21.09.2017

„Föderale Vielfalt – Globale Vernetzung“: Ein Vorwort von Ellen Euler und Paul Klimpel

Unsere Publikation „Föderale Vielfalt – Globale Vernetzung: Strategien der Bundesländer für das kulturelle Erbe in der digitalen Welt“ (erschienen im September 2016) liefert erstmals einen umfassenderen Überblick über die Aktivitäten zur Vermittlung und Vernetzung des kulturellen Erbes einzelner Bundesländer in Deutschland.

Sukzessive veröffentlichen wir die einzelnen Beiträge der Publikation in der Reihenfolge des Inhaltsverzeichnisses. Weiterhin können die Beiträge als PDF heruntergeladen und – da sie unter einer CC BY-ND 4.0 Creative Commons Lizenz stehen – nachgenutzt und weiterverwendet werden. Eine Auflistung aller bereits veröffentlichten Artikel findet sich bei den Hintergrundinformationen

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Föderale Vielfalt – Globale Vernetzung

Ellen Euler und Paul Klimpel

Die Hauptaufgabe von Museen, Archiven, Bibliotheken und anderen Wissenseinrichtungen ist es, das Bewusstsein über unser kulturelles Erbe in der Gesellschaft wachzuhalten. Bei der Pflege des kulturellen Erbes geht es vor allem darum, bestehende Zusammenhänge deutlich zu machen, denn die Zeugnisse der Vergangenheit sind nur verständlich in dem Kontext ihrer Entstehung. Erst wenn das einzelne Kulturobjekt aus einem Museum, einer Bibliothek und einem Archiv in seinem jeweiligen Bedeutungszusammenhang wahrgenommen wird, kann dafür eine Wertschätzung entstehen, die das kulturelle Erbe in der Gesellschaft wirksam bleiben lässt.

Durch die Digitalisierung haben sich die Bedingungen grundlegend geändert, unter denen Kulturerbeeinrichtungen ihre Aufgabe erfüllen müssen. Denn die durch die Digitalisierung bewirkte leichtere Zugänglichkeit und Verbreitung geht mit der Gefahr einher, dass Kulturobjekte als Digitalisate aus ihrem Kontext herausgelöst werden. In Zeiten des Medienüberflusses, in denen Nachrichten, Werbung, Unterhaltung und sonstige Informationen um Aufmerksamkeit konkurrieren und gleichzeitig der digitale Zugang für viele Menschen den ersten Zugang darstellt, ist es besonders wichtig sicherzustellen, dass unser kulturelles Erbe seinen Platz in der Gesellschaft behält. Kulturelles Erbe muss im Netz präsent sein, damit es nicht an Relevanz einbüßt, und Kontexte müssen erhalten bleiben, damit Kulturerbe nicht seine Bedeutung -verliert.

Dieser Herausforderung stellen sich die Kulturerbeeinrichtungen und arbeiten länder- und spartenübergreifend daran, Kultur und Wissen über die Deutsche Digitale Bibliothek zu vernetzen und zentral zugänglich zu machen, um über das Internet allen Menschen einen bequemen und freien Zugang zu den digitalen und digitalisierten Büchern, Musikstücken, Denkmälern, Filmen, Urkunden und vielen anderen kulturellen Schätzen zu bieten.

Indem über das Netzwerk Deutsche Digitale Bibliothek die digitalen Angebote verlinkt und präsentiert werden, sind diese nicht nur leichter zugänglich – es werden darüber hinaus auch weitere Bedeutungszusammenhänge erschaffen, da neue Verbindungen über verschiedene Materialarten und Sparten hinaus sichtbar werden. Bisher haben sich bereits über 2000 Kultur- und Wissenschaftseinrichtungen in der Deutschen Digitalen Bibliothek zusammengeschlossen. Etwa 300 davon liefern über 20 Millionen Objekte. Sie alle profitieren vom so geschaffenen gemeinsamen Online-Schaufenster und wirken durch die Auswahl und standardisierte Zusammenführung ihrer digitalen und digitalisierten Kulturschätze der Defragmentierung von sozialen Kontexten und Bedeutungszusammenhängen entgegen, schaffen neue Zusammenhänge und Bedeutungen und stellen so sicher, dass unser kulturelles Erbe seinen Platz in der Gesellschaft behält und nicht überlagert wird durch die schnelllebigen Nachrichten und kommerziellen Versuchungen der Gegenwart.

Die Ressourcen, die öffentlichen Einrichtungen für die Digitalisierung oder auch nur den Aufbau von Bestandsdatenbanken zur Verfügung stehen, sind jedoch begrenzt. Wie sollen diese Ressourcen eingesetzt werden? Welche Schwerpunkte sollen gesetzt werden?

