02.02.2017

Das geht auf keine Kuhhaut! – Papyrus, Pergament und antike Bibliothekskriege

Im Februar 2016 gab es einen Skandal in Großbritannien. Um Kosten zu sparen, sollte die doppelte Urschrift neuer Gesetzestexte für Parlament und Nationalarchiv nicht mehr auf Pergament gedruckt werden, sondern nur noch auf Papier. So hatte es das britische Oberhaus entschieden. Was folgte, war Streit: Es ging um Kosteneinsparungen, bedrohte Existenzen, um Pergament als langjähriges Speichermedium und nicht nur Parlamentarier äußerten sich besorgt ob des Beschlusses.

Das war allerdings nicht das erste Mal in der Geschichte, dass Pergament zum Politikum werden sollte. Schon seine Entstehungsgeschichte – so die Legende –  ist von Dramatik geprägt: und zwar von dem antiken Bibliothekskrieg zwischen Alexandria und Pergamon.


Bibliothek von Alexandria

Thiersch, August; Serapeum von Alexandria - Bibliothek Nordseite (Ansicht), Architekturmuseum der TU München (CC BY-NC-ND 4.0 International)
Thiersch, August; Serapeum von Alexandria - Bibliothek Nordseite (Ansicht), Architekturmuseum der TU München (CC BY-NC-ND 4.0 International)

Von inhaftierten Gelehrten und dem Wert des Papyrus

Als Alexander der Große im Jahr 323 vor Christus starb, erstreckte sich sein Reich von Mazedonien bis zur westindischen Grenze. Während der nach seinem Tod folgenden Diadochenkriege wurde das Reich in drei große Dynastien aufgeteilt: die Antigoniden in Makedonien, die Seleukiden in Vorderasien und die Ptolemäer in Ägypten. Jedes dieser Königreiche wollte die rechtmäßige Nachfolge Alexander des Großen antreten, was zu außergewöhnlichen Wettbewerbsblüten führte: eine davon war die Errichtung großer Bibliotheken.

Die Bibliothek von Alexandria wurde vermutlich von Ptolemaios I. zwischen 290 und 282 v. Chr. gebaut. Aufgrund von Ägyptens Reichtümern – erfolgreiche Landwirtschaft, Handel und Befischung inklusive der Papyrusherstellung – hatte die Bibliothek einen deutlichen Vorteil gegenüber anderen Einrichtungen. Nun gab es aber noch eine andere bedeutende Bibliothek: Die Bibliothek von Pergamon (heute Bergama in der Türkei), die den Titel als bedeutendste Wissenschaftseinrichtung für sich beanspruchen wollte. Sie wurde erst ein Jahrhundert nach der Bibliothek von Alexandria gebaut und König Eumenes II. wollte schnell die Größe und Bedeutung ersterer erreichen und übertreffen.


Bibliothek Pergamon Statuenbasis

"Statuenbasis eines Standbildes des Dichters Homer aus der Bibliothek von Pergamon: Gedicht mit Streit der Städte um den Geburtsort des Dichters", Foto: Gerhard Kunze, Antikensammlung, Staatliche Museen zu Berlin (CC BY-NC-SA 3.0 Deutschland)
"Statuenbasis eines Standbildes des Dichters Homer aus der Bibliothek von Pergamon: Gedicht mit Streit der Städte um den Geburtsort des Dichters", Foto: Gerhard Kunze, Antikensammlung, Staatliche Museen zu Berlin (CC BY-NC-SA 3.0 Deutschland)

Dies führte zu einem erbitterten Wettstreit: Beide Bibliotheken warben um dieselben Bücher, dieselben Gelehrten und dieselben Homer-Gedichte (dessen Nachlass zu dieser Zeit eine große Rolle spielte), beständig vergleichend, welche Gedichte älter und authentischer waren. Die besten Gelehrten sollten durch entsprechend hohe Gehälter bestochen werden und hatte das keinen Erfolg, wurden sie inhaftiert, wenn sie im Verdacht standen in die jeweils andere Bibliothek wechseln zu wollen.

