Aus den Sammlungen: Yva

Von Theresa Rodewald (Online-Redaktion)

Yva, mit bürgerlichem Namen Else Ernestine Neuländer-Simon, gilt als eine der einflussreichsten Modefotografinnen der Weimarer Republik. Allein in der Deutschen Digitalen Bibliothek finden sich mehr als 100 ihrer gewagten und dynamischen Fotografien aus den Sammlungen des Museums für Kunst und Gewerbe in Hamburg.

"Weißer Abendmantel in tunesischem Stil aus Crepe Georgette", man beachte den interessanten Rechtehinweis: "Dieses Foto darf nur mit dem Vermerk: / Phot.: Yva-Berlin / abgedruckt werden. Bei Unterlassung erhöht sich das Reproduktionshonorar um RM. 100.-", (1925-1938), Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg (CC0 Public Domain Dedication 1.0)

Am 26. Januar 1900 wird Yva in der Großbeerenstraße 36, mitten in Berlin-Kreuzberg, als jüngstes von neun Kindern einer jüdischen Familie geboren. Die Mutter ist Modistin und Hutmacherin, der Vater Kaufmann. Nach ihrer Lehre zur Fotografin eröffnet Yva im Alter von nur 25 Jahren ihr eigenes Fotoatelier in Berlin-Tempelhof. Schnell entwickelt sie sich zur avantgardistischen Mode- und Szenefotografin. Ihre Modefotografien werden in renommierten Zeitschriften und Magazinen, wie der Berliner Illustrierten oder Elegante Welt, veröffentlicht – außerdem arbeitet sie unter anderem für den Ullstein-Verlag. In der Zeitschrift UHU entwickelt sie gemeinsam mit dem Chefredakteur Friedrich Kroner Fotogeschichten, Vorläufer der heutigen Fotostories.

"Strandanzug und Strandkleid" (1925-1938), Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg (CC0 Public Domain Dedication 1.0)

Neben Mode- und Werbefotografien portraitiert Yva auch prominente Persönlichkeiten, beispielsweise den Bildhauer Hugo Lederer. In den frühen 1930er Jahren werden ihre Fotografien im Rahmen von Ausstellungen in Rom, London und Paris gezeigt.

Zeitweise beschäftigt Yva bis zu zehn Angestellte und bildet Nachwuchsfotograf*innen aus. Einer dieser Lehrlinge ist Helmut Neustädter, der seinen Namen später zu Helmut Newton ändern und mit seinen Fotografien Weltruhm erlangen wird.

"Seidenstrümpfe-tragendes Modell auf einer Treppe sitzend" (1925-1938), Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg (CC0 Public Domain Dedication 1.0)

In den 1920er Jahren werden die meisten Mode- und Werbebilder noch gezeichnet. Yva hebt sich mit ihren Fotografien also grundsätzlich von anderen Werbekampagnen ab. Darüber hinaus unterscheidet sie sich aber auch von anderen Werbefotograf*innen ihrer Zeit. Sie wendet die Mehrfachbelichtung an, eine Technik, die zu diesem Zeitpunkt vornehmlich in der Fotokunst, allem voran im fotografischen Surrealismus verbreitet ist.

Dabei wird der Film oder die Fotoplatte an derselben Stelle mehrmals belichtet, wodurch sich mehrere Motive in einem Bild kombinieren lassen. Diese Technik hat Yva gemeistert und schafft es, eine Platte bis zu sieben Mal zu belichten. Die dadurch entstehenden Bilder sind unwirklich, traumhaft und stechen in der Werbefotografie der damaligen Zeit deutlich hervor. Derlei avantgardistische Fototechniken, ungewöhnliche Portraits und eine ganz eigene Ästhetik sind es, die nach und nach zu Yvas unverwechselbaren Markenzeichen werden.

"Modell mit Weinglas" (1925-1938), Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg (CC0 Public Domain Dedication 1.0)

In der Deutschen Digitalen Bibliothek finden sich vornehmlich solche von Yvas Mode- und Werbefotografien, die aus den 1930er Jahren stammen, jedoch keine Mehrfachbelichtung aufweisen. Diese scheinbar nachlassende Experimentierfreudigkeit ist möglicherweise im Zusammenhang mit dem Aufstieg der Nationalsozialisten zu sehen: Moderne Kunst und ihre Bildsprache – vom Expressionismus bis zum Surrealismus – passt nicht ins nationalsozialistische Weltbild und wird in einzelnen Ländern der Weimarer Republik schon ab 1930 als „undeutsch“ bezeichnet und später als „Entartete Kunst“ diffamiert, konfisziert, verkauft und zerstört.

Yvas Fotografien in der Deutschen Digitalen Bibliothek zeichnen sich vor allem durch die elegante Verwendung von Licht und Schatten und das Spiel mit ungewöhnlichen Perspektiven sowie ihre einzigartige Bildgestaltung aus.