Kultur fällt in Deutschland grundsätzlich in die Zuständigkeit der Bundesländer. Deren Kulturhoheit ist mehr als bloße „Verfassungsfolklore“, als welche sie im November 2000 Michael Naumann, damals Kulturstaatsminister im Bundeskanzleramt, bezeichnet hat. Die Zuständigkeit für Kultur ist vielmehr für die Länder wesentlicher Bestandteil ihrer eigenen Staatlichkeit, die wiederum die Basis für die bundesstaatliche Ordnung Deutschlands ist. Angesichts dieser Zuständigkeit sind es in Deutschland die Bundesländer, die Strategien entwickeln und Konzepte ausarbeiten, wie kulturelles Erbe digitalisiert und über das Internet zugänglich gemacht wird.

Die Konzepte auf Landesebene bilden den Unterbau, auf dem bundesweite Angebote wie die Deutsche Digitale Bibliothek aufgebaut werden können. Obwohl es sich hierbei um eine übergreifende Aufgabe von hervorgehobener Bedeutung handelt, ist sie in Projektform finanziert. Da Bund und Länder die dauerhafte Nachfrage und Bedeutung erkannt haben, sind sie gegenwärtig dabei, eine dauerhafte Finanzierung und die Institutionalisierung der Deutschen Digitalen Bibliothek voranzubringen und bekräftigen damit ihren Willen, kooperativ an einer grenz-, sparten- und verschiedene Medientypen übergreifenden Plattform zusammenzuarbeiten, um gemeinsam zu neuen Lösungen kommen zu können. Damit kommen sie einer Forderung nach, die verschiedene wissenschaftspolitische Institutionen und Gremien, wie nicht zuletzt der Wissenschaftsrat in seinen Empfehlungen, wiederholt ausgesprochen haben.

Insgesamt verfügt Deutschland über eine reiche und vielfältige Kulturlandschaft, die durch die Digitalisierung in einem umfassenden Wandel begriffen ist. Derzeit verläuft dieser Wandel in vielen Bereichen noch zu unkoordiniert. Das führt mitunter dazu, dass Doppelarbeit geleistet wird und Möglichkeiten zur Kooperation und Arbeitsteilung zwischen Bund, Ländern und Einrichtungen sparten- und länderübergreifend nicht hinreichend ausgeschöpft werden. Dadurch steigt auch die Gefahr, dass Lösungen nur für eng begrenzte Anwendungsfälle generiert werden und nicht kompatibel sind mit übergeordneten nationalen oder internationalen Lösungen. Solche „Insellösungen“ wirken sich hemmend im Hinblick auf ein übergreifendes Ziel aus. Durch eine bessere Organisation, z. B. durch eine verbesserte Vernetzung und Arbeitsteilung, lassen sich Kosten reduzieren. In den Einrichtungen gegebenenfalls frei werdende Mittel werden zur Bewältigung der bestehenden und zukünftigen Aufgaben dringend benötigt. Um vorhandene Synergiepotenziale bei den Anstrengungen, Kultur und Wissen über das Internet zugänglich zu machen und zu vernetzen, ausschöpfen zu können, ist ein Überblick über die verschiedenen Aktivitäten in den Kulturerbeeinrichtungen in Deutschland nötig, auf dem aufbauend weitere strategische Überlegungen stattfinden können. Während die Bundeseinrichtungen mehrheitlich mit digitalen Angeboten bereits in der Deutschen Digitalen Bibliothek vertreten sind, ist das Bild aus den Kulturerbeeinrichtungen in den Ländern sehr heterogen.

Um zu einem umfassenderen Gesamtverständnis zu kommen, verschickte die Deutsche Digitale Bibliothek Anfang 2015 über die Kultusministerkonferenz an alle Länder eine Abfrage zu den in den Ländern verfolgten Strategien und Umsetzungskonzepten. Die meisten Länder konnten der Bitte um Auskunft nachkommen und haben einen Beitrag zu ihren Anstrengungen, Kultur und Wissen zu vernetzen und zentral über das Internet zugänglich zu machen, verfasst. Auch der Städtetag hat für die kommunalen Anstrengungen einen Überblick verfasst. Dadurch entsteht ein sehr umfassendes und spartenübergreifendes Bild über den aktuellen Status quo der Aktivitäten aus den Kulturerbeeinrichtungen, Kultur und Wissen im Internet nachhaltig verfügbar zu machen.

