Aufbau „Deutsches Zeitungsportal“: Was erwarten unsere Nutzer*innen?

Von Lisa Landes (Projektleitung Zeitungsportal, Deutsche Digitale Bibliothek)

Seit Januar 2019 laufen die Arbeiten am Aufbau eines Deutschen Zeitungsportals. Das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanzierte Projekt hat zum Ziel, innerhalb der Deutschen Digitalen Bibliothek einen Bereich aufzubauen, in dem die Texte historischer Zeitungen durchsucht werden können.

Neben der Erstellung von Konzepten, die die Grundlage für die technische Umsetzung des Portals bilden, haben wir uns in dieser ersten Projektphase, unterstützt von der Agentur eresult aus Köln, vor allem mit Nutzerforschung beschäftigt, um herauszufinden, was unsere zukünftigen Nutzer*innen vom Deutschen Zeitungsportal erwarten. Was folgt? Ein Überblick über die Methoden und wichtigsten Ergebnisse.

Online-Umfrage unter potenziellen Nutzer*innen

Als ersten Schritt haben wir im März 2019 eine großangelegte Online-Umfrage durchgeführt. Die übergreifenden Fragestellungen waren dabei allgemeiner Natur:

Wer sind die Zielgruppen des Zeitungsportals? Welche Anforderungen haben die Teilnehmenden an das Portal? Welche Anlässe gibt es zur Zeitungsrecherche? Welche Funktionalitäten des Portals schaffen Mehrwerte?

Als Ergebnis hatten wir uns mindestens 500 ausgefüllte Fragebogen erhofft, tatsächlich eingegangen sind 2.422 Fragebogen. Schon rein zahlenmäßig war das ein Feedback, über das wir uns sehr gefreut haben. An dieser Stelle möchten wir uns herzlich bei allen Teilnehmer*innen der Umfrage bedanken!

Bei der Auswertung der Antworten haben wir einiges über unsere potenziellen Nutzer*innen erfahren: 

So wurden 61% der Fragebogen von Männern beantwortet, über 60% der Befragten waren 50 Jahre und älter. Jeweils ca. ein Drittel der Teilnehmenden recherchiert aus privaten Anlässen, aus beruflichen Anlässen oder aus einer Kombination von privaten und beruflichen Anlässen. Auffällig war auch die hohe Frequenz der Recherche, nicht nur bei den beruflichen Nutzer*innen: Über ein Drittel der privaten Nutzer*innen recherchiert mehrmals im Monat in historischen Zeitungen.

Das große Interesse an unserer Umfrage und die hohe Recherchefrequenz belegt noch einmal, dass die Zeitung als Quelle ein äußerst spannendes Medium ist. Denn es gibt quasi keinen Lebensbereich, der nicht auch in Zeitungen verhandelt würde – Politik, Wirtschaft, Kultur, Soziales, Sport, Lokales – zu jedem erdenklichen Thema kann man in Zeitungen fündig werden.

Ähnlich vielfältig sind auch die Anlässe, die Nutzer*innen zur Recherche in Zeitungsportalen bewegen: „Ich möchte die damalige Bauordnung wissen“, „Ich interessiere mich für feministische und queere Themen“, „Erstellen einer Vereinschronik“ – so lauten einige der Antworten auf unsere Frage, warum die Nutzer*innen in historischen Zeitungen recherchieren. Bei aller Vielfalt gibt es aber auch Übereinstimmungen: So zieht sich durch die Antworten der Wunsch, zu bestimmten Orten recherchieren zu können – das Interesse von Heimatforscher*innen spielt hier eine große Rolle.

 Was den Mehrwert eines nationalen Zeitungsportals angeht, so liegt er für die Teilnehmer*innen der Umfrage klar auf der Hand: Die Möglichkeit, alle Recherchevorhaben über ein einziges Portal abzuwickeln oder, wie es in einer Antwort treffend formuliert wurde: „die Deutsche Kleinstaaterei im Digitalisierungswesen [zu überwinden]“.

