DDBspotlight: Sonnenwenden – Von Himmelsscheiben, Polarnächten und Mittsommerfesten

Von Wiebke Hauschildt (Online-Redaktion)

Dass die Erde eine Kugel ist, ist eine Tatsache, die heute von den Wenigsten bestritten wird. Die Erkenntnis, dass dem so ist, hatte der griechische Philosoph und Mathematiker Aristoteles vor rund 2.300 Jahren, und zwar aufgrund einer verblüffend simplen Beobachtung: Ihn faszinierten Mondfinsternisse. Und der Schatten, in Form der Erde, der sich vor den Mond schob, war… rund. Völlig richtig schlussfolgerte Aristoteles daraus, dass die Erde eine Kugel sein müsse. Den endgültigen Beweis für diese Theorie erbrachte jedoch erst ein Bibliotheksverwalter rund 150 Jahre später. 

Das ganze Wissen der ganzen Welt, ein Brunnen und eine Sommersonnenwende

Der Grieche Eratosthenes verwaltete die größte Bibliothek der Welt: die Bibliothek von Alexandria im heutigen Ägypten, die das gesamte Wissen der damaligen Zeit beherbergte. Er weiß um Aristoteles‘ Annahme, was die Form unseres Planeten betrifft, will es aber ganz genau wissen. Die Erde ist rund – aber ist sie eine Kugel oder eine Scheibe? Den Anfang der Lösung macht ein Brunnen in Syene (heute Assuan). Eratosthenes beobachtet, dass der Wasserspiegel des Brunnens ganzjährig im Schatten liegt, außer an einem einzigen Tag: Am Mittag des 21. Juni, der Sommersonnenwende, spiegelt das Wasser die Sonne. Der Bibliotheksverwalter folgert, dass die Sonne genau senkrecht über ihm stehen muss. Am selben Tag im 800 Kilometer entfernten Alexandria wirft jedoch ein aufrecht gestellter Stab einen Schatten. Die Sonne steht entsprechend nicht senkrecht über dem Betrachter. Aus diesen beiden Beobachtungen berechnet Eratosthenes als erster Mensch überhaupt den Erdumfang und beweist, dass die Erde eine Kugel ist. 

Sogar eine sehr genaue Erdkarte zeichnete Eratosthenes: Erschienen in „Handbuch der alten Geographie“ (1842), SLUB Dresden (Public Domain Mark 1.0)

Der Turm von Jericho, Stonehenge und die Himmelsscheibe von Nebra

Das Wissen um die Existenz und Bedeutung der Sommersonnenwende im Juni und der Wintersonnenwende im Dezember wird schon prähistorischen und antiken Gesellschaften bescheinigt – ein Beispiel hierfür ist der Turm von Jericho, der vor 11.000 Jahren errichtet wurde. Er steht in einem Dorf, das von sesshaft gewordenen Jägern und Sammlern bewohnt wurde. Lange Zeit war unklar, wozu dieser Turm diente und warum er gebaut worden war. Neuere Forschungsergebnisse gehen davon aus, dass der Turm exakt an der Stelle gebaut wurde, an der der mittägliche Schatten zur Sommersonnenwende zum ersten Mal im Jahr wieder das Dorf erreichte. So könnte der Turm als „Bauwerk der Macht“ gesehen werden: der Macht des Menschen über das Himmelsgestirn, das nun nicht mehr unkontrolliert seinem Verlauf nachgeht, sondern durch den Menschen an die ihn umgebende Landschaft gebunden wird. 

„Stonehenge bei Amesbury in Wiltshire“ (Grobritannienreise 1930), Foto: Walter Leonhardt, SLUB / Deutsche Fotothek (Rechte vorbehalten – Freier Zugang)

Ein weiteres berühmtes Beispiel, das lange Zeit Rätsel aufgegeben hat, ist der britische Steinkreis „Stonehenge“: Vor über 4.000 Jahren erbaut, besteht er aus 80 bis zu sieben Meter hohen Megalithen, von denen jeder einzelne über 20 Tonnen wiegt. Die Frage, wie die Menschen der Jungsteinzeit überhaupt in der Lage waren, dieses Monument zu errichten, bleibt nach wie vor unbeantwortet. Das Rätsel um seine Funktion hingegen scheint geklärt: Stonehenge ist ein extrem präziser Sonnenkalender, der auf einer Linie mit den Sonnenwenden liegt. Am Tag der Sommersonnenwende strahlt die aufgehende Sonne direkt in das Herz des Monuments. Und auch der Tag der Wintersonnenwende wird jedes Jahr von demselben Steinpaar eingerahmt. Stonehenge ist ein „Ort, an dem Zeremonien und Feste der Lebenden mit dem Universum und den Himmelsbewegungen verschmolzen.“

