19.10.2017

Die Digitalisierung von Kulturgut im Geschäftsbereich des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg

Unsere Publikation „Föderale Vielfalt – Globale Vernetzung: Strategien der Bundesländer für das kulturelle Erbe in der digitalen Welt“(erschienen im September 2016) liefert erstmals einen umfassenderen Überblick über die Aktivitäten zur Vermittlung und Vernetzung des kulturellen Erbes einzelner Bundesländer in Deutschland.

Sukzessive veröffentlichen wir die einzelnen Beiträge der Publikation in der Reihenfolge des Inhaltsverzeichnisses. Weiterhin können die Beiträge als PDF heruntergeladen und – da sie unter einer CC BY-ND 4.0 Creative Commons Lizenz stehen – nachgenutzt und weiterverwendet werden. Eine Auflistung aller bereits veröffentlichten Artikel findet sich bei den Hintergrundinformationen

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Die Digitalisierung von Kulturgut im Geschäftsbereich des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg

Ursula Bernhardt

1. Einleitung

Digitale Werkzeuge haben die Informationsgewinnung und die Kommunikationsformen revolutioniert und damit auch die Rahmenbedingungen für die wissenschaftliche Arbeit verändert. Digitalisate als Teil einer E-Science-Umgebung ermöglichen es Wissenschaft und Forschung, zeit- und ortsunabhängig mit dem kulturellen historischen Erbe zu arbeiten und dank der internationalen Vernetzung dieses Erbe immer wieder neu zu kontextualisieren. Sie sind ein wesentlicher Beitrag zur Beschleunigung der Forschung, zur Setzung neuer Forschungsimpulse und zur Erschließung des Materials. Bislang unbekanntes oder nur schwer zugängliches Material kann der Forschung sichtbar und zugänglich gemacht werden.

Im Rahmen seines 2014 erschienenen E-Science-Fachkonzepts hat das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg daher eine spartenübergreifende Digitalisierungsstrategie für die Digitalisierung von forschungsrelevantem, urheberrechtsfreien Kulturgut vorgelegt.

Im Geschäftsbereich des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg (MWK) sind die beiden Landesbibliotheken, die Universitätsbibliotheken Heidelberg, Freiburg und Tübingen sowie das Landesarchiv Baden-Württemberg mit seinen sechs Standortabteilungen aufgrund ihrer umfangreichen Altbestände die Hauptakteure im Bereich der Kulturgutdigitalisierung. Diese Einrichtungen verfügen über Digitalisierungswerkstätten. In den staatlichen Museen des Landes besteht im Bereich der technischen Ausstattung z. T. noch Nachholbedarf.

Die ersten Digitalisierungswerkstätten wurden auf Initiative der Einrichtungen sukzessive aufgebaut. Seit Entwicklung der 2014 publizierten Digitalisierungsstrategie für das Land gibt es spartenübergreifend konkrete Zielsetzungen für die Retrodigitalisierung von urheberrechtsfreiem Kulturgut im nachgeordneten Bereich des Wissenschaftsministeriums. Dazu gehören auch Zuwendungsempfänger wie das Haus des Dokumentarfilms mit seiner Landesfilmsammlung oder das Deutsche Literaturarchiv Marbach.

Allen Angaben dieses Berichts spiegeln den Sachstand Ende 2015 wider.

2. Digitale Agenda des Landes und Status quo

Vor der Entwicklung einer landesweiten, spartenübergreifenden Digitalisierungsstrategie erarbeitete das Landesarchiv Baden-Württemberg bereits 2007 eine Digitalisierungsstrategie für die staatliche Archivverwaltung.

Wichtige Komponenten der 2014 publizierten Digitalisierungsstrategie des Landes sind:

wissenschaftliche Relevanz,

Priorisierung der zu digitalisierenden Bestände,

spartenbezogene Servicezentren,

Langzeitarchivierung.

Die Strategie sieht spartenbezogene Digitalisierungszentren im Landesarchiv Baden-Württemberg und den fünf genannten Altbestandsbibliotheken vor, die aus dem Eigenbestand der Einrichtungen digitalisieren und zusätzliche Scan- und Beratungsdienstleistungen für definierte Zielgruppen erbringen sollen.

