DDBspotlight: Elefanten – von historischen Lücken, fabelhaften Wesen und einem gelungenen Nashorn

Von Wiebke Hauschildt (Online-Redaktion)

Grau gepunktet, mit einem Rohr als Rüssel, Fledermausohren und dünnen Beinchen strahlt der grimmig dreinschauende mittelalterliche Elefant dennoch Stärke und Kraft aus, befindet sich doch eine ganze Burg auf seinem Rücken. Wie groß ein Elefant tatsächlich hätte sein müssen, um ein derartiges Bauwerk zu tragen, möchte man sich nicht vorstellen. Was aber die Illustration und viele ähnliche Illustrationen aus dem Mittelalter zeigen, ist, dass es eine historische Lücke gab. Genauer: Es gab eine Zeit, in der fast kein Mensch in Europa wusste, wie Elefanten eigentlich genau aussehen.

Megenbergs Darstellung des Elefanten in seinem „Buch der Natur“: „Der Elefant“ (um 1442-1448), Conradus de Megenberg, Universitätsbibliothek Heidelberg (Public Domain Mark 1.0)

Im Jahr 1350 veröffentlicht der Regensburger Domherr Konrad von Megenberg die Enzyklopädie „Das Buch der Natur“. In die Geschichte eingegangen ist er als derjenige, der damit die erste bedeutende wissenschaftliche Abhandlung in deutscher Sprache verfasste. Diese schon recht systematische Naturgeschichte war allerdings eher eine Übersetzungs- als eine Forschungsleistung. Zum Großteil hatte Megenberg das Werk „Liber de natura rerum“ von Thomas von Cantimprés übersetzt und ein paar Beobachtungen zu Regenbögen und Rabenmüttern hinzugefügt.

Von Cantimprés hingegen hatte sein im Mittelalter als naturkundliches Standardwerk geltendes Buch um 1241 veröffentlicht und seinerseits Aristoteles und Plinius den Älteren als Vorlage genutzt. Nun geht es uns nicht darum, wer hier wen kopiert oder übersetzt hat – von Bedeutung sind an dieser Stelle die Illustrationen aus Megenbergs Werk. Sehr wahrscheinlich bei Cantimprés abgezeichnet, zeigen sie Tiere, deren Aussehen suggeriert, dass keiner der beiden Herren diese Tiere je in natura gesehen hat. Wie kam es nun zu solchen Illustrationen und der eingangs erwähnten historischen Lücke?

Als die Europäer noch wussten, wie Elefanten aussehen

Die Zeit vor der historischen Lücke reicht bis weit in die menschlichen Anfänge in Europa zurück. Sie findet ihren Anfang in den Eiszeiten, als Mammuts, die Vorgänger der Elefanten, noch existierten und weite Teile der nördlichen Erdhalbkugel bevölkerten. 

Während Konrad von Megenberg aus seinen alten Quellen weiß, dass der Elefant „monogam lebt, dass er in ständigem Kampf mit dem Drachen liegt, sich nach dem Stand der Gestirne richtet und gebranntes Elfenbein ein wirksames Antidot gegen Gift und Schlangenbisse ist“, waren die Menschen des Alt- und Mittelpaläolithikums (vor 2,5 Millionen bis vor 40.000 Jahren) etwas besser unterrichtet. Sie kannten das Tier aus der Realität, und für sie war das Mammut ein wichtiger Bestandteil des eigenen Überlebens: als Rohstoffressource für Nahrung ebenso wie für die Herstellung von Werkzeugen oder Kunstartefakten.

Dieser unbekannte Maler scheint bei den Proportionen des Elefanten etwas herausgefordert: „Gemälde mit zwei Menschen und einem Elefant“ Landesarchiv Baden-Württemberg, Abt. Generallandesarchiv Karlsruhe, 498-1 Glasnegative Wilhelm Kratt (1869-1949) - Landesamt für Denkmalpflege, Außenstelle Karlsruhe (CC BY 3.0 Deutschland)

Noch enger wurden die Beziehungen zwischen Elefanten und Menschen im Jungpaläolithikum (vor 40.000 bis 10.000 Jahren). Die Hinweise auf die aktive Jagd verdichten sich, es gibt 30.000 Jahre alte Kunstobjekte aus dem Elfenbein der Stoßzähne, und in der Höhlenkunst gehörten Mammuts mit sechs Prozent Anteil zu den häufigsten aller porträtierten Tiere. Bis sie ausstarben. 

