Es könnt' ein Anfang sein - Nostalgie und Aufbruchsstimmung in Berlin

Von Andrea Lehr (Coding da Vinci)

Die Energie und der Enthusiasmus, mit der die Coding da Vinci-Community ihr Ziel, die Verbreitung und Nutzung von offenen Kulturdaten in den Institutionen und der Zivilgesellschaft, verfolgt, zeigte sich bei der offiziellen Coding da Vinci-Abschlusskonferenz wieder einmal in besonderem Maße.

Der Moderator Jöran Muuß-Merholz führte durch das spannende und umfassende Konferenzprogramm am 23. September 2022 in der W. Michael Blumenthal Akademie in Berlin – jederzeit kompetent und gut gelaunt wie ihn viele der Teilnehmenden schon von vergangenen Konferenzen und Barcamps kannten. Den Reigen der Grußworte eröffnete Kirsten Haß, Mitglied im Vorstand der Kulturstiftung des Bundes (KSB). Im Jahr 2018 war sie Leiterin des Förder- und Programmbereichs der KSB und hatte daher viel zur Förderzusage beigetragen, die beim legendären Hackathon Coding da Vinci Süd 2019 offiziell wurde. Kirsten Haß bezeichnete Coding da Vinci als „absoluten Glücksfall“ für das von der KSB aufgelegte Programm „Kultur Digital“. Das Projekt habe das Potenzial von offenen Kulturdaten weithin sichtbar gemacht und die „Digital Literacy“ in den Kultureinrichtungen deutlich gestärkt. Auf diesen Erfolgen könne aufgebaut, und mit ihnen die Erkenntnis institutionell verankert werden, dass co-kreative Arbeitsweisen zu den besseren Ergebnissen führen können.

Anschaulich und kreativ wurde es, als sich die jene, die Coding da Vinci aus der Taufe gehoben hatten, mit denen, die das Projekt bis heute fortführen, auf der Bühne trafen, um gemeinsam die spannende Coding da Vinci-Geschichte zu erzählen. Anhand von Bildern und Objekten, die die Gründer*innen und deren Nachfolger*innen aus ihrem persönlichen Fundus mitgebracht hatten, konnte das Publikum die Entwicklung vom ersten Hands-On-Hackathon in den Räumlichkeiten von Wikimedia Deutschland 2014 bis zum letzten regionalen Hackathon, der im Landesmuseum Baden-Württemberg im Juni 2022 endete, miterleben.

Hackathon-Geschichte im Schnelldurchlauf. CdV-Gründerin Anja Müller zeigt den Cyber-Beetle, nur eine der vielen Projektentwicklungen seit 2014. Fotograf: Jason Krüger für Coding da Vinci, CC BY-SA 4.0
Hackathon-Geschichte im Schnelldurchlauf. CdV-Gründerin Anja Müller zeigt den Cyber-Beetle, nur eine der vielen Projektentwicklungen seit 2014. Fotograf: Jason Krüger für Coding da Vinci, (CC BY-SA 4.0)

Im Anschluss bedankte sich die Geschäftsstelle für (fast) vier spannende Jahre. Philippe Genêt, Projektkoordinator von Coding da Vinci, stellte ein Playbook in Aussicht, dass es allen die wollen ermöglichen soll, selbst einen Hackathon im Geiste und der Organisationsform von Coding da Vinci zu veranstalten.

Klaus Lederer, Senator für Kultur und Europa in Berlin, brachte den Beginn seiner ersten Amtszeit mit der Entstehung von Coding da Vinci in Verbindung und verlieh seiner Hoffnung Ausdruck, seine zweite Amtszeit könne mit einer Weiterführung des Projekts verknüpft sein. Das „digital mindset“ in den Kulturinstitutionen zu verändern, sei nach wie vor ein aktuelles Thema, und daher könne die Abschlusskonferenz auch als Zukunftskonferenz betrachtet werden.

Die Langzeiteffekte des CdV-Hackathons Westfalen-Ruhrgebiet 2019 beschrieb Konrad Gutkowski, wissenschaftlicher Referent für Digitalität beim LWL-Industriemuseum. Konrad GutkowskiFotograf: Jason Krüger für Coding da Vinci, CC BY-SA 4.0
Die Langzeiteffekte des CdV-Hackathons Westfalen-Ruhrgebiet 2019 beschrieb Konrad Gutkowski, wissenschaftlicher Referent für Digitalität beim LWL-Industriemuseum. Fotograf: Jason Krüger für Coding da Vinci (CC BY-SA 4.0)

Nachdem all das in nur 30 Minuten stattgefunden hatte, bekamen die Redner*innen der Lightning Talks etwas mehr Zeit, um über die unterschiedlichen Impulse zu berichten, die Coding da Vinci mit den Hackathons setzen konnte. Nina Jäger und Katja Rempel erläuterten die Entstehung ihres Projekts „How to: Spiele zur Kunst“. Nach der Auszeichnung als „most user centered design“ bei Coding da Vinci Saar-Lor-Lux 2020, erhielt das Projekt insgesamt drei Anschlussförderungen und dient auch der Profilierung des datengebenden Instituts für aktuelle Kunst im Saarland, das fester Bestandteil des Entwicklerinnenteams ist.

