06.02.2018

„Das innovative Potenzial der Deutschen Digitalen Bibliothek ausschöpfen“ – Ein Interview mit Geschäftsführer Dr. Uwe Müller

Im Juli 2017 haben wir ein von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz geführtes Interview mit Frank Frischmuth, Geschäftsführer Finanzen, Recht, Kommunikation der Deutschen Digitalen Bibliothek (DDB), veröffentlicht. Jetzt befragen wir Dr. Uwe Müller, Geschäftsführer Technik, Entwicklung, Service der Deutschen Digitalen Bibliothek, zu seinem Arbeits- und Verantwortungsbereich, den Weiterentwicklungen und der Zukunft der DDB.


Interview UM

Dr. Uwe Müller, Geschäftsführer Technik, Entwicklung, Service der Deutschen Digitalen Bibliothek, Foto: Deutsche Nationalbibliothek, Stephan Jockel (CC BY 4.0 International)
Dr. Uwe Müller, Geschäftsführer Technik, Entwicklung, Service der Deutschen Digitalen Bibliothek, Foto: Deutsche Nationalbibliothek, Stephan Jockel (CC BY 4.0 International)

Lieber Herr Müller, Sie sind Geschäftsführer Technik, Entwicklung, Service der Deutschen Digitalen Bibliothek an der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt. Wie genau definieren sich diese drei Arbeitsbereiche in der Projektstruktur der DDB?

Bei diesen Bereichen handelt es sich um drei wichtige Säulen des operativen Betriebs: Zum einen der Bereich Technik –  dahinter verbirgt sich die technische Infrastruktur, auf deren Basis die DDB läuft. Diese ist bei FIZ Karlsruhe – Leibniz-Institut für Informationsinfrastruktur angesiedelt, einem sehr guten und potenten Partner, den wir an unserer Seite haben und mit dem wir eng zusammenarbeiten. 

Hinter dem zweiten Teil – Entwicklung – stecken die technischen Weiterentwicklungen. Das betrifft sowohl längerfristige Planungen als auch konkrete Umsetzungen von Projekten bis hin zu ihrer Implementierung. Für diese Aufgaben ist die Projektkoordination innerhalb des Geschäftsbereichs zuständig.

Der Bereich Service umfasst das laufende Geschäft, vor allem die Betreuung unserer Datenpartner durch unsere Servicestelle und die dezentralen Fachstellen. Sie arbeiten mit den Kultur- und Wissenseinrichtungen zusammen, die uns ihre Kulturdaten zur Verfügung stellen, welche wir dann zusammenführen und präsentieren.

Womit beschäftigen Sie persönlich sich bzw. woran arbeiten Sie gerade?

Generell ist es meine Verantwortung, die strategischen Ziele, also das, was längerfristig in der DDB passieren soll, soweit zu konkretisieren und herunterzubrechen, dass daraus handhabbare und umsetzbare Projekte entstehen. Dazu gehört viel Koordinationsarbeit: Die Projekte müssen initiiert werden, es muss geguckt werden, wo man möglicherweise zusätzliche Ressourcen herbekommt. Das hat natürlich auch viel mit dem Aushandeln von Prioritäten zu tun: Ist in einer konkreten Situation eher die Weiterentwicklung wichtiger oder ein Aspekt des Betriebs?

Meine persönlichen Schwerpunkte liegen aktuell in der Vorbereitung neuer Projektvorhaben, die wir zum Teil mit eigenen Mitteln, aber zum größeren Teil mit Sonderförderungen, z. B. der DFG, bewerkstelligen wollen. In einigen Fällen haben wir diese Förderungen schon zugesagt bekommen und gehen jetzt in die konkrete Projektplanung.

Das Sonderprojekt „DDB 2017“ war der Modernisierung der IT-Infrastruktur der DDB gewidmet. Können Sie kurz skizzieren, was man sich darunter vorzustellen hat?

Die DDB führt Daten zusammen – das ist unser Kerngeschäft – und zwar ziemlich viele Daten. Dazu brauchen wir ein entsprechendes Basissystem, und das ist jetzt – die Konzeptionsphasen eingerechnet – fast zehn Jahre alt. Das merken wir an verschiedenen Stellen, denn das System kommt an seine Grenzen, und um zukunftsfähig zu bleiben, müssen wir uns weiterentwickeln. Wir haben uns daher entschieden, für das Basissystem eine neue Architektur einzuführen, mit der wir zwei konkrete Ziele erreichen wollen.

Zum einen geht es um die Erhöhung der Performanz. Das bedeutet, dass wir mehr Daten in kürzerer Zeit laden können. Hier hilft uns neben der neuen Architektur auch eine verbesserte technische Unterstützung manueller Arbeitsprozesse. Mit dem zweiten Ziel geht es um neue Nutzungsszenarien. Dazu gehören die Analyse des Datenbestandes, Visualisierungen und Datenanreicherungen.

