25.02.2015

„Der Vergangenheit eine Zukunft – Kulturelles Erbe in der digitalen Welt“: Die erste Publikation der Deutschen Digitalen Bibliothek

Ein Gespräch mit den Herausgebern Ellen Euler und Paul Klimpel

Publikation Der Vergangenheit eine Zukunft - Kulturelles Erbe in der digitalen Welt

„Die Entwicklungen der Technik verändern unsere Welt. In den letzten zwanzig Jahren haben der Einzug digitaler Technologien und ihre Vernetzung über das Internet in nahezu allen Lebensbereichen zu enormen Umbrüchen geführt. Diese Entwicklung macht vor der Kultur nicht halt.

Dabei stehen gerade die Archive, Museen, Bibliotheken und Mediatheken wie auch Einrichtungen aus Wissenschaft und Denkmalpflege vor großen Herausforderungen. wie sollen sie unter veränderten Bedingungen ihren gesellschaftlichen Auftrag erfüllen? Was sind die Rahmenbedingungen und wo behindern, wo befördern sie die Zukunft unserer Vergangenheit?“

Diesen Fragen geht die erste gemeinsame Publikation der Deutschen Digitalen Bibliothek zusammen mit iRights Media nach, die am 12.03.2015 erscheint und auf der Leipziger Buchmesse präsentiert wird. (Download Einladungsflyer Buchpräsentation und Empfang)

Zuvor haben wir mit den beiden Herausgebern Ellen Euler und Paul Klimpel über die Hintergründe und Inhalte der Publikation gesprochen. (Zur Vorbestellung bei iRights media)

*Dr. Ellen Euler ist Stellvertreterin des Geschäftsführers der Deutschen Digitalen Bibliothek und Urheberrechtsexpertin.

*Dr. Paul Klimpel ist Anwalt, Leiter bei iRights.Lab Kultur und Leiter der internationalen Konferenz „Zugang gestalten!“.

In Kürze erscheint die von Ihnen herausgegebene Publikation „Der Vergangenheit eine Zukunft. Kulturelles Erbe in der digitalen Welt“. Liebe Frau Euler, lieber Herr Klimpel, was sind die Hintergründe für die Publikation?

Ellen Euler: „Die Deutsche Digitale Bibliothek ist ein Katalysator für die vielschichtigen Bemühungen um die Digitalisierung von Kultur und Wissen und sie befördert den Diskurs um die technologischen und gesellschaftspolitischen Aspekte zum einen, zum anderen führt und gestaltet sie ihn aber auch. Die Publikation soll einen Zwischenstand manifestieren auf dem Weg zu einer Welt, in der jeder Bürger Zugang zum kulturellen Erbe der Welt von seinem heimischen PC aus hat.“

Ellen Euler

Paul Klimpel: „Dieser Diskurs ist sehr intensiv und vor allem sehr engagiert geführt worden in den letzten Jahren. Mir war es wichtig, dass dieser Diskurs eine Manifestation bekommt – eine Manifestation des Standes, wo wir heute sind, damit man nicht immer wieder die gleichen Fragen neu aufwärmen muss. Ich denke, es gibt einen Stand, der inzwischen erreicht ist, auf dem man aufbauen kann und auch aufbauen muss. Insofern ist die Publikation ein wichtiger erster Schritt, aber sicherlich nicht das Ende des Diskurses und sicher auch nicht das Ende von Publikationen über diesen Diskurs.“

Die Publikation sammelt Beiträge unterschiedlicher Fachautoren zu Themen der Digitalisierung kulturellen Erbes und deckt ein breites thematisches Spektrum ab. Können Sie kurz etwas zu der Gliederung der Publikation und ihrer Themenbereiche erzählen? Aus welchen Erfahrungsbereichen stammen die Autoren?

