04.08.2016

Die selektive Geschichte einiger Seeleute, des Schiffbaus und dem Beginn einer Epoche

Als Carl Nicolai Christiansen im Jahr 1864 auf Sylt geboren wird, dauert es nur noch zwei Jahre bis die Welt ihren ersten Schritt in Richtung des globalen Dorfs machen würde. Am 27. Juli 1866 gelingt es der Besatzung des Segeldampfers „Great Eastern“ das erste transatlantische Telegrafenkabel zwischen Irland und Neufundland zu verlegen. Carl Nicolai Christiansen, das zukünftige Sylter Urgestein „Käpt’n Corl“, wird zu diesem Zeitpunkt seinen ersten Schritt hoffentlich ebenfalls bereits gemacht haben. Die erfolgreiche Inbetriebnahme des Kabels ist eine Sensation: Ihr vorangegangen waren viele gescheiterte Versuche, hunderttausende Pfund und diverse verschmorte Kabelreste auf dem Grund des Atlantischen Ozeans. Was unser damals zweijähriger Kapitän noch nicht wissen konnte: Die Möglichkeit der schnellen Kommunikation zwischen Europa und Nordamerika war der Beginn einer neuen Epoche.


Great Eastern

"Great Eastern", um 1860, Bild: Stoedtner, Franz (Lichtbildverlag) (Fotograf) (1860), SLUB/Deutsche Fotothek, Rechte vorbehalten - Freier Zugang
"Great Eastern", um 1860, Bild: Stoedtner, Franz (Lichtbildverlag) (Fotograf) (1860), SLUB/Deutsche Fotothek, Rechte vorbehalten - Freier Zugang

Einen kommunikationstechnischen Schritt zurück: Das Seemannsgarn

Der deutsche Begriff des „Seemannsgarns“ leitet sich von dem Wort „Schiemannsgarn“ ab, ein Garn, das aus altem Tauwerk gewonnen wurde – eine lästige und niedere Arbeit, die zumeist bei Schönwetter erledigt wurde. Langweilten sich die Matrosen bei der Gewinnung des Schiemannsgarns, kamen sie ins Erzählen. Irgendwann geriet so das Erzählen in den Vordergrund, und das Seemannsgarn ward nicht mehr per Hand, sondern mit dem Mund gesponnen.

Für sein Seemannsgarn sollte unser junger Käpt’n Corl etwas später berühmt werden. Er fängt mit 15 Jahren als Bordjunge an und ist bereits mit 27 Kapitän bei der Ost-Afrika-Linie. 1902 kehrt er in seine Heimat zurück und fängt an für die Sylter Dampfschiffahrts-Gesellschaft zu arbeiten. 25 Jahre lang steuert er die Raddampfer zwischen Højer, Dänemark, und Munkmarsch auf Sylt und spinnt seinen Sylter gleichwie auswärtigen Fahrgästen sein Seemannsgarn. So erzählt Käpt’n Corl gerne beim Vorbeifahren an einem kleinen Dorf, dort sei Nansen geboren worden. Die Überraschung, dass an diesem tristen Ort ein berühmter Polarforscher zur Welt gekommen sein soll, ist seinen Reisenden anzusehen. Und der Kapitän hat nicht komplett geflunkert: Zwar war nicht Fridtjof Nansen dort geboren, wohl aber Sören Nansen, ein Gemüsehändler.


Fähr-Raddampfer

"Fähr-Raddampfer "Caledonia" (?)" (um 1870, Stadtmuseum - Warleberger Hof (CC BY-NC-ND 3.0 Deutschland)
"Fähr-Raddampfer "Caledonia" (?)" (um 1870, Stadtmuseum - Warleberger Hof (CC BY-NC-ND 3.0 Deutschland)

Das Erzählen und beizeiten das leichte Übertreiben beim Erzählen ist – so kann mit einiger Sicherheit behauptet werden – so alt wie die Seefahrt selbst. Es wird angenommen, dass bereits vor 120.000 Jahren wassertüchtige Fahrzeuge existierten, konkrete Beweise hierfür gibt es allerdings nicht. Eine der frühesten bekannten Schiffsvarianten ist der Einbaum. Funde von Einbäumen und Paddeln lassen sich in Nordeuropa bis circa 6500 v. Chr. zurückdatieren, eine Felszeichnung eines Segels wurde in der Nubischen Wüste gefunden (ca. 5000 v. Chr.), während von den Ägyptern die ältesten Schiffe direkt belegt werden können.