Die Digitalisierungsvorhaben des Landesarchivs Baden-Württemberg werden innerhalb des Landesarchivs koordiniert, die Digitalisierungsvorhaben der fünf Altbestandsbibliotheken werden untereinander koordiniert. Zwischen den digitalisierenden Einrichtungen werden Kooperationen gepflegt, z. B. beim Einsatz der Digitalisierungssoftware und des Workflows.

Zur Präsentation von Digitalisaten mit Landesbezug im weitesten Sinne dient das vernetzte Online-Informationsportal LEO-BW. Das 2012 frei geschaltete Portal spricht alle Zielgruppen an und erfreut sich steigender Zugriffszahlen. Darüber hinaus werden selbstverständlich die Deutsche Digitale Bibliothek und das Archivportal-D regelmäßig bedient.

Die gezielte Förderung der Kulturgutdigitalisierung durch das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg erfolgt seit 2011. Die Fülle von geförderten Projekten kann hier nicht im Einzelnen aufgezählt werden. Archive, Bibliotheken, Museen und Filmeinrichtungen im Geschäftsbereich des MWK bieten bislang rund 12,8 Millionen Images im Netz an.

Die Digitalisierung erfolgt z. T. aufbauend auf der Erschließung von Objekten, z. T. gemeinsam mit der Erschließung von Objekten. Die Vorgehensweise hängt u. a. von den Vorgaben der Projektförderer ab.

Zur Datensicherung

Das Landesarchiv Baden-Württemberg betreibt ein dezentrales Digitalisierungszentrum in den sechs Standortabteilungen und im Institut für Erhaltung von Archiv- und Bibliotheksgut. Die Sicherung der Masterfassungen von digitalen Reproduktionen erfolgt momentan vorwiegend auf lokalen Speichersystemen an den einzelnen Standorten des Landesarchivs. Eine Auflösung dieser lokalen Datenhaltung zugunsten einer Kooperation mit einem externen Rechenzentrum ist in Vorbereitung, um eine nachhaltige Sicherung der Daten gewährleisten zu können.

Ein Ende 2015 abgeschlossenes Projekt mit dem Steinbuch Centre for Computing (SSC) am KIT Karlsruher Institut für Technologie beschäftigte sich daher mit dem „Aufbau eines Workflows zur Verwaltung und Online-Stellung digitaler Reproduktionen“. Ziel ist ein tragfähiges Konzept, mit dem die durch Digitalisierung analogen Archivguts erzeugten Masterdateien strukturiert und dauerhaft im Filesystem eines Rechenzentrums abgelegt und in ein dort vorhandenes Backup-Konzept eingebunden werden können. Hierbei ist die nahtlose Anbindung an die verschiedenen im Landesarchiv eingesetzten Fachanwendungen (u. a. Online-Informationssystem OLF mitsamt Intranet-Varianten, Erschließungsdatenbank scopeArchiv, BildCMS) und bestehenden Workflows (Digitalisierung, Bestellung von Reproduktionen) zu berücksichtigen.

Die hier beschriebenen Überlegungen zur Speicherung und zum Backup für digitalisiertes Archivgut gelten nicht für genuin digitales Archivgut. Für dieses existiert mit DIMAG (Digitales Magazin des Landesarchivs Baden-Württemberg) eine separate Lösung, die in die IT-Gesamtarchitektur des Landesarchivs eingebunden ist.

Die Universitätsbibliothek Freiburg archiviert die digital master automatisiert aus dem Digitalisierungsworkflow auf Bandlaufwerken (IBM Tivoli Storage Manager) im Universitätsrechenzentrum (URZ) der Universität Freiburg mit einer Spiegelung ins URZ der Universität Heidelberg. Den Nachweis darüber erfasst die Universitätsbibliothek Freiburg im Verbundkatalog im Lokalsatz des Katalogisats. In Vorbereitung ist eine prüfsummenbasierte Kontrolle der Archivdateien.

Die Universitätsbibliothek Heidelberg betreibt ein eigenes Langzeitarchivsystem, bei dem die Volltexte und die zugehörigen Metadaten mehrfach und an verschiedenen Orten gespeichert sind. Durch ein Prüfsummenverfahren und die regelmäßige Validierung dieser Prüfsummen wird die Unversehrtheit der Dateien sichergestellt. Die Ablieferung einer digitalen (Archiv-)Kopie an die Deutsche Nationalbibliothek ist vorgesehen und soll umgesetzt werden, sobald die entsprechenden Schnittstellen zur Verfügung stehen.