Ellen Euler: "Die Publikation beginnt mit einem kultur- und gesellschaftspolitischen Teil – da geht es um die Fragen nach öffentlicher Verantwortung, gesellschaftlichen Aufgaben und dem privaten Engagement. Darauf folgt ein technikaffiner Teil, bei dem es um die Regeln der Vernetzung geht und den Abschluss bildet die Diskussion um die rechtlichen Rahmenbedingungen. Diese rechtlichen Rahmenbedingungen gilt es im Angesicht der Digitalisierung des kulturellen Erbes neu zu justieren. Die Autoren, die mitgewirkt haben, arbeiten für Institutionen, die hier Vorreiter sind, bei der Digitalisierung schon viel bewirkt haben oder auch Querdenker."

Paul Klimpel: „Wir haben neben den vielen Beiträgen auch Materialien abgedruckt, die immer wieder in diesem Diskurs genannt, aber bisher kaum publiziert wurden, auf denen aber dieser Diskurs aufbaut und auch weiter aufbauen wird: Beispielsweise eine Expertenstimme aus der Europäischen Union, ein Positionspapier des Deutschen Museumsbundes oder die Empfehlung für die Berliner Erklärung der großen Kultureinrichtungen. Außerdem haben wir in diesem Buch eine faszinierende Bildstrecke des Fotografen Jürgen Keiper, der sich mit dem Prozess der Digitalisierung in den Institutionen auseinandersetzt. Institutionen sind ganz konkrete und analoge Orte und dieses Spannungsverhältnis zwischen der Flüchtigkeit des Digitalen und des Unkörperlichen einerseits und der Materialität und der konkreten Räumlichkeit von Digitalisierungsprozessen andererseits ist in diesen Bildern sehr schön eingefangen worden.“

Paul Klimpel

Vor welchen spezifischen Herausforderungen stehen Kultur- und Wissenschaftseinrichtungen, sobald sie ihre Bestände digitalisieren möchten? Kann oder will die Publikation hier ein Leitfaden sein?

Paul Klimpel: „Die Herausforderungen bestehen im Grunde auf drei Ebenen. Da ist einerseits die technische Herausforderung: Museen, Archive und Bibliotheken haben ganz spezifische Fachkenntnisse entwickelt, das sind aber in der Regel keine Kenntnisse im Bereich der Informationstechnologie oder Programmierung. Aufgrund dessen sind im Buch einige Beiträge, in denen es um Fragen der Datenmodellierung geht und wie die Regeln der Vernetzung aussehen müssen.

Die zweite ist die organisatorische Herausforderung, weil die Abläufe, die zur Integration eines Webservice in eine Datenbank erforderlich sind, ganz andere sind als wenn früher ein Wissenschaftler etwas nachgeschlagen, fotokopiert oder gescannt hat. Durch die Digitalisierung haben sich die Arbeitsprozesse geändert, das wiederum hat Auswirkungen auf die Organisation. Das konnten wir allerdings allenfalls streifen.

Das Dritte und hierzu gibt es einige Beiträge, sind die rechtlichen Herausforderungen, die dieser Prozess der Digitalisierung mit sich bringt.

Jetzt, wo es darum geht, zu digitalisieren und digital zugänglich zu machen und wo alles, was damit verbunden ist, eine Vervielfältigung ist und damit auch alles urheberrechtlich relevant wird, sind diese Institutionen damit konfrontiert, Rechtsfragen zu lösen. Dafür sind sie weder ausgebildet, noch haben sie die finanziellen Mittel dazu noch können sie diese komplexen Fragen wirklich beantworten. Und ich möchte einen Schritt weiter gehen: Dafür sind sie letztlich auch nicht da. Sie sind da, um kulturelles Erbe zugänglich zu machen und nicht um Rechtsfragen zu lösen. Deshalb müssen die Rahmenbedingungen so weiterentwickelt werden, dass Kulturinstitutionen ihrem Auftrag entsprechend handeln können und von der Lösung komplizierter Rechtsfragen entlastet werden.“