"Kappe in neuer Form aus Cloque mit einem Rüschenrand aus Lackband" (1925-1938), Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg (CC0 Public Domain Dedication 1.0)

 

Nach 1933 gelingt es Yva trotz ihrer jüdischen Herkunft zunächst auch unter der nationalsozialistischen Regierung weiter zu arbeiten. Im Zuge der sogenannten „Arisierung“ – der Enteignung und Verdrängung jüdischer Bürger*innen aus Wirtschaft, Kultur, Wissenschaft und gesellschaftlichem Leben – überträgt Yva die Leitung ihres Ateliers 1936 an ihre Freundin, die heute teils umstrittene Kunsthistorikerin Charlotte Weidler. Schon zwei Jahre später, im Zuge des 1938 erlassenen Berufsverbots, muss Yva ihr Atelier allerdings endgültig schließen. Yva und ihr Ehemann Alfred sehen sich gezwungen, ihre Wohnung in der Schlüterstraße 49 aufzugeben. In das enteignete Gebäude zieht die nationalsozialistische Reichskulturkammer ein. Das Ehepaar siedelt zunächst in eine kleinere Wohnung um, später müssen sie sich ein möbliertes Zimmer teilen. Yva arbeitet derweil als Röntgenassistentin im Jüdischen Krankenhaus, Alfred muss als Zwangsarbeiter in Berlin-Zehlendorf Straßen fegen.

Am 1. Juni 1942 wird das Ehepaar von der Gestapo verhaftet. Knapp zwei Wochen später, am 13. Juni werden sie mit einem Deportationszug verschleppt, dessen Ziel das Vernichtungslager Sobibór ist. In Lublin werden 1.030 Insassen einer Selektion unterworfen und einige von ihnen in das nahegelegene Konzentrations- und Vernichtungslager Majdanek eingewiesen. Ob Yva und ihr Ehemann Alfred Simon darunter sind, ist nicht bekannt. Wahrscheinlich wurden sie in Majdanek oder Sobibór kurz nach ihrer Deportation ermordet. Offiziell erklärt man sie am 31. Dezember 1944 für tot.

Yva und ihr Ehemann versuchten offenbar kurz vor ihrer Deportation noch auszuwandern. Über 30 Kisten mit Einrichtungsgegenständen ihres Foto-Ateliers lagern zu diesem Zeitpunkt im Hamburger Freihafen. Der Großteil dieser Kisten wird bei einem Bombenangriff zerstört, der Rest später versteigert.

Yva ist eine von etlichen deutsch-jüdischen Künstler*innen und Intellektuellen, die nicht mehr emigrieren konnten, eine von über sechs Millionen Jüd*innen, die in den Vernichtungslagern ermordet wurden. Heute erinnert ein Stolperstein in der Schlüterstraße 45 in Berlin an Yva und ihren Mann Alfred Simon. Seit 2011 trägt der Übergang zwischen Hardenberg- und Kantstraße am Bahnhof Zoo außerdem den Namen „Yva Bogen“. Das Erinnerungsprojekt „Wir waren Nachbarn“ im Schöneberger Rathaus widmet ihr eine eigene Mappe. Daneben bleibt uns ihr fotografisches Werk, das mit seiner Mischung aus Eleganz und Avantgarde bis heute nichts von seiner Eindrücklichkeit eingebüßt hat.

Schwarz-weißer Strandanzug aus Wolle (1925-1938), Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg (CC0 Public Domain Dedication 1.0)
Zu Charlotte Weidler
In der jüngeren Vergangenheit hat es Anschuldigungen gegen Charlotte Weidler gegeben, die ab 1936 die Leitung von Yvas Atelier innehatte. Sie habe zahlreiche Kunstwerke, die Kunsthändler und –sammler ihr anvertrauten, darunter Paul Westheim und Alfred Flechtheim, die emigrieren mussten, als Schenkungen ausgegeben und an Kunstmuseen wie das Musem of Modern Art in New York verkauft. Für den Nachlass von Yva gibt es solche Vorwürfe allerdings nicht.

Quellen

Jüdisches Museum Berlin: https://www.jmberlin.de/objekt-yva-amor-skin

Stolpersteine Berlin: https://www.stolpersteine-berlin.de/de/biografie/4261

Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Yva

Welt: https://www.welt.de/print-welt/article486257/Newton-trug-ihren-Namen-in-die-Welt-hinaus-Yva.html

taz: https://taz.de/Die-Perspektive-der-Linse/!5599597/

Die Geschichte Berlins: https://www.diegeschichteberlins.de/geschichteberlins/persoenlichkeiten/persoenlichkeitenuz/368-yva.html

Kwerfeldein: https://kwerfeldein.de/2021/08/04/yva/