Die Datensicherung in der Universitätsbibliothek Tübingen findet asynchron auf zwei getrennten Speichersystemen durch das Zentrum für Datenverarbeitung der Universität statt, eine Langzeitarchivierung im eigentlichen Sinn findet noch nicht statt.

Die von der Badischen Landesbibliothek erzeugten Digitalisierungsdaten werden lokal gespeichert. Ein Backup der Images (TIFFs/digital master) erfolgt zur LSDF (Large Scale Data Facility) beim KIT Karlsruhe. Geprüft werden derzeit Verfahren zum Auslagern der Images auf Bandlaufwerke der LSDF sowie das Archivieren kompletter Werke. Eine Langzeitarchivierung findet derzeit nicht statt.

Sicherung und Backup der Produktions- und Präsentationsdaten der Württembergischen Landesbibliothek finden mehrstufig im hauseigenen System statt. Die Langzeitarchivierung soll vereinbarungsgemäß über das Bibliotheksservice-Zentrum Baden-Württemberg (BSZ) erfolgen.

Eine Langzeitarchivierung der Digitalisate der staatlichen Museen des Landes findet derzeit noch nicht statt.

3. Strategie

Die oben erwähnte Digitalisierungsstrategie war eine Initiative des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg. Sie wurde von einer Arbeitsgruppe mit Vertreter/innen aller Kultursparten erarbeitet. Die Digitalisierungsstrategie wurde im Juli 2014 vom Kabinett verabschiedet und innerhalb des E-Science-Fachkonzepts publiziert1.

Das Strategiepapier trifft auch Aussagen zu den Kosten der Digitalisierung in den einzelnen Kultursparten, der Langzeitarchivierung und der geplanten Servicezentren. Aus den Berechnungen lassen sich spartenbezogen die finanziellen Bedarfe ablesen.

Die Digitalisierungsstrategie des Landes konnte mangels entsprechender Mittelausstattung noch nicht vollständig umgesetzt werden

4. Kooperationen

Zu den Kooperationen unter den digitalisierenden Einrichtungen siehe unter Ziffer 2.

Datenlieferungen an die Deutsche Digitale Bibliothek

Das Landesarchiv Baden-Württemberg als Gründungsmitglied des Kompetenznetzwerks Deutsche Digitale Bibliothek und Projektverantwortlicher für das damit verbundene Archivportal-D stellt seine Inhalte direkt beiden Portalen zur Verfügung.

Für Einrichtungen, die dies nicht selbst realisieren können, ist aus Sicht des Landesarchivs Baden-Württemberg die Verwendung bestehender Strukturen sinnvoll. Aggregatoren oder auch regionale oder spartenspezifische Clearingstellen könnten die Institutionen bei der Datenbereitstellung unterstützen. Aus archivpolitischer Sicht wird auf das Positionspapier der Konferenz der Leiterinnen und Leiter der Archivverwaltungen des Bundes und der Länder (KLA) zur Entwicklung der Portallandschaft in Deutschland verwiesen, dem sich die Bundeskonferenz der Kommunalarchive beim Deutschen Städtetag (BKK) und der VdA – Verband deutscher Archivarinnen und Archivare e. V. angeschlossen -haben.2

Die KLA positioniert sich hierin in Bezug auf die Rolle von Aggregatoren wie folgt (S. 2, Punkt 4): „Regionalen, lokalen oder anderen Aggregatoren in Deutschland kommt eine große Bedeutung für den Ausbau und die Aktualisierung des Archivportals-D zu. Sie bündeln die Informationen von Archiven und leiten sie über standardisierte Schnittstellen an das deutsche Archivportal weiter. Um alle Archive in Deutschland erfassen zu können, sind geeignete Aggregationsstrukturen zu entwickeln, auszubauen und zu verstetigen.“

Bei den fünf Altbestandsbibliotheken haben alle bisherigen Bemühungen, die Deutsche Digitale Bibliothek über Aggregatoren zu beliefern (z. B. Zentrales Verzeichnis Digitalisierter Drucker, BSZ) nicht zum Ziel geführt. Deshalb ist anzustreben, dass die Bibliotheken eigenständige Datenlieferanten werden. Die hierfür notwendigen bilateralen Kooperationsverträge sind bereits ab-geschlossen.