Die Beiträge im zweiten Band der Schriftenreihe „Kulturelles Erbe in der digitalen Welt“ der Deutschen Digitalen Bibliothek sind ein wichtiges Dokument dafür, wie in Deutschland mit seiner föderalen Ordnung die Vermittlung und letztlich Vernetzung des kulturellen Erbes über das Internet angegangen wird. Die Beiträge beantworten Fragen nach dem organisatorischen Aufbau und der Infrastruktur der Digitalisierung, nach Kooperationen und politischen Rahmenbedingungen, setzen die politische Agenda ins Verhältnis zum tatsächlich Erreichten, beschreiben den Stand der Umsetzung, geben Auskunft über Digitalisierungsstellen, Projekte und deren Koordination, beschreiben die institutionellen Zuständigkeiten, erläutern Portale und die Zusammenarbeit mit der Deutschen Digitalen Bibliothek, enthalten Ausführungen zur Langzeitarchivierung – und am Ende wagen sie jeweils auch einen Ausblick.

Weder die institutionelle Vernetzung noch die Wirkung des kulturellen Erbes oder der Kampf um Aufmerksamkeit ist heute noch national beschränkt. Auch die Strategien und Konzepte in den Bundesländern und Kommunen werden entwickelt im Bewusstsein globaler Vernetzung über das Internet. Denn die Arbeit von Kultureinrichtungen bleibt heute nicht mehr lokal begrenzt. Daher wird auch ein Blick auf Länder außerhalb Deutschlands geworfen, die ganz andere Konzepte verfolgen – begründet auch in anderen rechtlichen Rahmenbedingungen sowie einer anderen Tradition. In Norwegen wird mit einem integrierten nationalen Ansatz das gesamte kulturelle Erbe durch eine staatliche Institution digitalisiert – mit Zustimmung von Künstlern, Autoren und Rechteinhabern. In den USA dagegen ist es mit dem Internet Archive eine kleine gemeinnützige Institution, die – mit dem Informatiker, Unternehmer und Aktivisten Brewster Kahle als treibende Kraft – sich sowohl der Digitalisierung von kulturellem Erbe als auch der Archivierung des Internets stellt. In Japan wiederum ist es die National Diet Library, die Parlamentsbibliothek, die nach dem Zweiten Weltkrieg nach dem Vorbild der US-amerikanischen Library of Congress gegründet wurde und die heute die Digitalisierung des kulturellen Erbes vorantreibt sowie zentraler Ausgangspunkt der staatlichen Konzepte ist.

An der Entstehung dieses Bandes war eine Vielzahl von Personen als Autorinnen und Autoren beteiligt. Nicht alle sind namentlich genannt. Ihnen gilt an dieser Stelle unser herzlicher Dank. Sie haben trotz der erheblichen Anstrengungen, die eine Arbeit im kulturellen Sektor mit sich bringt, zusätzliche Mühen auf sich genommen, damit dieser Band entstehen konnte.

Auch wollen wir neben den Autorinnen und Autoren den Kolleginnen und Kollegen, die uns mit Rat und Tat zur Seite standen, danken, allen voran den Gremien der Deutschen Digitalen Bibliothek, die die Schriftenreihe unterstützen.               
 
Berlin, im Juli 2016
 
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Links und Downloads

Föderale Vielfalt – Globale Vernetzung: Vorwort, Ellen Euler & Paul Klimpel (PDF)

Erläuterung der Lizenz: CC BY-ND 4.0 International

Namensnennung: Ellen Euler & Paul Klimpel: Föderale Vielfalt – Globale Vernetzung Vorwort, in: Föderale Vielfalt – Globale Vernetzung: Strategien der Bundesländer für das kulturelle Erbe in der digitalen Welt, eine Publikation der Deutschen Digitalen Bibliothek, hrsgg. von Paul Klimpel und Ellen Euler, Hamburg University Press: Berlin 2016, Seite 8 - 11. CC BY-ND 4.0 International

Bestellmöglichkeiten und Verlagsinformation:

Online frei verfügbar unter: hup.sub.uni-hamburg.de/purl/HamburgUP_DDB2_Vielfalt
             EPUB: ISBN 978-3-943423-35-8
             PDF: 978-3-943423-36-5
Print-on-Demand: € 14,90 bestellbar über den Buchhandel oder den Verlag
             ISBN 978-3-943423-34-1, Softcover, 239 Seiten mit Bildstrecke, 12,8 x 20,8 cm
Weitere Informationen:
             https://blogs.sub.uni-hamburg.de/hup/reihen/kulturelles-erbe-in-der-digitalen-welt/
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Startseiten- und Indexteaser: „Scanroboter, Digitalisierungszentrum, Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden“, Fotograf: Jürgen Keiper, Deutsche Digitale Bibliothek

 

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