Das Museum als Teil des Internets: Ein Interview mit Seb Chan

 

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Vom 11.-13. Februar fand in der französischen Nationalbibliothek in Paris die EuropeanaTech-Konferenz statt. Während dieser zwei Tage interviewte Joris Pekel, Community Coordinator für Kulturerbe der Europeana, mehrere Redner der Konferenz, um mehr über ihre Arbeit und Visionen für die Zukunft des digitalen Kulturerbes zu erfahren.

Der erste in dieser Reihe ist der Hauptreferent Seb Chan, Direktor Digitale & Neue Technologien am Cooper Hewitt, Smithsonian Design Museum. Seb war Leiter des Teams, das für die digitale Transformation der Institution verantwortlich war, während sie renoviert und umgebaut wurde. Das Cooper Hewitt war 2011 wegen Renovierung komplett geschlossen, die Wiedereröffnung fand im Dezember 2014 statt.

Hallo Seb, vielen Dank dass Sie bei uns sind. Meine erste Frage: Wie geht es Ihnen und was beschäftigt Sie in diesen Tagen?

Hallo, ich freue mich, hier zu sein. Wir haben das Cooper Hewitt vor kurzem wiedereröffnet, das in den vergangenen drei Jahren einen Großteil meiner Zeit in Anspruch genommen hat. Mein Team und ich haben wirklich hart gearbeitet und darüber nachgedacht, wie wir das Museum zu einem Teil des Internets machen können. Dazu waren wir gezwungen, uns die Frage zu stellen: „Was kann ein Museum sowohl online als auch offline sein, und wie kann der Offline-Raum sich des Online-Raums bewusst sein.“ Wenn ich also ein Museum besuche, so leugne ich nicht die Existenz des Internets, sondern befürworte eine Mischung von beidem. Unsere Herausforderung bestand darin, eine Plattform zu schaffen, die dies unterstützt.

 

Seb Chan at EuropeanaTech. By Europeana. (CC BY-SA)

                                              Seb Chan auf der EuropeanaTech. Von Europeana. (CC BY-SA)

Das Museum gab Ihnen also freie Hand, an dieser Idee, wie das Museum ein Teil des Internet sein könnte, zu forschen und zu arbeiten?

Wir hatten natürlich einen Zeitplan. Wir mussten das Museum in drei Jahren wiedereröffnen und eine Idee präsentieren, wie das Museum sein könnte und was wirklich umsetzbar ist. Wir haben mit einem Kreis von hervorragenden Teams an dieser gewaltigen Aufgabe gearbeitet.  Schließlich bauten wir eine API für alles im Museum und zwangen dann andere Designfirmen, damit zu arbeiten. So konnten sie sich auf die Schnittstellen konzentrieren, während wir uns auf die Struktur konzentrierten. Dies hat viele Türen geöffnet, und es ist interessant, zu sehen, wie die Firmen und die Öffentlichkeit diese API für andere Dinge genutzt haben, insbesondere nachdem sie sahen, was andere damit taten.

Also hat jetzt jeder Zugang zu allem in der Sammlung?

Ja, und nicht nur zu der Sammlung, sondern zu allem, was ausgestellt ist. Wenn wir eine Ausstellung mit Materialien von außerhalb des Cooper Hewitt organisieren, müssen diese Werke auch über die API zugänglich gemacht werden. Dadurch verlagert sich die Konversation von „das Material haben“ zu „was können wir wirklich damit tun“; dasselbe gilt für die Metadaten. Institutionen neigen dazu, viel Aufmerksamkeit darauf zu richten, was mit ihren Daten passiert, wenn sie sie weggeben, aber die Metadaten an sich sind nur in sehr beschränktem Umfang von Bedeutung. Was du damit tust, das ist es, was wichtig ist. Die Metadaten sind Rohmaterial, das unverarbeitete Eisenerz, sie sind nicht das Schwert. Sie können benutzt werden, um das Schwert herzustellen, sind aber an sich nicht wertvoll.