Neben dem Turm von Jericho und Stonehenge beweist auch die „Himmelsscheibe von Nebra“ erstaunliche astronomische Kenntnisse bezüglich der Sonnenwenden, in diesem Fall von Menschen der frühen Bronzezeit. Bis die Himmelsscheibe allerdings ihren heutigen Platz im Landesmuseum für Vorgeschichte Sachsen-Anhalt einnimmt, musste das Artefakt eine längere Reise durch kriminelle Milieus überstehen.

„Stahlstempel für eine Medaille auf die Himmelsscheibe von Nebra“, Künstler: Victor Huster, Landesmuseum Baden-Württemberg (CC BY 4.0 International)

Im Juli 1999 finden zwei Raubgräber die Scheibe auf dem Mittelberg in Sachsen-Anhalt und halten sie zuerst für einen Topfdeckel. Weitere Funde an derselben Stelle veranlassen die beiden allerdings dazu, den Topfdeckel doch mitzunehmen, um alle Funde anschließend an einen Kölner Händler für 31.000 DM zu verkaufen. Danach wird der Fund über Mittelsmänner für eine Million Mark angeboten, wird aber für den seriösen Kunsthandel uninteressant, nachdem sich herumspricht, dass die rechtmäßige Eigentümerin das Land Sachsen-Anhalt ist. 2001 landet die Scheibe bei einem Hehlerpaar, welches sich in einem Basler Hotel mit einem vermeintlichen Kaufinteressenten treffen will. Der Kaufinteressent ist der Archäologe Harald Meller vom Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Halle und mit dabei ist die Schweizer Polizei. Eine Verhaftung später ist die Himmelsscheibe von Nebra gesichert, worauf eine Diskussion folgt, ob sie nicht doch eine Fälschung ist. 

Heute geht man davon aus, dass die Scheibe echt und eine der ältesten bekannten Himmelsdarstellungen ist. Ungewiss ist hingegen ihre Interpretation. Eine These nimmt an, dass die Scheibe ganz konkret genutzt wurde, um Sonnenwenden zu bestimmen: Mithilfe des Standorts, an dem sie gefunden wurde (der Mittelberg), der Sonne und dem benachbarten Brocken. Auch diverse andere Interpretationsmöglichkeiten existieren. Archäologische Rätsel halten zumindest diesen Forschungsbereich in Atem. 

Die Sommersonnenwende: Feuer, Feste und magische Gestalten

Im Zuge der Christianisierung Europas entschied die Katholische Kirche, einen wichtigen Feiertag – den Geburtstag Johannes des Täufers – Mitte Juni zu feiern. Biblisch logisch begründet, weltlich allerdings auch: So begingen anscheinend noch zu viele der neuen Schäfchen ihre heidnischen Feste, und eines der bedeutendsten – die Sonnenwendfeier – war der Kirche ein Dorn im Auge. Aus dem traditionellen Feuer wurde das „Johannisfeuer“, um das nun in der „Johannisnacht“ weiterhin getanzt und gesprungen werden durfte, nur jetzt mit Zustimmung der kirchlichen Obrigkeit. Ein sanfter Übergang für alle Beteiligten.

„Sonnenwendfeuer“ (1973), Foto: Fritz Eschen, Deutsche Fotothek (Rechte vorbehalten – Freier Zugang)

 Vor dieser religiösen Umwidmung feiern u.a. Kelten und Germanen die Sommer- und die Wintersonnenwende als Höhepunkte des Jahresablaufs. Generell kann man sagen: Die Sonnenwenden werden dort traditionell am intensivsten gefeiert, wo die Unterschiede zwischen kurzen, hellen Sommern und langen, dunklen Wintern am deutlichsten sind. Wenn die Sonne den nördlichsten Punkt ihrer scheinbaren Bahn am Himmel erreicht, meist um den 21. Juni herum, beginnen der astronomische Sommer und die Feierlichkeiten. 

Vor allem im Norden Europas, wo die Sonne in manchen Nächten nur noch kurz hinter dem Horizont verschwindet, um dann wieder aufzugehen, werden diese sogenannten „Weißen Nächte“ besonders begangen. Innerhalb des nördlichen Polarkreises geht die Sonne in diesen Nächten gar nicht unter und man kann die Mitternachtssonne beobachten – so man sich nördlich des 66. Breitengrades befindet, an dem der Polarkreis beginnt.