Die drastischste Maßnahme wurde von Ptolemaios V. zugunsten seiner Bibliothek von Alexandria ergriffen: Er stellte den Papyrus-Handel mit Pergamon ein, in der Hoffnung der Bibliothek dadurch die Grundlage der Buchproduktion zu entziehen. Diese Strategie entwickelte sich zum Eigentor. Wie der römische Gelehrte und Autor Marcus Terrentius Varro schreibt: „Die Rivalität aufgrund der Bibliotheken zwischen König Ptolemaios und König Eumenes lässt ersteren den Export von Papyrus stoppen… also erfanden die Pergamonen das Pergament.“


Büffel auf Pergament

"Büffel, Blatt VIII", Foto: Jörg P. Anders, Kupferstichkabinett, Staatliche Museen zu Berlin (CC BY-NC-SA 3.0 Deutschland)
"Büffel, Blatt VIII", Foto: Jörg P. Anders, Kupferstichkabinett, Staatliche Museen zu Berlin (CC BY-NC-SA 3.0 Deutschland)

Vom Papyrus zum Pergament: Die wahrscheinlichere Version der Geschichte

Dass die Pergamonen das Pergament erfanden, ist heute widerlegt, da Schriften auf gespannter Tierhaut schon aus deutlich früherer Zeit existieren. Was wahrscheinlicher ist, ist, dass die Pergamonen die Methodik der Herstellung und Beschriftung von Pergament verbesserten und es so zu einem Material wurde, das als langfristiges Speichermedium gegenüber dem Papyrus bevorzugt wurde.

Papyrus ist ein Material, dessen erste Verwendung sich zu Beginn des dritten Jahrtausends v. Chr. nachweisen lässt. Es war das bevorzugte Material des pharaonischen Ägyptens, trotz der aufwendigen Herstellung aus den Stängeln der Papyruspflanze. Doch war Papyrus, als Rolle gelagert, nicht unbedingt ein platzsparendes Medium und außerhalb von Ägyptens trockenem und warmen Klima anfällig und nicht sonderlich lange haltbar.

Pergament hingegen wird aus Tierhäuten gewonnen, meistens von Kälbern, jungen Schafen oder Ziegen, da die Haut ausgewachsener Tiere zu dick ist. Aus diesem Grund ist die deutsche Redewendung „das geht auf keine Kuhhaut!“ auch nicht völlig korrekt. Die Haut wird in Kalklauge eingelegt und dadurch weich gemacht, danach getrocknet und gespannt, um sie dann zu glätten und mit Kreide abzupudern. Pergament ist nicht nur haltbar, es ist auch wiederverwendbar: Durch das Abschaben der Aufschriften kann es erneut genutzt werden und wird sodann zum „Palimpsest“: griechisch palimpsestos bedeutet „wieder abgekratzt".

Auch schon in antiker Zeit ging der Trend zur Datenkomprimierung auf immer kleineren, platzsparenden Speichermedien: Pergament konnte zerschnitten werden, um so Lagen zu bilden, welche zwischen schützenden Einbanddeckeln aufbewahrt wurden – heute auch als Buch bekannt. Papyrus eignete sich hierfür nicht, da es zu dick war und eine unregelmäßige Oberfläche besaß. Somit war das Schicksal des Papyrus besiegelt: Es " verschwand ... so gründlich vom Markt, dass das Rezept zu seiner Herstellung im 20. Jahrhundert erst wiederentdeckt werden musste", schreibt Joachim Willeitner.


Papyrus BSB

"Papyrus - BSB Pap.graec.mon. 287", Bayerische Staatsbibliothek (CC BY-NC-SA 4.0 International)
"Papyrus - BSB Pap.graec.mon. 287", Bayerische Staatsbibliothek (CC BY-NC-SA 4.0 International)

Gesetze auf Pergament

Als das britische Oberhaus 2016 die Abschaffung der Gesetzesurschriften auf Pergament beschlossen hatte, meldete sich auch einer der wenigen Hersteller des Materials zu Wort, Paul Wright: „Hätte man die Magna Carta auf Papier geschrieben, wäre sie heute nur noch ein Tütchen Staub. Und hätten frühere Zivilisationen nicht Pergament benutzt, wüssten wir so gut wie nichts über unsere Vergangenheit“. Papier hat keine längere Haltbarkeitsgarantie als 250 Jahre, Pergament hingegen hält bei richtiger Lagerung bis zu 5000 Jahre. Der Beschluss wurde zurückgezogen und Großbritannien wird auch weiterhin seine Gesetze auf Pergament schreiben.

Und die Bibliothekskriege? Die führten dazu, dass den antiken Bibliotheken die Gelder und Aufmerksamkeit zuteilwurden, die sie so dringend benötigten.

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Quellen

Spektrum.de: "Ein Datenträger für die Ewigkeit"
Atlas Obscura: "The fierce, forgotten library wars of the ancient world"
Wikipedia: "Pergament"
Kleine Papiergeschichte

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