Konvolut mehrerer alter Zeitungsausgaben und Dokumente, zum Teil vergilbt und zerknittert. Bild: Staatliche Museen zu Berlin, Museum Europäischer Kulturen / Michael Mohr
Wer früher in Zeitungen recherchieren wollte, musste sich in Bibliotheken oder Archiven mühsam durch jede einzelne Originalausgabe wühlen. Im Zeitungsportal sollen langfristig alle digitalisierten Zeitungsbestände aus deutschen Kultureinrichtungen gebündelt und als Volltext bequem von zu Hause aus durchsuchbar sein. Bild: Staatliche Museen zu Berlin, Museum Europäischer Kulturen / Michael Mohr

UX-Test anhand von Nutzer*inneninterviews

Der zweite Teil unserer Nutzerforschung legte das Augenmerk nicht auf Quantität, sondern auf Qualität: 15 ausgewählte Proband*innen wurden im Mai 2019 jeweils eine Stunde lang zum Zeitungsportal interviewt und gebeten, sich mit unserem Klick-Dummy, einer teilweise interaktionsfähigen Bedienoberfläche, zu beschäftigen.

Dabei interessierte uns das Vorgehen der Proband*innen bei der Recherche, die Frage, welche Begriffe und Kombinationen in den Suchschlitz eingegeben werden und ob die Funktionen des Klick-Dummys gut verständlich sind. Das Fazit zur Klick-Dummy-Nutzung fällt insgesamt positiv aus: Die Teilnehmenden verstanden die Einstiege in die Suche und lobten die Funktionalitäten. Viele Ergebnisse aus der Online-Umfrage wurden durch die Nutzerinterviews bestätigt, etwa in Bezug auf die Suche nach einem Ort und das rege Interesse an einem einheitlichen, zentralen Portal.

Workshop mit der wissenschaftlichen Begleitgruppe

Als DFG-finanziertes Projekt richtet sich das Zeitungsportal auch an ein (geistes)wissenschaftliches Publikum. Zwar haben sich auch Wissenschaftler*innen an der Online-Umfrage beteiligt, aber der Fragebogen war eher auf die interessierte Öffentlichkeit zugeschnitten. Umso wichtiger war es uns, auch noch einmal gezielt mit Vertreter*innen der Wissenschaft ins Gespräch zu kommen, und genau dafür steht uns im Projekt eine wissenschaftliche Begleitgruppe zur Seite, die aus 14 internationalen Expert*innen besteht. Acht von ihnen stellten wir die bis dahin vorliegenden Konzeptpapiere und den Klick-Dummy vor. Sie ergänzten die Wünsche aus der Nutzerumfrage u.a. um die Forderung nach möglichst hoher Transparenz:

Auf welcher Grundlage basiert der Korpus der vorliegenden Zeitungen? Welche Kriterien bestimmten die Auswahl? Übereinstimmend wurde außerdem der Wunsch nach einer Kontextualisierung der Zeitungen geäußert: Welchem politischen Lager kann man eine Zeitung zurechnen, welcher Konfession fühlte sie sich zugehörig, welcher Zeitungsgattung kann man sie zurechnen?

Aufgabe und Ansporn

Die Ergebnisse aus der Nutzerforschung werden so weit wie möglich in die jetzt anstehende Entwicklung des Designs einfließen. Was aber ist zu tun, wenn sich Anforderungen gegenseitig widersprechen? Oder wenn sich eine Zielgruppe ein Feature wünscht, das nur umgesetzt werden kann, wenn wir dafür auf ein Feature verzichten, das für eine andere Zielgruppe von Belang ist? Welche Anforderungen lassen sich überhaupt realisieren und wo stößt man an Grenzen (z.B. der Technik oder des Urheberrechts)?

Diese Fragen werden unser Team für den Rest der Projektlaufzeit begleiten und uns sicher noch vor die eine oder andere Herausforderung stellen. Wir halten Sie auf dem Laufenden!

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Auszug aus der Nutzerstudie zum Download (PDF)