Ein Blick in die Zukunft mit der DPLA: Ein Interview mit Dan Cohen

 

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Vom 11.-13. Februar fand in der französischen Nationalbibliothek in Paris die EuropeanaTech Konferenz statt. Während dieser zwei Tage interviewte Joris Pekel, Community Coordinator für Kulturerbe der Europeana, mehrere Redner der Konferenz, um mehr über ihre Arbeit und Visionen für die Zukunft des digitalen Kulturerbes zu erfahren. Der erste in dieser Reihe war Seb Chan, Direktor Digitale & Neue Technologien am Cooper Hewitt, Smithsonian Design Museum. Hier spricht er mit Dan Cohen, dem geschäftsführenden Direktor der Digital Public Library of America (DPLA), über die Arbeit dieser Organisation und die Herausforderungen und Ziele, die sie mit der Europeana gemeinsam hat.

Hallo Dan, danke, dass Sie sich Zeit für mich nehmen.

Hallo, es ist mir ein Vergnügen.

Dann stelle ich meine erste Frage: Wie läuft es mit Ihnen und der DPLA?

Es läuft großartig. Wir bereiten uns auf den zweiten Geburtstag der DPLA vor, die im April 2013 eingerichtet wurde. Diese zwei Jahre sind rasend schnell vergangen und es ist viel passiert. Wir haben unser Netzwerk stark erweitert, wir haben unseren Inhalt stark erweitert, den wir durch dieses Netzwerk haben, und wir haben soeben unseren Strategieplan für die nächsten drei Jahre veröffentlicht. Wir reden hier darüber, was wir zwischen jetzt und 2017 tun, um unser nationales Netzwerk in den USA zu vervollständigen und um einige Lücken zu füllen, die wir in der Art von Inhalten haben, die wir anbieten. Auf diese Weise verfügen wir wirklich über eine vollständige Dokumentation der Menschheit, die in den Sammlungen der USA existiert. Ich denke, es läuft also hervorragend, aber wir haben noch eine Menge Arbeit vor uns.

 

Dan Cohen auf der EuropeanaTech. Von Europeana. (CC BY SA)

                                              Dan Cohen auf der EuropeanaTech. Von Europeana. (CC BY SA)

Was sind die obersten Prioritäten in diesem Strategieplan?

Oberste Priorität ist es, sicherzustellen, dass wir in jedem Bundesstaat einen sogenannten ‘Service Hub’ haben. Service Hubs sind unsere Mini-DPLAs, die aus den kleineren und mittleren Institutionen, mit denen die DPLA-Zentralen keine direkte Beziehung haben können, online Inhalte heranschaffen und verfügbar machen. Es ist äußerst wichtig für uns, dass wir es jeder Institution in den USA ermöglichen, Teil der DPLA zu werden. Das können wir erst erreichen, wenn wir in jedem Bundesstaat einen Service Hub haben. Unsere oberste Priorität besteht also darin, unser Netzwerk zu erweitern.

Darüber hinaus gibt es einige Interessengebiete, wo wir etwas verändern können. Wir überlegen zum Beispiel, was wir mit unseren Zeitungen und E-Books tun können. Wir haben jetzt zwei Millionen E-Books in unserer Sammlung. Die meisten davon sind frei zugängliche Werke, aber wir haben auch einige hunderttausend Bücher, die aus dem vergangenen Jahrhundert stammen. Wir wollen möglichst viel Inhalt möglichst vielen Menschen zugänglich machen, darum überlegen wir jetzt, wie wir mehr Bücher zugänglich machen können.

Es gibt noch andere Bereiche, die besondere Aufmerksamkeit erfordern, wie etwa der audiovisuelle Inhalt. Nur ein halbes Prozent unseres gesamten Inhalts ist Audio oder Video, daher wollen wir in diesem Bereich einen großen Schritt tun. weiter vorankommen. Eventuell müssen wir dafür unser Modell ein wenig verändern. Wir haben zum Beispiel darüber gesprochen, einige Hubs einzurichten, die sich auf Video spezialisieren, da diese Art Inhalt im Allgemeinen schwieriger zu digitalisieren und zugänglich zu machen ist.

Außerdem haben wir thematische Lücken. Wir möchten unbedingt sicherzustellen, dass wir eine diversifizierte Sammlung haben, und das bedeutet, dass wir insbesondere Inhaber von Sammlungen erreichen müssen, die gegenwärtig unterrepräsentiert sind.

