zum Beispiel zu den Göttern der Maya, ihrer Kalenderrechnung und der Hieroglyphenschrift bietet die Virtuelle Ausstellung der Deutschen Digitalen Bibliothek:

Zur Ausstellung „Die Dresdner Maya-Handschrift: Prophetie und Ritual aus Yukatan“

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