Ellen Euler: „Man benötigt ein institutionelles Update auf allen Ebenen, damit man dem gerecht werden kann. Ein Leitfaden kann die Publikation nicht sein, soll sie auch gar nicht. Sie bildet den Stand eines Diskurses ab, aber sicherlich ist auch angedacht, dass Erfahrungen ausgetauscht werden können: Es gibt Best-Practice-Beispiele und man kann auf dem aufbauen, was da ist und was eben auch schon erfolgreich war.“

Frau Euler, Herr Klimpel, Sie sind beide nicht nur als Herausgeber, sondern auch als Autoren in der Publikation vertreten – können Sie uns kurz erläutern, mit welchen Fragestellungen Sie sich in ihren Beiträgen jeweils auseinandergesetzt haben?

Paul Klimpel: „Ich habe mich mit der Unsicherheit des urheberrechtlichem Status von Werken beschäftigt, wenn es um ältere Werke geht. Es ist nicht nur bei den verwaisten Werken so, dass man nicht mehr weiß, wer der Rechteinhaber ist, dass unklar ist, wer Urheber ist, wer die Rechte dann an wen übertragen hat und wer sie letztlich bekommen hat. Diese Unsicherheit gilt für alle älteren Werke, insbesondere weil Nutzungsrechte, die die digitale Auswertung betreffen, damals noch gar nicht bedacht und teilweise auch nicht übertragen worden sind. Das wiederum führt dazu, dass wir zwar formal sagen: Wir brauchen eine ganz klare Herleitung vom Urheber, der seine Nutzungsrechte überträgt, der das dann wiederum an jemand drittes und viertes überträgt, so dass man am Ende über eine Kette ableiten kann, ob man etwas darf oder nicht.

In der Praxis kommt es jedoch sehr häufig dazu, dass mit Fiktionen gearbeitet wird. Man schließt den Vertrag mit dem Rechteinhaber, bei dem es plausibel erscheint, dass er die Rechte hat. Aber es gibt im Urheberrecht keinen gutgläubigen Erwerb. Man kann Nutzungsrechte nicht dadurch bekommen, dass man darauf vertraut mit dem Richtigen einen Vertrag zu machen. Um dieses Auseinanderfallen von Recht und Wirklichkeit und die Rolle von Fiktion bei der Zuschreibung von Rechten geht es in meinem Text.“

Ellen Euler: „Zusammen mit Thomas Dreier, ein bekannter Urheberrechtsprofessor, vertreten wir die Ansicht, dass das Menschenrecht auf kulturelle Teilhabe im 21., im digitalen Jahrhundert, auch den digitalen Zugang zu Kultur und Wissen umfasst. Digitalisierung ist also kein „nice to have“, sondern ein „must have“ und die kulturellen Einrichtungen haben eine Verpflichtung dazu, Kultur und Wissen zu digitalisieren und zugänglich zu machen.

Auf der anderen Seite umfasst dieses Menschenrecht auch den Schutz kultureller Leistungen, geht also in beide Richtungen. Es muss ein effektives Urheber- und Patentrecht geben. Während es im analogen Umfeld ein Gleichgewicht zwischen dem Teilhabeinteresse auf der einen Seite und dem Schutzhabeinteresse auf der anderen Seite gab, ist dieses gesunde Gleichgewicht im digitalen Umfeld gestört. Um das zu verdeutlichen: Jede Handlung, die man im Digitalen vornimmt, ist sofort auch eine Vervielfältigung und damit eine urheberrechtlich relevante Nutzungshandlung. Diese hängt dann von der Erlaubnis des Rechteinhabers ab, wenn es keine Privilegierung gibt.