Die exakten Gründe für das Aussterben sind nach wie vor Anlass wissenschaftlicher Debatten – zwischen Klimaveränderungen, verstärkter Jagd durch die Menschen und Abnahme der Fruchtbarkeit werden sie der Quartären Aussterbewelle zugeschrieben (vor etwa 11.700 Jahren). Andere Elefantenarten bevölkerten noch vor 4.000 Jahren ganz Afrika, den südlichen Mittelmeerraum und Asien. Die Berührungspunkte mit Elefanten für die Mittel- und Nordeuropäer hingegen lichteten sich. Eine der berühmtesten dieser Begegnungen ist bis heute Hannibal und die Überquerung der Alpen mit seinen 37 Kriegselefanten. 

Alexander der Große, Hannibal und das Ende des weströmischen Reichs

Während in Indien Elefanten bereits lange als gezähmte Arbeitstiere im Einsatz waren, sowohl in der Zivilgesellschaft als auch im Krieg, war die hellenistische Welt nicht mehr mit den Tieren vertraut. Dies wird ihr allerdings erst bewusst, als die Tiere im Krieg vor ihr stehen. Sehr wahrscheinlich in der Schlacht von Gaugamela im Oktober 331 v. Chr. treffen Alexander der Große und seine makedonischen Truppen auf die fünfzehn Kriegselefanten der persischen Gegenseite.

„Thotsakan auf seinem Kriegselefanten. Haltung: Drohgebärde zur Einleitung des Kampfes. Elefant ohne Stoßzähne, d.h. bereits letztes Aufgebot.“ Schattenspielscheibe, Thailand, Anfang 20. Jahrhundert, Ethnologisches Museum, Staatliche Museen zu Berlin (CC BY-NC-SA 3.0 Deutschland)

Auch wenn die Tiere letztlich nicht entscheidend für die Schlacht sind, bringen sie Alexander den Großen auf den Geschmack, der sie prompt in seine Armee integriert. Das Wissen um diese neue Waffe verbreitet sich in damaligen militärischen Kreisen schnell.

Nach Alexanders plötzlichem Tod und den Kriegen um seine Nachfolge bzw. die Aufteilung seines Reiches (Diadochenkriege), sind es schließlich 480 Kriegselefanten, die den Lauf der antiken Welt verändern: Bei der Entscheidungsschlacht im Jahr 301 bei Ipsos in Kleinasien verlieren die Diadochen Antigonos I. und sein Sohn Demetrios, die das Reich Alexanders als Ganzes erhalten wollen. Die Gegenseite, ein Bündnis verschiedener Feldherren, unter ihnen Seleukos, verschließt mit ihren 480 Kriegselefanten eine Lücke im Schlachtfeld, so dass das Heer von Antigonos und Demetrios getrennt wird. Die elefantöse Blockade wird nicht mehr überwunden und die Schlacht ist entschieden. Das hellenische Reich zerfällt und die neuen Zentren der politischen Macht liegen in Ägypten, Makedonien und Syrien.

Nicht kriegsentscheidend, aber spektakulär ist der Feldzug des Karthagers Hannibal gegen das Römische Reich im Jahr 218 vor Christus während des Zweiten Punischen Krieges. Da Kriegselefanten offensichtlich durch die Jahrhunderte immer wieder ein Überraschungsmoment darstellen, überquert Feldheer Hannibal die Alpen mit 37 Elefanten, um gegen die Römer zu kämpfen (mit dabei sind auch 8.000 Reiter und 38.000 Fußsoldaten). Es wird vermutet, dass nicht nur die Südgallier, an denen er auf seiner Reise von Spanien nach Italien vorbeizieht, ob der 37 Dickhäuter ein bisschen überrascht sind. 