„Silhouette eines lesenden Mädchens an der Newa während einer weißen Nacht“ (1964, Sankt Peteresburg), Foto: Wolfgang G. Schröter, Deutsche Fotothek (Rechte vorbehalten – Freier Zugang)

Die berühmtesten Feierlichkeiten zur Sommersonnenwende sind die Skandinaviens. Das „Midsommar“-Fest in Schweden ist das zweitwichtigste Fest des Landes nach Weihnachten. Den Sagen zufolge erwachen in der Mittsommernacht die Elfen und Trolle ebenso wie die magischen Kräfte der Natur: Der Tau des nächsten Morgens heilt kranke Menschen und Tiere. Die schwedische Bevölkerung verbringt das Fest mit Familie und Freunden auf dem Land, errichtet einen mit Blumen geschmückten Mittsommerbaum, der umtanzt wird. Im Gegensatz zu Dänemark und Norwegen, die das „Sankt-Hans-Fest“ feiern (auch zu Ehren Johannes des Täufers), ist das schwedische Fest ohne religiösen Überbau geblieben. 

Allen Festen ist das Feuer gemeinsam, das entfacht wird, um böse Geister zu vertreiben. Beim estnischen Pendant „Jaanipäev“ werden auf den Inseln alte Holzboote verbrannt, beim finnischen „Juhannus“ werden riesige „Juhannusfeuer“ auf Lichtungen und an Stränden entzündet. Trotz der Nähe zu „Johannes“ sind auch hier keine christlichen Traditionen im Hintergrund, sondern die Gottheit Ukko (Gott des Wetters, der Ernte und des Donners), zu deren Ehren getrunken wird. Der alte Glaube besagt, dass die Ernte umso besser ausfällt, je mehr in dieser Nacht getrunken wird. In der Neuzeit führte dies zu vielen tragischen Unfällen: Jährlich sterben bis zu 20 Menschen bei alkoholbedingten Unfällen in der Juhannusnacht. 

Eine etwas weniger tödliche Tradition auf der Nordhalbkugel hat sich in Alaska etabliert: Dort findet seit 1906 zur Sommersonnenwende ein nächtliches Baseballspiel statt: das „Midnight Sun Game“, das von den 22,5 Sonnenstunden des dortigen Tages profitiert. 

„Insel Ukko mit Fischerbooten“: Der Sage nach ist die Insel durch einen unterirdischen Gang mit der Insel Akka, der Insel der Urmutter verbunden. Foto: Curt Biging (1928 – 1930), Museum Europäischer Kulturen, Staatlichen Museen zu Berlin (CC BY-NC-SA 3.0 Deutschland)

Die Wintersonnenwende: Von Granatäpfeln, einer legendären Insel und Nationalsozialisten 

Die Wintersonnenwende, die um den 21. Dezember herum stattfindet, ist der Zeitpunkt, an dem die Sonne ihren niedrigsten mittäglichen Stand über dem Horizont erreicht, und wir die längste Nacht des Jahres (auf der Nordhalbkugel) erleben – ein Umstand, der von der Antike bis heute in den verschiedensten Kulturen gefeiert wird. Ab diesem Tag werden die Nächte kürzer und die Tage länger, bis sich das Geschehen zur Sommersonnenwende erneut umkehrt. 

Im Iran wird die „Yalda-Nacht“ („Nacht der Geburt“) als eines der vier großen altpersischen Feste gefeiert: Begrüßt werden die Ankunft des Winters und der Sieg des Lichts über die Dunkelheit, da ab diesem Zeitpunkt die Tage wieder länger werden. Dieser Sieg wird von der Sonnengöttin Mithra errungen, die im Morgengrauen nach Yalda geboren wird. In dieser Nacht versammeln sich Freunde und Familie, um traditionell gemeinsam die roten Früchte Granatapfel und Wassermelone zu essen, ein Feuer des Lichts und der Hoffnung zu entzünden und Verse des iranischen Dichters Mohammad Schams ad-Din Schirazi zu lesen. 

Die Elemente des Feuers und des Lichts in dieser dunkelsten Jahreszeit der Nordhalbkugel finden sich auch beim vorchristlichen Julfest und beim christlichen Weihnachtsfest. Die frühe Geschichte des Julfests ist umstritten, ebenso wie seine Verbindungen zum Weihnachtsfest. Der griechische Historiker Prokopios von Caesarea berichtet bereits im 6. Jahrhundert von einem großen Fest auf der sagenumwobenen Insel Thule, wenn die Sonne nach 40 Tagen Dunkelheit zum ersten Mal wieder sichtbar wird – und auch von 40 Tagen Mitternachtssonne spricht er, weshalb angenommen wird, dass „Thule“ auf die Lofoten, Island oder die Färöer-Inseln verweist.