Die letzte Priorität, die ich erwähnen sollte, ist die Zukunftsfähigkeit der DPLA. Wir wollen nicht nur in den Zentralen zukunftsfähig sein, sondern auch als nationales Netzwerk, deshalb forschen wir, wie wir dieses Ziel verwirklichen können. Zurzeit bereiten wir uns auf Gespräche mit verschiedenen Interessenvertretern darüber vor, was dazu alles erforderlich sein könnte.

Toll! Ich möchte etwas näher auf das Service-Hub-Modell eingehen. Es scheint dem Europeana-Aggregatormodell sehr zu ähneln, aber ich denke, es gibt auch Unterschiede.

Es ist ein bisschen mehr als nur Aggregierung, und ich denke der Word Service ist ein großer Teil davon. Was die Anwendungsprozesse betrifft, so brauchen wir unsere Service Hubs, um eine Vielzahl von Dingen zu bieten. Aggregierung ist ein Teil davon, aber wir reden auch darüber, die Metadaten zu verbessern, die Digitalisierung zu unterstützen und unsere Informationen und unser Know-how weiterzugeben und gleichzeitig Sammlungen online auf eine stabile Weise zusammenzubringen. Dies erfordert eine Menge professioneller Vernetzung.

So hat die DPLA zum Beispiel in der Boston Public Library ihren Hauptsitz und dort befindet sich auch der Sitz des Massachusetts Service Hub, der Digital Commonwealth genannt wird. Sie fahren buchstäblich mit dem Auto durch den Bundesstaat und besuchen historische Gesellschaften oder eine kleine öffentliche Bibliothek. Von dort kommen sie mit Material zurück, das sie in ihrem Scanning Center in der Bibliothek scannen. Anschließend erbringen Sie Hosting- und Metadaten-Enhancement-Dienstleistungen, da passiert eine Menge auf der Ebene des Service Hubs. Aus diesem Grund – und darin unterscheidet sich das Modell womöglich ein wenig von dem Europeana-Aggregierungsmodell – haben mehrere Institutionen häufig die Funktion eines einzigen Service Hubs. So gibt es zum Beispiel in einem Staat eine Institution, die über ein hohes technisches Know-how verfügt, die aber nicht die sozialen Beziehungen zu den Museen hat. Gemeinsam sind sie viel stärker, als wenn sie alles alleine tun würden.

 

Boston Public Library, wo die DPLA ihren Sitz hat. Von Brian Johnson über  via Wikimedia Commons. (Public Domain)

                                 Boston Public Library, wo die DPLA ihren Sitz hat. Von Brian Johnson über Wikimedia Commons. (Public Domain)

Dies leitete zu meiner nächsten Frage über. Wir haben eine breite Palette von Aggregatoren und prüfen derzeit, wie wir die Aggregierungslandschaft verbessern können. Dazu gehört auch, dass wir überlegen, wie wir die Bezeichnung ‘Aggregator’ loswerden können, denn oft wird viel mehr als nur das getan. Ein Modell umzusetzen, das dem der DPLA ähnelt und wo wir mit einem Netzwerk von Experten-Hubs zusammenarbeiten, scheint sinnvoll, da verschiedene Hubs verschiedene Funktionen übernehmen können. Bei dem DPLA-Modell scheint es so zu sein, dass unterschiedliche Institutionen für unterschiedliche Fähigkeiten verschiedene Teile des Hubs nutzen können, was ziemlich interessant ist. Können Sie mehr darüber sagen?

Ich denke, auf eine sehr interessante Weise treffen wir uns in der Mitte unserer Struktur. Was Sie über die Notwendigkeit der Nutzung verschiedener Dienstleistungen sagen und wie verschiedene Institutionen dabei verschiedene Rollen spielen können, ist sehr wichtig. Am Ende denken wir auch darüber nach, domainspezifische Service Hubs einzurichten, etwa um die audiovisuelle Lücke zu schließen, die sie in Europa auch haben.

Und was mir an der Arbeit mit Europeana so sehr gefällt, ist, dass wir Geschichten, Modelle, Technologien austauschen können, um dieses Ziel zu erreichen. Ich denke, es wird eine sehr heterogene Umgebung sein, die wir schließlich haben werden, und wir können eine Menge voneinander lernen.