Auch hier besteht der konkrete Verdacht, dass der Zeichner die Tiere nie gesehen hat, Hannibals Elefanten dennoch malen wollte: „Des cas des nobles hommes et femmes — Hannibal, Folio 182verso“, Buchmalerei (1458), Jean Fouquet, Deutsches Dokumentationszentrum für Kunstgeschichte – Bildarchiv Foto Marburg

Die Elefanten überleben die strapaziöse Alpenüberquerung vollzählig, den norditalienischen Winter aber leider nicht. Anfang 217 v. Chr. ist nur noch einer der Kriegselefanten im Einsatz und am Leben. Letztlich gewinnen die Römer über die Karthager und das Römische Reich hat weitere 700 Jahre Bestand, während das Karthagische untergeht. Erst mit dem Untergang des weströmischen Reiches aber (ca. 500 n. Chr.) verschwindet das Wissen um die Elefanten aus Europa. 

Die historische Lücke und die Wiederkehr des Wissens

Nur fünfhundert Jahre später ist der Elefant in Europa ein Fabelwesen geworden. Die Gelehrten, die Abbildungen der Tiere anfertigen, verlassen sich auf Erzählungen und Berichte früherer Zeiten und auf ihre Fantasie. Hannibal und Alexander der Große sind bekannte Namen und auch die sagenumwobenen Tiere, mit deren Hilfe die beiden Feldherren viele Schlachten gewonnen haben, sind den Gelehrten ein Begriff. Doch die Vorstellungen von Größe und Aussehen gehen stark auseinander. Die Schlüsselmerkmale Rüssel, Ohren und Stoßzähne sind in den Illustrationen zumeist vorhanden, variieren aber stark. Generelle Einigkeit scheint beim restlichen Körperbau und der Farbe zu herrschen, wie die folgenden Beispiele zeigen. 

Anatomisch völlig daneben: „Die Versammlung der Hasen und der Elefant am Brunnen“ (um 1471 – 1477), Antonius von Pforr, Universitätsbibliothek Heidelberg (Public Domain Mark 1.0)
Sieht soweit gut aus bis auf das Fehlen des Rüssels: „Elefant, eine Sänfte tragend“, Kupferstich (1483-1491), Martin Schongauer, Herzog Anton Ulrich-Museum Braunschweig (CC BY-NC-SA 4.0 International)
Beinahe. „Elefanten im Kampf mit Schlangen und die Zerstückelung eines Elefanten“, Kupferstich (1626-1650), Karel de Mallery, Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel (CC BY-NC-SA 4.0 International)

Das Wissen und die Elefanten kehren jedoch zurück: Mit dem Aufkommen des Kolonialismus in der frühen Neuzeit finden die Tiere ihren Weg in die Menagerien der europäischen Königs- und Adelshäuser. Auch als diplomatische Geschenke sind sie beliebt: König Manuel I. von Portugal schenkt beispielsweise Papst Leo X. im Jahr 1513 zu seiner Wahl einen Elefanten, welcher den Papst zwar begeistert, der leider aber nicht lange überlebt. Dem Elefanten wird nach drei Jahren im Vatikan ein mit Gold angereichertes Abführmittel gegen Verstopfungen gegeben, was das Ableben wohl begünstigt hat. Hanno – so der Name des päpstlichen Tieres – bleibt jedoch unvergessen, da Raffael mehrere Portraits und ein lebensgroßes Fresko für den Vatikanischen Palast angefertigt hat (leider nicht mehr erhalten).  