Welche Änderungen für bestehende und zukünftige Datenpartner – also Kultur- und Wissenseinrichtungen – ergeben sich aus dieser neuen Infrastruktur konkret? Was sind die Vorteile?

Wir werden vor allem eine schnellere Bearbeitung beim Einspielen und Aktualisieren von Datenbeständen erreichen. Wir werden mit der neuen Architektur für unsere Datenpartner aber auch transparenter werden. Denn wir haben Selbstbedienungskomponenten entwickelt, mit denen bestimmte Prozesse beim Datenclearing von außen angestoßen bzw. überwacht werden können – zunächst durch die Fachstellen, später auch durch Datenpartner. Das wird zu einer erheblichen Beschleunigung führen.

Und wird es konkrete sichtbare Änderungen für die Nutzer der DDB geben?

Ja, da kann man drei Bereiche nennen: Der eine ist die unmittelbare Integration von hochauflösenden Bildern für bestimmte Objektarten. Konkret wollen wir Bücher und andere gedruckte Materialien soweit einbinden, dass man sie komplett im DDB-Portal betrachten und nutzen kann. Auch bei der Suche haben wir Verbesserungen vorgenommen. Es wird eine Art „unscharfe“ Suche geben, mit der Ergebnisse auch dann gefunden werden, wenn abweichende Wortformen oder Zusammensetzungen eingegeben wurden. Als drittes gehen wir im Bereich der Datenvernetzung ein paar Schritte vorwärts und werden im Portal neben den Personenseiten auch Organisationsseiten einführen, die dann einen Vernetzungspunkt zwischen Objekten und Einrichtungen oder Institutionen darstellen.

Wie weit ist das Projekt „DDB 2017“ gediehen bzw. wann sind diese Änderungen „live“ zu sehen?

Das Projekt befindet sich auf der Zielgeraden: Die meisten Arbeiten sind abgeschlossen, es gibt jedoch noch ein paar Probleme, die aufgetreten sind und die dazu führen, dass wir die neue Architektur noch nicht unmittelbar in Betrieb nehmen konnten. Ich bin aber zuversichtlich, dass dies im ersten Halbjahr 2018 der Fall sein wird.

Wird es ein „DDB 2018“ geben? Und wenn ja, was ist für dieses Projekt konkret geplant?

Ja, mit dem jetzt Erreichten haben wir das innovative Potenzial der DDB enorm erweitert. Das wollen wir jetzt schrittweise ausschöpfen. Wir starten im Frühjahr 2018, um innovative Erweiterungen für die DDB zu ermöglichen oder zu implementieren. Für dieses Projekt haben wir uns drei Arbeitsschwerpunkte herausgesucht: Zum einen wollen wir weiter daran arbeiten, hochauflösende Images direkt über das DDB-Portal bereitzustellen und gegebenenfalls auch selber anzubieten. Dazu werden wir die neue Entwicklung IIIF erproben, ein Framework zur Bereitstellung von hochauflösenden Images über leicht nutzbare Web-Schnittstellen. Hier werden wir bestehende IIIF-Angebote anderer Einrichtungen nachnutzen und auch selber – zunächst prototypisch – einen IIIF-Dienst aufbauen.

Der zweite Bereich rankt sich um die automatische Erkennung von Bildinhalten. Es gibt schon verschiedene Verfahren, die das ermöglichen – Feature Detection ist hier das Stichwort – die wollen wir für die DDB nutzbar machen und möglicherweise adaptieren, um Bilder, die nicht so detailliert beschrieben sind, automatisch auswerten zu können.

Der dritte Bereich geht dann noch ein Stück weiter in den Bereich der Metadaten: Wir wollen Datenanalysen in unserem sehr großen und heterogenen Datenbestand machen, die uns Aufschluss darüber geben, wie umfangreich die Metadaten aus den verschiedenen Beständen und Lieferungen sind. Aus den Ergebnissen wollen wir schlussfolgern, was wir in Zukunft damit machen können und welche Grundlagen wir eigentlich haben – auch für zukünftige Datenvernetzungen.

Welche Chancen bieten offene Kulturdaten aus Ihrer Sicht?

Ich denke, dass Kulturdaten, wenn sie offen und frei zur Verfügung gestellt werden, im Idealfall kreativ weiterverwendet und kombiniert werden können. Das heißt, jede und jeder kann diese Daten nutzen und mit ihnen Ideen entwickeln, an die man als „Besitzer“ der Daten vielleicht gar nicht denken würde. Dazu zählen Verknüpfungen verschiedener Datenbestände, die sonst ohne weiteres gar nicht möglich wären. Hier gibt es viele Möglichkeiten, aber um diese Potenziale auszuschöpfen, ist, wenn Sie so wollen, die „Freilassung“ dieser Daten eine wichtige Voraussetzung.