Ein praktisches Beispiel: Wenn ich ein körperliches Buch erwerbe, kann ich das ausleihen, an wen ich möchte, kann es verschenken, kann damit machen, was ich will. Wenn ich ein E-Book erwerbe, dann entscheidet der Rechteinhaber umfassend, also der Verlag, wie und auf welche Weise ich dieses Buch nutzen kann – auf wie vielen Endgeräten und wie oft ich es mir anzeigen lassen kann. Das gilt auch für die Bibliotheken, die im Analogen weitgehende Freiheiten aufgrund der Bibliothekstantieme zur kostenlosen Zugänglichmachung haben. Im Digitalen sieht das anders aus und die Freiheiten müssen im digitalen Raum anders ausgestaltet werden als im Analogen. Es muss aber auch hier genug Freiraum da sein für die künstlerische, kreative Auseinandersetzung mit Kultur und Wissen, um Neues schaffen zu können. Professor Dreier und ich haben im konkreten Fall der Onleihe und der Virtuellen Ausstellungen aufgezeigt, was das bedeutet und was zu tun ist.“

Paul Klimpel: „Eine kleine Ergänzung, weil das Buch als Beispiel genannt wurde: Dieses Buch hat insofern eine Besonderheit, weil die Beiträge in diesem Buch alle unter einer sogenannten freien Lizenz stehen (Creative Commons Namensnennungslizenz CC BY Anm. d. Red.). Analog und digital können, dürfen und sollen diese Texte kopiert werden, weil wir ein großes Interesse an der Verbreitung des Buches haben.“

„Der Vergangenheit eine Zukunft“ – zum Schluss des Interviews eine Einschätzung: Wie steht es um den Status Quo der Digitalisierung des kulturellen Erbes und wie um die Zukunft?

Paul Klimpel: „Wir sind ganz am Anfang. Das muss man sagen. Es ist eine ganz kleine Prozentzahl von Beständen, die schon digitalisiert sind. Ich bin fest davon überzeugt, um in großen Schritten vorwärts zu kommen, müssen wir zuallererst die rechtlichen Rahmenbedingungen ändern. Die Staaten, in denen Digitalisierungsprojekte weiter fortgeschritten sind, ob es die USA sind oder Norwegen, wo die kompletten Bestände der Nationalbibliothek digitalisiert werden konnten, können das nur, weil es dort die entsprechenden Rahmenbedingungen gibt, die dafür die Wege ebnen.

Solange es noch nicht so ist, hilft es auch gar nicht, nur mehr Geld, mehr Mittel dafür bereitzustellen, weil es sich immer genau an diesen Stellen verhaken wird. Und ich habe die Hoffnung, dass das Bewusstsein genau dafür auch wächst, auch deshalb weil wir Beispiele dafür haben, dass dieser Spagat, das Aushandeln von rechtlichen Interessen im Gesetzgebungsprozess in anderen Ländern schon weiter fortgeschritten ist und man dort zu pragmatischen Lösungen gefunden hat.“

Ellen Euler: „Ich denke, dass die Digitalisierung des kulturellen Erbes ein unumkehrbarer Trend ist. Das mag man bedauern, aber man muss dem Rechnung tragen und der Status Quo lässt sich vielleicht am besten mit dem Zitat beschreiben: „Die alte Schönheit ist nicht mehr wahr, und die neue Wahrheit ist noch nicht schön.“ Will heißen, der Wandel ist noch nicht vollständig vollzogen und wir werden uns erst noch an die Formen der neuen digitalen Teilhabe gewöhnen müssen und stehen auch nach zwanzig Jahren immer noch am Anfang. Was aber auch eine Chance ist, wir können immer noch steuern und alles gut und richtig machen.“


Gibt es Fragen oder Rückmeldungen zu dem Gespräch oder der Publikation? Gerne erhalten wir Feedback w.hauschildt [at] hv.spk-berlin.de (subject: Feedback%20Publikation) (via Mail), auf Twitter oder Facebook!

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Pressemitteilung Buchpräsentation und Empfang „Der Vergangenheit eine Zukunft“ – Leipziger Buchmesse

Weitere Informationen zu Buchpräsentation und Empfang auf der Leipziger Buchmesse

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