Einbaum

"Einbaum mit Fischspeeren und Haifischfanggerät" (Komalu vor 1910), Foto: Annette Hlawa (Reproduktion) Ethnologisches Museum, Staatliche Museen zu Berlin (CC BY-NC-SA 3.0 Deutschland)
"Einbaum mit Fischspeeren und Haifischfanggerät" (Komalu vor 1910), Foto: Annette Hlawa (Reproduktion) Ethnologisches Museum, Staatliche Museen zu Berlin (CC BY-NC-SA 3.0 Deutschland)

Von Koggen, Dschunken und Langschiffen

Während im Mittelmeerraum durch die Etrusker, Athener und Römer bereits in der Antike technisch sehr ausgereifte Schiffe sowohl für Handel als auch für Krieg entwickelt und genutzt wurden, ließen sich die Nordeuropäer im Vergleich dazu Zeit. Der Fund von Nydam, Dänemark, aus dem dritten Jahrhundert zeigt erst, dass die bis dato genutzten Einbäume in Breite und Höhe vergrößert und die Klinkerbauweise eingeführt wurde. Diese Bauweise der sich überlappenden Bootsplanken wird bis ins späte Mittelalter im Nord- und Ostseeraum vorherrschend sein, um dann von der Kraweelbauweise (glatte Beplankung) abgelöst zu werden. Interessant an der zeitlichen Abfolge: Im Mittelmeerraum wurde die Kraweelbauweise bereits seit der Antike von den alten Ägyptern verwendet, da so die Gesamtkonstruktion des Schiffes belastbarer war. Diese Erkenntnis gelangt erst durch die Handelsbeziehungen der Hanse in den nordeuropäischen Raum.

Das Nydamschiff gilt als direkter Vorläufer der Wikingerschiffe, auch wenn es im Gegensatz diesen ausschließlich gerudert und nicht gesegelt wurde. Weitere Schiffsfunde aus späteren Jahrhunderten zeigen dann die Einführung des Mastes sowie eines großen Rahsegels – das Wikingerschiff war ausgereift. Bis zum 13. Jahrhundert ist es der vorherrschende Schiffstyp in Nordeuropa und es ist hochseetüchtig: Die Wikinger erreichen mit ihren Langschiffen Island (862), Grönland (901), Nordamerika (etwa 1000) und sogar den Mittelmeerraum.


Nydamboot

"Das Nydamboot im Saal des Museums Kiel. Aufn.: Museum Kiel", Nachlass von Ernst Wahle (1889-1981), Dt. Archäologe, Prof. in Heidelberg, Universitätsbibliothek Heidelberg (CC BY-SA 4.0 International)
"Das Nydamboot im Saal des Museums Kiel. Aufn.: Museum Kiel", Nachlass von Ernst Wahle (1889-1981), Dt. Archäologe, Prof. in Heidelberg, Universitätsbibliothek Heidelberg (CC BY-SA 4.0 International)

Während sich in Asien die Dschunke im Laufe der Zeit als vorherrschende Schiffsform entwickelt, mit der der gesamte ostasiatische Raum befahren und sogar der Indische Ozean überquert wird, gibt es in Nordeuropa erst im 13. Jahrhundert signifikante Änderungen zu den bis dato verwendeten Schiffsformen. Eine Änderung ist u.a. die Einführung des Heckruders, wodurch die „Kogge“ entsteht: ein bauchiges, hochseetüchtiges Handels- und Kriegsschiff, das vor allem von der Hanse verwendet wird.  


Hansekogge

"Travemünde: Hansekogge", SLUB/Deutsche Fotothek (Freier Zugang - Rechte vorbehalten)
"Travemünde: Hansekogge", SLUB/Deutsche Fotothek (Freier Zugang - Rechte vorbehalten)

Mit zunehmender Größe, Belastbarkeit und Hochseetauglichkeit der Schiffe rücken zwei Tätigkeiten immer mehr in den Vordergrund: das Entdecken und Erobern. Die Portugiesen entwickeln unter Heinrich dem Seefahrer die Karavelle, mit der sie in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhundert Sierra Leone und Südafrika erreichen. Je mehr der Handel und der damit einhergehende Informationsaustausch ausgeweitet werden, desto mehr vereinheitlicht sich der Schiffsbau, bis ein gesamteuropäischer Schiffstyp entsteht: die Karacke. Sie hat drei Masten, ist kraweelbeplankt und der Schiffstyp mit dem Kolumbus und Vasco da Gama die neue Welt entdecken (gut, ein bis zwei Karavellen waren auch dabei).

Größere Schiffe, die weitere Strecken mit mehr Passagieren und Gütern transportieren können, führen zu deutlich mehr Handel mit Übersee im 16. Jahrhundert. Die Entwicklung gen „größer“ beinhaltet auch „besser gerüstet“, so dass ab dem 17. Jahrhundert zwischen „Linienschiffen“ und „Fregatten“ unterschieden wird. Bei Ersteren bezieht sich die „Linie“ auf die Aufstellung der Schiffe während des Gefechts: Sie segeln hintereinander in „Kiellinie“ und können so gleichzeitig eine Breitseite feuern. Das Segel- und Kriegsschiff ist sodann im 18. Jahrhundert derart ausgereift, dass es kaum noch Änderungen bis zum Ende seiner Ära gibt. Die wird besiegelt durch die Entwicklung des Dampfschiffs im Rahmen der Industrialisierung und letztlich durch die Erfindung des Schiffspropellers, mit dem 1837 erstmals ein Handelsschiff ausgerüstet wird.