Worin besteht der Anreiz für eine Institution, Service Hub zu werden?

Das ist eine große Herausforderung. Wir hatten ein paar Service Hubs, die mit Mitteln von Geldgebern eingerichtet wurden. Wir müssen weiter öffentliche und private Gelder beschaffen, mit denen Service Hubs in bestimmten Bundesstaaten oder Regionen unterstützt oder eingerichtet werden können. Was den Anreiz betrifft – ich denke, wir sind sehr glücklich, dass unser Start und die erste Phase so erfolgreich gewesen sind. Jetzt kommen die Leute zu uns und wollen Service Hub werden.

Um das gesamte Netzwerk über alle Bundesstaaten hinweg zu vervollständigen, brauchen wir weitere Anreize, z.B. kleinere Zuschüsse, die wir verteilen können. Aber wir müssen dies deutlicher zur Sprache bringen, langfristig wird dies ein Hauptfaktor sein: Warum ist es für eine Organisation nützlich, ein Teil der DPLA zu sein, und was bekommt sie dafür?

Eine großartige Sache ist, dass wir den Verkehr auf diese Seiten leiten. Wenn Institutionen große Ausgaben tätigen, um ihre Sammlungen online zu stellen, wollen sie sehen, dass dieses Material genutzt wird. Der wesentliche Anreiz, Teil der DPLA zu sein, besteht darin, dass die Sammlung auffindbarer und für mehr Menschen sichtbar wird. Aber es gibt noch viel mehr als nur das. Es ist nicht nur die Sichtbarkeit, sondern auch der Zugewinn an technischem Know-how und der Tatsache, Teil eines Netzwerks zu sein. Ich denke, es sind eine Reihe weiterer Komponenten.

Außerdem können die Institutionen durch die Nutzung von Linked Open Data von der Metadaten-Normalisierung und Verbesserung profitieren. Wenn ich in den USA unterwegs bin, stelle ich fest, dass es viele Institutionen gibt, die mit Linked Data arbeiten wollen, aber nicht genau wissen, wie sie anfangen sollen. Wenn wir also diesen Service oder die Verbindung im Hintergrund bieten können, so bedeutet das für sie, dass sie diesen Schritt leichter gehen können.

 

Dan Cohen auf der EuropeanaTech. Von Europeana. (CC BY SA)

                                              Dan Cohen auf der EuropeanaTech. Von Europeana. (CC BY SA)

Wir sind fast am Ende der Konferenz angelangt. Was sind die wichtigsten Dinge, die Sie aus diesen zwei Tagen mitnehmen?

Ich denke, das Großartige dieser Konferenz ist, dass sie viele Menschen mit verschiedenem Hintergrund zusammenbringt. Wir versuchen das auch mit unserem eigenen DPLAfest, das wir im April organisieren. Menschen aus verschiedenen Gebieten zusammenzubringen, ist sehr nützlich. Ich glaube, in den USA haben Leute aus den Museen nicht so oft Gelegenheit, mit Leuten aus Bibliotheken zu reden. Es gibt separate Tagungen für beide Gruppen. Dasselbe gilt für wissenschaftliche und öffentliche Bibliotheken. Dieses Dinge finden tendenziell in separaten Bereichen statt, aber ich denke, das erstaunliche an der digitalen Welt ist, dass sie die Möglichkeit bietet, diese Art von Inhalten, Nutzer und auch Softwareentwickler nahtlos zusammenzubringen. Aus meiner Sicht finden in der Technologie wirklich interessante Dinge statt. Wir haben zum Beispiel jemand von Google gehört, der an kognitiver Suche arbeitet. Ich glaube, wir können viel von ihnen lernen. Wir neigen zu der Ansicht, dass wir aus unterschiedlichen Bereichen kommen, unterschiedliche Backgrounds haben, aber im Grunde haben wir alle ein gemeinsames Ziel: Wir wollen der Öffentlichkeit auf bestmögliche Weise Materialien zugänglich machen. Und das ist am Ende des Tages, das was wirklich zählt.

Genau, und das tun wir auch weiterhin. Vielen Dank, dass Sie sich Zeit für uns genommen haben, und viel Erfolg bei Ihrer Arbeit.

Danke schön und lassen Sie uns in Kontakt bleiben.

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Autor: Joris Pekel
Text: CC BY-SA