Ich denke, das ist die Herausforderung für Aggregatoren und auch für Museen, die ihre Sammlung online stellen und ihre Metadaten teilen. Metadaten selbst sind nicht gleichbedeutend mit ‘Geschichten’, sie sind nur Rohstoff und im Allgemeinen minimalistisch und sehr langweilig. Aus diesem Grund sind die Schnittstellen, die wir beim Cooper Hewitt entwickelt haben, online und in den Galerien, bewusst spielerisch und beruhen auf dem Standpunkt: „Okay, das ist die gesamte Dokumentation, die wir haben, wie können wir den größten Nutzen aus ihr ziehen?“ Was können wir tun, damit es mehr ist als nur eine Datenbank? Denn, ganz ehrlich, ich gehe nicht in ein Museum, um eine Datenbank zu lesen. Ich denke, in den Institutionen wird noch immer viel darüber geredet, wie sie ihre Metadaten hinkriegen, aber das ist nicht das letzte Ziel. Das ist nicht der Zweck. „Nur“ eine Datenbank ist für Besucher und die Öffentlichkeit bedeutungslos.

Würden Sie sagen, eine kulturelle Institution sollte alles veröffentlichen, was sie hat, und anderen ermöglichen, eine Verwendung für die Daten zu finden, oder sollte sie zuerst über den Anwendungsfall nachdenken und die Daten vor der Veröffentlichung entsprechend aufbereiten?

Ich denke beides. Aus meiner Sicht solltest du alles weg geben und als Institution einen Nutzen daraus ziehen, indem du online und offline einen Raum schaffst, der mit einer kuratierten Auswahl dieses Materials Geschichten erzählt. Diese Geschichten richten sich an ein bestimmtes Publikum und sollten so bearbeitet sein, dass sie in besonderer Weise ihren Widerhall finden. Kulturerbeinstitutionen dienen auch der Bewahrung. Also müssen wir dem Publikum sagen, dass wir [ihr Erbe sicher bewahren], wenn wir die Daten [die wir darüber besitzen] weg geben. Institutionen müssen sich darüber klar sein, dass sie mehr sind als nur ein Lager. Immer mehr Museen, darunter auch das unsrige, haben tatsächlich damit begonnen, ihre Inventarliste wegzugeben. Doch was kommt als nächstes? Ziehen wir einmal den Vergleich mit dem Einzelhandel. Wenn du ‘shoppen’ gehst, ist das ein soziales Ereignis. Es ist nicht bloß ‘losgehen und einkaufen’, sonst würde ich heute online bestellen. Aber selbst die Online-Kauferfahrung stellt sich heute etwas anders dar. Ist es eine reine Transaktion, so suche ich nur den niedrigsten Preis. Wenn du aber ein Einzelhändler bist, der etwas mehr bieten will [als nur den niedrigsten Preis anbieten], machst du es zu einer „Erfahrung“.

Um weiter über dieses Thema zu sprechen, welche Kernaufgabe hat ein Museum aus Ihrer Sicht, und ändert sich diese durch das Internet?

Die Kernaufgabe besteht für mich darin, Objekte, die für eine bestimmte Gemeinschaft von Bedeutung sind, für diese Gemeinschaft zu bewahren und sie ihr zu präsentieren. Dabei kann es sich um alle möglichen Gemeinschaften handeln: nationale, regionale oder besondere Interessengruppen. Und das Internet verändert all dies. Es gibt dir die Möglichkeit, zu ändern, was du sammelst. Es verschafft dir einen besseren Einblick, was du sammeln und bewahren solltest, und zeigt neue Wege auf, wie die Objekte präsentiert werden können. Museen sind Orte, die der Bewahrung als auch der Präsentation dienen, und zwar online und offline. Die Ausstellungsräume und -gebäude haben einen Zweck. Es sind soziale Räume. Museen sind nicht nur ein Haufen von Dingen in Regalen, doch ich fürchte, viele Museen wollen ihre Daten so präsentieren, als würden sie Dinge in Regalen präsentieren, aber so sollte das nicht sein.

Wir haben keine bessere allgemeine Schnittstelle entwickelt als die Suche, um umfangreiche Sammlungen zu präsentieren, wissen aber, dass Suchen nicht der beste Weg ist, etwas zu tun. Es mag der beste Weg sein, wenn du weißt, was du suchst, aber für alles andere ist es schrecklich. Wir müssen neue Wege finden, solche Schnittstellen zu humanisieren, und das ist es, was viele von uns in der Branche herausfinden wollen. Die nächste Phase ist, dass diese Schnittstellen in unserem Gebäude präsent werden und nicht bloß online, und das ist eine gute Sache.