Welche Rolle spielt die Deutsche Digitale Bibliothek bei der Bereitstellung offener Daten?

Die DDB profitiert natürlich zum einen selbst davon, dass die Daten, die ihr zur Verfügung gestellt werden, offen lizenziert sind. Also eine gewisse Freistellung von Daten ist erforderlich, damit wir diese Daten überhaupt anzeigen können. Das verdanken wir unseren Datenpartnern, den Kultureinrichtungen, die das tun. Aber wir geben diese Daten auch weiter, soweit uns das möglich ist: Nicht nur über das Portal, sondern auch über die Programmierschnittstelle (API), wo die Daten dann unter der CC0-Lizenz abgerufen und weiterverarbeitet werden können. Diese Metadaten sind uneingeschränkt nutzbar.

Auch Coding da Vinci, der erste deutsche Kultur-Hackathon, welcher von der DDB gemeinsam mit der Servicestelle Digitalisierung Berlin, der Open Knowledge Foundation und Wikimedia Deutschland entwickelt wurde, zeugt von der Bedeutung des Themas Offenheit von Daten und zeigt das Potenzial, was wir damit schon zum Teil sichtbar gemacht haben.

Welche Projekte und Themen werden in Zukunft darüber hinaus für die Deutsche Digitale Bibliothek wichtig werden bzw. sollen angegangen werden?

Neben dem Projekt „DDB 2018“ haben wir verschiedene andere Projektideen. Derzeit planen wir gemeinsam mit anderen Partnern ein Zeitungsportal, das einen zentralen Zugang und Recherchemöglichkeiten für historische digitalisierte Zeitungen bietet.

Dann wollen wir auch die weitere Verbreitung der GND, der Gemeinsamen Normdatei, voranbringen. Die GND ist für Bibliotheken ein sehr wichtiges Normdatensystem, das Personen, Orte, Körperschaften und andere Entitäten eindeutig identifiziert. Dieses System soll jetzt auch für andere Kultursparten, also für Museen, Archive, Denkmalpflegeeinrichtungen, Bildarchive usw. noch stärker nutzbar gemacht werden. Unser DFG-Antrag dazu wurde im Dezember 2017 bewilligt, so dass das Projekt demnächst starten wird.

Nicht zuletzt geht es uns um die Weiterentwicklung von Nutzungsszenarien. Einerseits gibt es schon eine erfreulich hohe Nutzung unserer Angebote rund um das DDB-Portal. Das reicht uns aber nicht. Wir wollen uns damit beschäftigen, welche Einstiege, welche Zugangsmöglichkeiten zu den Inhalten es jenseits des einfachen Suchschlitzes geben sollte. Das verbinden wir mit entsprechenden Nutzungsstudien, um genauer zu verstehen, was Nutzer in der DDB suchen wollen, was sie suchen können und wie man sie dabei besser unterstützen kann.

Ganz generell: Was wünschen Sie sich für die Entwicklung der Deutschen Digitalen Bibliothek in Zukunft? Und was Ihren Mitarbeitern?

Ich denke, der wichtigste Schritt für die DDB insgesamt ist es, jetzt von einem projektfinanzierten Vorhaben zu einer dauerhaften Einrichtung zu werden. Einerseits ist die DDB als unbefristete Aufgabe, auch in politischen Gremien und Verlautbarungen, anerkannt.  Andererseits fehlt es nach wie vor an einer zu dieser Aufgabe passenden Organisationsform mit einer verstetigten Finanzierung. Das ist etwas, was jetzt dringend angegangen werden und zu entsprechenden Ergebnissen führen muss. Das ist besonders deshalb wichtig, um das, was bisher in der DDB erreicht worden ist, auch in organisatorischer Hinsicht zukunftssicher zu machen und nicht zu gefährden.

Ich  erlebe bei der DDB ein wirklich hochmotiviertes Team, das sich in sehr starkem Maße mit dem, was die DDB ausmacht, identifiziert – und das alles trotz dieser unsicheren Rahmenbedingungen. Das ist eine tolle Erfahrung. Ich sehe es als ein Gebot an, diesen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eine klare Perspektive und eine formale Anerkennung für das zu geben, was sie schon seit Jahren leisten.

Lieber Herr Müller, wir danken Ihnen für das Interview.
 
Die Fragen stellte Wiebke Hauschildt (Online-Redaktion Deutsche Digitale Bibliothek).

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