Linienschiff

"Linienschiff "Prince of Wales" (1794), Bild: Stoedtner, Franz (Lichtbildverlag) (Fotograf) (1794), SLUB/Deutsche Fotothek (Freier Zugang - Rechte vorbehalten)
"Linienschiff "Prince of Wales" (1794), Bild: Stoedtner, Franz (Lichtbildverlag) (Fotograf) (1794), SLUB/Deutsche Fotothek (Freier Zugang - Rechte vorbehalten)

Kurzer Exkurs: Mit dem Floß über den Pazifik

Als Thor Heyerdahl, ein norwegischer Ethnologe, 1947 mit seinem Floß Kon-Tiki in Peru ablegt, will er beweisen, dass die Besiedlung von Hawaii bis Neuseeland nicht wie bislang angenommen von Westpolynesien aus erfolgte, sondern von Südamerika aus. Eine These, die von der Fachwelt als unmöglich abgetan wird, da die präkolumbianischen Völker Südamerikas keine derart hochseetüchtigen Gefährte entwickelt hatten.  Doch Heyerdahl will seine Annahme beweisen, baut ein Floß nach Vorbild der Zeichnungen, die von den spanischen Konquistadoren angefertigt worden waren, und begründet mit seiner Fahrt eher zufällig die experimentelle Archäologie.

101 Tage benötigt die Expedition des Norwegers für die gut 8.000 Kilometer über den Pazifik, bevor sie auf einer unbewohnten polynesischen Insel unversehrt anlanden – die Unversehrtheit überrascht etwas, da die Mannschaft mit Stürmen, Haien und der Navigation ihres Gefährts auf der Reise häufig überfordert war. Das Experiment war geglückt, heute gilt Heyerdahls Ansatz allerdings als widerlegt. So schlussfolgert Hermann Parzinger in seiner „Geschichte der Menschheit“, dass die polynesische Inselwelt von Westpolynesien aus bevölkert wurde und zwar von Siedlern, die bereits landwirtschaftliche Kenntnisse ebenso wie Haustiere mit sich brachten.


Flößer auf der Elbe

"Heidenau. Floß mit sitzendem Flößer auf der Elbe gegen Industriegebiet" (1910), Bild: Zöllner, Emil (Fotograf), SLUB/Deutsche Fotothek (Freier Zugang - Rechte vorbehalten)
Nicht die Kon-Tiki. "Heidenau. Floß mit sitzendem Flößer auf der Elbe gegen Industriegebiet" (1910), Bild: Zöllner, Emil (Fotograf), SLUB/Deutsche Fotothek (Freier Zugang - Rechte vorbehalten)

Der Beginn einer Epoche, das Ende eines Textes: Die Seetelegrafie

Die Entwicklungen rund um den Schiffsbau und die Seefahrt haben die Welt für die Menschen vergangener Jahrhunderte beständig kleiner werden lassen. Schritt für Schritt war es möglich, wenn auch langsam, mit weit entfernten Ländern und Menschen Handel zu treiben und zu kommunizieren. Die Kehrseite waren Imperialismus und Kolonialisierung.

Das Telegrafenkabel, das am 27. Juli 1866 zwischen Irland und Neufundland erfolgreich verlegt wurde, sollte die globale Kommunikation revolutionieren. Schnell musste niemand mehr auf ankommende Schiffe warten – ab jetzt transportierten diese nur mehr Güter und Menschen, jedoch keine  Nachrichten. Schon Ende der 1870er Jahre umspannt das Seekabelnetzwerk zwischen 70.000 und 100.000 Kilometer. Fast jedes Handelszentrum kann von Europa aus in unglaublicher Geschwindigkeit erreicht werden. Selbst Kaiser Napoleon III. schwärmt, „jedes internationale Missverständnis ließe sich nun rasch mit einem Telegramm berichtigen“. Neunzig Prozent des heutigen Internetverkehrs laufen übrigens immer noch über Kabel am Meeresboden.

Und Käpt’n Corl? Der wurde überflüssig gemacht durch die Erbauung des Hindenburgdamms und spann fortan sein Garn als Inselführer von Sylt.

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Quellen und Links

Seemannsgarn in der Deutschen Digitalen Bibliothek

Seemannsgarn bei Wikipedia

"Käpt'n Corl und sein Seemannsgarn" - Sylter Rundschau (30. April 2016)

Transatlantikkabel: "Wie eine Leiter zum Mond" - DIE ZEIT (27. Juli 2016)

"Wie das Floß "Kon-Tiki" die Archäologie veränderte" - Die Welt (6. Oktober 2014)

Geschichte des Schiffbaus bei Wikipedia

Geschichte der Seefahrt bei Wikipedia

"Segelhandbuch für den Atlantischen Ozean" (Hamburg, 1885) in der Deutschen Digitalen Bibliothek

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