Cooper-Hewitt Museum. By Matt Flynn via Wikimedia Commons. (Public Domain)

                                                            Cooper-Hewitt Museum. Von Matt Flynn über Wikimedia Commons. (Public Domain)

Wie sollten kulturelle Institutionen ihre digitale Sammlung aus ihrer Sicht zugänglich machen?

Ich denke, sie müssen verstehen, welche Aufgabe sie haben und dass diese nicht nur darin besteht, ein Lager zu sein. Wonach Sie im Grunde fragen, sind ihre ‘Lagerdaten’. Diese sollten sie teilen und daran arbeiten, ihre Schaufensterfront zu gestalten und mehr Leute zu ihrer Schaufensterfront zu lenken.
Das erste, was ich getan habe, als ich bei Cooper Hewitt anfing, war, die gesamte Sammlung wegzugeben. Dadurch wollte ich das Gespräch von ‘das muss perfekt sein’ verlagern zu ‘das spielt keine Rolle’. Denn sobald wir sie wegegeben hatten, musste jeder akzeptieren, dass es niemals perfekt sein würde und dass nur zählt, was du damit getan hast. Wenn du Kuratoren fragst, welchen Nutzen ein Katalog hat, so werden so häufig antworten, er sei für die Recherche und dafür da, herauszufinden, wo die sich die Objekte befinden, die sie ausstellen wollen. Was also wirklich wichtig ist, ist deine Recherche und was du ausstellst. Konzentriere dich also darauf und die Aggregatoren werden alles andere übernehmen und das Beste daraus machen.

Menschen brauchen Beispiele, sie müssen sehen, dass es ihnen nicht geschadet hat, dass es anderen Institutionen nicht schadet, und sie müssen es von anderen Institutionen sehen, die auf ihrem Gebiet tätig sind. Ich denke, wir sind gegenwärtig Zeuge eines massiven Paradigmenwechsels, immer mehr Institutionen stellen fest, dass die Veröffentlichung ihrer Daten Freiraum schafft, daran zu arbeiten, was ihnen wichtig ist und was sie am besten können. An deinen Lagerdaten festzuhalten ist nicht Teil deiner Aufgabe. Die Aufgabe besteht darin, den Menschen zu helfen, die Vergangenheit zu bewahren und ihnen ein Verständnis für ihre Vergangenheit und ihre Zukunft zu verschaffen. Was die Europeana den Institutionen im Wesentlichen vermittelt ist: „Wir können euch helfen, mehr aus euren Lagerdaten zu machen, du brauchst nur weiter das zu tun, was du gut kannst“.

Meine letzte Frage, wie hat Ihnen die EuropeanaTech gefallen?

Sie war wirklich gut! Ich habe von vielen interessanten Projekten erfahren, die ich nicht kannte, und habe mit vielen großartigen Leuten gesprochen. Es ist gut, zu sehen, wie sich die Europeana im Laufe der Jahre verändert hat. Ich verfolge die Europeana seit ihrem Beginn, und es ist interessant zu sehen, welche Phasen sie durchlaufen hat und welche Wege sie gegangen ist, um verschiedene Dinge auszuprobieren. Es scheint, dass sie viel aus ihren Erfahrungen gelernt hat. Aber ich denke auch, dass der Weg noch lang sein wird. Diese Arbeit ist niemals wirklich getan. Ich glaube, das Klima hat sich im Laufe der Jahre radikal verändert. Die Konsumentendiskussionen verfolgen einige der Ziele nicht mehr, die sie wohl in der Vergangenheit hatten, und das ist eine große Herausforderung, für jeden, für die Inhalte-Anbieter ebenso wie für die Aggregatoren. Diese Arbeit bleibt also wichtig.  

Gut, ich glaube, Sie müssen jetzt ihren Hauptvortrag halten. Viel Glück!

Danke!

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Autor: Joris Pekel
Text: CC BY-SA