Thule? „Lofoten“ (1924-1934), Foto: Franz Dubbick, Museum Europäischer Kulturen, Staatliche Museen zu Berlin (CC BY-NC-SA 3.0 Deutschland)

Politisch wurde das Julfest durch die Nationalsozialisten besetzt, die versuchen, die germanischen Bräuche wiederzubeleben. Aus dem Weihnachtsbaum und -fest wird die „Jultanne“ und „Julfest“, um christliche Bezüge aus den Feierlichkeiten herauszulösen. Auch heute feiern vorwiegend neonazistische Gruppierungen die Sonnenwenden in angeblicher Anlehnung an „altgermanische Sonnenwendfeiern“. Beliebter Treffpunkt sind die Externsteine im Teutoburger Wald als germanische Kultstätte. Die Versammlungen werden allerdings meist schnell polizeilich aufgelöst.

„Teutoburger Wald. Externsteine. Nördliche Felsgruppe von Westen“ (1939), Foto: Oskar Kaubisch, Deutsche Fotothek (Rechte vorbehalten – Freier Zugang)

Der Internationale Feiertag der Sonnenwende

So vielfältig die Geschichte und Traditionen der Sonnenwenden auch sind, verbinden sie doch die Menschen auf der ganzen Welt. Die Sonnenwenden sind Teil des kulturellen Erbes, was die Vereinten Nationen zum Anlass nehmen, um den 21. Juni offiziell zum Internationalen Tag der Sonnenwende (Solstice Day) zu erklären: 

"In dem Bewusstsein, dass die Sonnenwenden und Tagundnachtgleichen die Fruchtbarkeit des Bodens, die landwirtschaftlichen Produktionssysteme, das kulturelle Erbe und ihre jahrtausendealten Traditionen symbolisieren, hat die Generalversammlung der Vereinten Nationen anerkannt, dass die Feier dieser Ereignisse die Einheit des kulturellen Erbes und der jahrhundertealten Traditionen verkörpert und darüber hinaus eine wichtige Rolle bei der Stärkung der Beziehungen zwischen den Völkern auf der Grundlage gegenseitiger Achtung und der Ideale des Friedens und der guten Nachbarschaft spielt."

Objekte zu den Sonnenwenden in der Deutschen Digitalen Bibliothek

Quellen 

UN: https://www.un.org/en/observances/solstice-day
Iran Kultur: http://www.irankultur.com/yalda-nacht-iraner-feiern-den-sieg-des-guten-ueber-das-boese/
Deutschlandfunk Kultur: https://www.deutschlandfunkkultur.de/germanisches-neuheidentum-wer-hat-weihnachten-geklaut-100.html
MDR: https://www.mdr.de/wissen/fakten-zur-sommersonnenwende-102.html
NDR: https://www.ndr.de/ratgeber/Mittsommer-Heute-ist-der-laengste-Tag-des-Jahres,sonnenwende106.html
National Geographic: https://www.nationalgeographic.de/geschichte-und-kultur/2022/03/zeitmessung-in-der-steinzeit-stonehenge-war-ein-aeusserst-praeziser-sonnenkalender
Geo: https://www.geo.de/geolino/forschung-und-technik/9750-rtkl-archaeologie-krimi-um-die-himmelsscheibe
Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Mittsommerfest#Schweden:_Midsommar
Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Sonnenwende#Geschichtliches_und_Kulturelles
Welt: https://www.welt.de/aktuell/article106645680/Die-magische-Nacht-der-Sommersonnenwende.html
National Geographic: https://www.nationalgeographic.de/wissenschaft/2021/12/dunkelster-tag-des-jahres-wissenswertes-ueber-die-wintersonnenwende
T-Online: https://www.t-online.de/leben/reisen/reisetipps/id_77105082/stonehenge-zur-sommersonnenwende-geschichte-und-bedeutung.html
MDR: https://www.mdr.de/geschichte/weihnachten-urspruenge-100.html
History.de: https://www.history.de/heute-vor/detail/wintersonnwendfeier.html
Planet Wissen: https://www.planet-wissen.de/gesellschaft/ordnungssysteme/kartografie_das_gesicht_der_erde/pwieeratosthenesgeniederantike100.html
Antiquity: http://antiquity.ac.uk/projgall/barkai327/