Raffael wusste, was er tat: „Der Elefant Hanno“, Zeichner: Raffael (nach 1516), Kupferstichkabinett, Staatliche Museen zu Berlin (CC BY-NC-SA 3.0 Deutschland)

Diejenigen Elefanten, die in dieser Zeit nicht in Menagerien landen, gehen als tierische Attraktionen auf Rundreise. Im Übergang vom 18. zum 19. Jahrhundert lösen öffentliche Zoos die zumeist privaten Menagerien in Europa ab, und das größte Landtier unserer Zeit begeistert die Besucher*innen fortan in Gehegen. Insgesamt gesehen ist das Zusammentreffen mit den Menschen für die Elefantenpopulation ein tragisches Ereignis. Soll es Anfang des 20. Jahrhunderts noch mehrere Millionen Elefanten gegeben haben, sind es heute auf dem afrikanischen Kontinent nur noch etwa 350.000 Tiere. 

Zum Schluss: Elefanten, Nashörner und Dürer

Auch wenn die Faszination nicht auf Gegenseitigkeit beruht, war und ist das Interesse der Europäer auf Elefanten ungetrübt. Der bereits erwähnte portugiesische König Manuel I. erhält im Jahr 1515, zwei Jahre nachdem er dem Papst seinen Elefanten schenkte, ein Nashorn. Den König treibt die Neugier, und er inszeniert ein Duell zwischen einem Elefanten und besagtem Nashorn, um eine These von Plinius dem Älteren zu überprüfen: Plinius hatte behauptet, das Nashorn sei der „geborene Feind“ des Elefanten und im Kampf überlegen. Verifiziert werden konnte die These nicht ganz: Der durch die jubelnden Menschenmengen völlig panische Elefant flüchtet und überlässt dem Nashorn kampflos den Sieg. Welches dann wieder dem Papst geschenkt werden soll, bei der Schiffsreise jedoch zusammen mit dem Boot untergeht. Kunde vom Nashorn dringt allerdings bis zu Albrecht Dürer, der daraufhin seinen berühmten Holzschnitt produziert. Im Gegensatz zu seinen Künstlerkollegen ein paar Jahrhunderte früher allerdings fast in Perfektion – obwohl auch er das Tier nie zu Gesicht bekommen hatte. 

„Rhinoceros (Rhinocerus)“ (1515), Albrecht Dürer, Herzog Anton Ulrich-Museum, Braunschweig (CC BY-NC-SA 4.0 International)

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Elefanten in der Deutschen Digitalen Bibliothek 
 

Quellen

Wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Elefanten

Spiegel https://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/elefanten-haben-keine-angst-vor-maeusen-sondern-vor-bienen-a-1219806.html 

NZZ https://www.nzz.ch/international/aufgefallen/tierische-staatsgeschenke-ein-elefant-im-vatikan-ld.109519

Welt https://www.welt.de/geschichte/article163180862/480-Kriegselefanten-veraenderten-die-antike-Welt.html 

Uni Jena http://www.zoo.uni-jena.de/tl_files/sonderausstellung/marina/katalog_marina.pdf

Welt https://www.welt.de/geschichte/article141184672/Als-das-Nashorn-den-Elefanten-in-Lissabon-besiegte.html

Welt https://www.welt.de/print/welt_kompakt/print_wissen/article187143288/Eine-Stadt-fuer-Elefanten.html

Ze.tt https://ze.tt/elefanten-im-mittelalter-wie-malt-man-ein-tier-das-man-zuvor-noch-nie-gesehen-hat/

Mittelalter Lexikon https://www.mittelalter-lexikon.de/wiki/Elefant

Wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Kriegselefant 

Schweizer Illustrierte https://www.schweizer-illustrierte.ch/family/familientreff/bin-ich-wirklich-eine-rabenmutter

Süddeutsche https://www.sueddeutsche.de/panorama/monster-meermoench-fabelwesen-1.4918873

Uni Regensburg https://www.uni-regensburg.de/index.php?eID=dumpFile&t=f&f=7812&token=5f117a2a165df850fd78c9aef58b061911fb84c9

Wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Das_Buch_der_Natur

Geo https://www.geo.de/geolino/mensch/18154-rtkl-rom-hannibal-der-mann-der-beinahe-rom-besiegte

Welt https://www.welt.de/geschichte/article178916540/Alpenuebergang-Mit-diesem-Geniestreich-schockierte-Hannibal-die-Roemer.html