Gabi Fahrenkrog beschrieb das Projekt „Remember me“ der Technischen Informationsbibliothek Hannover, das im Anschluss an den Hackathon in Niedersachsen 2021 entstand und jugendliche Zielgruppen in den Blick nimmt. Als Pilotprojekt sollen Schüler*innen einer achten Klasse über ein ganzes Schuljahr hinweg den Umgang mit digitalen Werkzeugen wie Wikidata lernen. Als letzter Lightning-Talker erzählte Konrad Gutkowksi vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe die Erfolgsgeschichte einer gelebten Open-Access-Strategie, deren Auslöser Coding da Vinci Westfalen-Ruhrgebiet 2019 gewesen war.

Anne Mühlich und Gerd Müller haben eine Minute Zeit, um "Demokratie erLeben" zu präsentieren. "Fotograf: Jason Krüger für Coding da Vinci, C BY-SA 4.0
Anne Mühlich und Gerd Müller haben eine Minute Zeit, um "Demokratie erLeben" zu präsentieren. Fotograf: Jason Krüger für Coding da Vinci (CC BY-SA 4.0)

Echte Coding da Vinci-Atmosphäre kam während der folgenden One Minute Madness auf, bei der es in altbewährter Tradition hektisch zuging. Dieses Mal mussten sich jedoch die Coding da Vinci-Stipendiat*innen der Herausforderung stellen, während sich die GLAM-Vertreter*innen zurücklehnen durften.

Dann war es Zeit für eine Stärkung im beeindruckenden „Garten der Diaspora“, einem großen Raum in der ehemaligen Blumengroßmarkthalle, den das Jüdische Museum Berlin in eine grüne Oase verwandelt hat, die auf Holzstegen begehbar ist. In der „Kaffeepause“ hatten alle Konferenzteilnehmenden die Gelegenheit, die Projekte der Stipendiat*innen an deren Präsentationsständen näher kennenzulernen und die Anwendungen zu erproben.

Mit zwei Impulsvorträgen ging es nach der Pause im Auditorium weiter. Julia Friedrich, Sammlungsdirektorin des Jüdischen Museums Berlin, und Geraldine de Bastion, Netzwerk-Aktivistin und Mitglied des Kuratoriums der re:publica seit 2012, waren jeweils als Vertreterin einer Kulturinstitution und als Stimme aus der Zivilgesellschaft gekommen, um ihre Positionen im Hinblick auf die digitale Transformation im Kulturerbesektor darzulegen.

Geraldine da Bastion betonte wie wichtig es sei, die Zusammenarbeit zwischen den zivilgesellschaftlichen Communities und den Kultureinrichtungen zu intensivieren, um dabei den Wertewandel in Richtung Offenheit und Teilhabe voranzutreiben. Julia Friedrich warb dafür, das Kulturerbe nicht allzu leicht konsumierbar, nicht allzu produktförmig zu machen. Zum Auftrag einer Kulturinstitution gehöre es auch, das Publikum auch an Widerborstiges heranzuführen.

Mit viel Engagement diskutieren die Teilnehmenden über die Zukunft von offenen Kulturdaten. "Sessionholder" dieser Runde war Lambert Heller von der TIB Hannover. Fotograf: Jason Krüger für Coding da Vinci, CC BY-SA 4.0
Mit viel Engagement diskutieren die Teilnehmenden über die Zukunft von offenen Kulturdaten. "Sessionholder" dieser Runde war Lambert Heller von der TIB Hannover. Fotograf: Jason Krüger für Coding da Vinci (CC BY-SA 4.0)

Aufregend für das Organisationsteam wurde es dann bei der Planung des Barcamps, bei dem die Teilnehmenden aufgefordert waren, mit ihren Themen eigene Workshops oder Diskussionsforen zu gestalten. Insgesamt kamen zehn Sessions mit unterschiedlichsten Inhalten zustande. Teils dichtgedrängt in den zur Verfügung stehenden Seminarräumen diskutierten die CdV-Begeisterten über Datenqualität, den Einsatz von offenen Kulturdaten in der Bildung und die Sensibilität von interkulturellen Daten aus kolonialen Kontexten.

Nach getaner Arbeit ließen die Veranstalter*innen die Sektkorken knallen, und die Gespräche folgten bei gutem Essen und gediegenem Techno-Sound ihrem eigenen Verlauf. Fotograf: Jason Krüger für Coding da Vinci, CC BY-SA 4.0
Nach getaner Arbeit ließen die Veranstalter*innen die Sektkorken knallen, und die Gespräche folgten bei gutem Essen und gediegenem Techno-Sound ihrem eigenen Verlauf. Fotograf: Jason Krüger für Coding da Vinci (CC BY-SA 4.0)

Ein großes, immer wiederkehrendes Thema war die Nachhaltigkeit und dauerhafte Verfügbarkeit von Daten, egal ob es sich dabei um von Kulturinstitutionen veröffentlichte Datensätze oder Projektcode handelt. Wiederholt wurde auch der Wunsch geäußert, die Entdeckermentalität und das Experimentieren, kurz die Kultur der Coding da Vinci-Hackathons dauerhaft in den Institutionen zu pflegen.

Dieser Appell schlug sich auch in der Abschlussrede von Frank Scholze, Generaldirektor der Deutschen Nationalbibliothek, nieder. Scholze brachte die Bestrebungen, einen Strukturwandel in den Institutionen zu bewirken, auf den Punkt, indem er den Begriff „Discovery“ einbrachte. Damit beschrieb er eine Denkhaltung, die das gemeinsame Entdecken zur Grundlage von Problemlösungen mache.