Beim Online-Gang der Deutschen Digitalen Bibliothek war leider noch kein Harvesting der Metadaten und Bilder der digitalisierten Werke via OAI-Schnittstelle möglich, obwohl diese von den Bibliotheken bereitgestellt wurde. Grundsätzlich ist dies nun aber von Seiten der Deutschen Digitalen Bibliothek technisch möglich, die Abstimmungen bezüglich der Datenlieferungen sind jedoch langwierig, und aus Sicht der Bibliotheken eher als „zäh“ zu bezeichnen. Die Lieferung von Bildern und Metadaten aus Bilddatenbanken an die Deutsche Digitale Bibliothek ist via Import im LIDO-Format ebenfalls direkt möglich. Hierbei leistet die Fachstelle Mediathek Bild (Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden) gute Unterstützung.

Mit produktivem Datentransfer ist erst im ersten Quartal 2016 zu rechnen. Mit welcher Regelmäßigkeit dann Aktualisierungen vorgenommen werden, ist noch unklar.

Die Direktbelieferung durch die Bibliotheken und der Verzicht auf Aggregatoren hat neben der größeren Transparenz des Workflows den Vorteil, dass Bibliotheken auch namentlich als Datenlieferanten auf der Webseite der Deutschen Digitalen Bibliothek erscheinen, was zu einer deutlich höheren Sichtbarkeit führen wird.

Von Seiten der Staatlichen Museen Baden-Württembergs erfolgen bislang noch keine Datenlieferungen an die Deutsche Digitale Bibliothek.

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Zur Autorin

Dr. Ursula Bernhardt * 1956, Ministerialrätin im Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg. Studium der lateinischen Philologie, Romanistik und Klassischen Archäologie an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Promotion zum Dr. phil. über die Exildichtung Ovids. 1986–1988 Ausbildung für den höheren Dienst an wissenschaftlichen Bibliotheken. 1988–1997 Badische Landesbibliothek, seit 1997 im Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg mit wechselnden Zuständigkeiten. Aktuell: Staatliche Archivverwaltung, Badische Landesbibliothek, Württembergische Landesbibliothek, Fachstellen für das öffentliche Bibliothekswesen, Geschäftsführerin der Stiftung Kulturgut Baden-Württemberg, Querschnittsaufgaben: Bestandserhaltung, Digitalisierung u. a. m.

Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg
Königstraße 46
70173 Stuttgart

Telefon +49 711 279 29 82

ursula.bernhardt [at] mwk.bwl.de

www.mwk.baden-wuettemberg.de

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Links und Downloads

[PDF] Die Digitalisierung von Kulturgut im Geschäftsbereich des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg 

Erläuterung der LizenzCC BY-ND 4.0 International

Namensnennung: Ursula Bernhardt: Die Digitalisierung von Kulturgut im Geschäftsbereich des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg, in: Föderale Vielfalt – Globale Vernetzung: Strategien der Bundesländer für das kulturelle Erbe in der digitalen Welt, eine Publikation der Deutschen Digitalen Bibliothek, hrsgg. von Paul Klimpel und Ellen Euler, Hamburg University Press: Berlin 2016, Seite 16 - 25. CC BY-ND 4.0 International

Bestellmöglichkeiten und Verlagsinformation:

Online frei verfügbar unter: hup.sub.uni-hamburg.de/purl/HamburgUP_DDB2_Vielfalt
             EPUB: ISBN 978-3-943423-35-8
             PDF: 978-3-943423-36-5
Print-on-Demand: € 14,90 bestellbar über den Buchhandel oder den Verlag
             ISBN 978-3-943423-34-1, Softcover, 239 Seiten mit Bildstrecke, 12,8 x 20,8 cm
Weitere Informationen:
             https://blogs.sub.uni-hamburg.de/hup/reihen/kulturelles-erbe-in-der-digitalen-welt/
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Startseiten- und Indexteaser: "Vöhrenbach: Hochwasser der Breg; Brückendurchlass" (17. Februar 1958), Fotograf: Willi Pragher, Landesarchiv Baden-Württemberg (CC BY 3.0 Deutschland)

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