Ein Interview in Zeiten von Corona: Unsere neue Geschäftsleitung stellt sich vor

Seit Anfang des Jahres 2020 hat die Deutsche Digitale Bibliothek (DDB) eine neue Geschäftsleitung: Seit dem 2. Januar leitet Dr. Julia Spohr die Geschäftsstelle und die Bereiche Finanzen, Recht, Kommunikation und Marketing in Berlin, seit dem 1. Februar ist Gerke Dunkhase Leiter der Bereiche Technik, Entwicklung, Service in Frankfurt. Auf die Einarbeitung folgte auch schon die Corona-Krise: Die Mitarbeiter*innen in Berlin und Frankfurt befinden sich im Home-Office, der Arbeitsalltag muss neu organisiert werden und neben der Leitung der Geschäfte müssen Julia Spohr und Gerke Dunkhase nun zusätzlich als Krisenmanager fungieren. 

Den Zuständen und Umständen zum Trotz haben wir mit ihnen ein Interview geführt und wollten wissen, welche spannenden Entwicklungen und Projekte die DDB gerade verwirklicht und was die Zukunft bringt. 

„Mosaik“, Deutsche Digitale Bibliothek
„Mosaik“, Deutsche Digitale Bibliothek

Liebe Frau Spohr, Sie sind seit dem 2. Januar 2020 Leiterin der Geschäftsstelle und der Bereiche Finanzen, Recht, Kommunikation und Marketing in Berlin. Was ist für Sie in dieser Anfangszeit in der DDB besonders spannend?

JS: Bevor ich die Leitung der Geschäftsstelle der Deutschen Digitalen Bibliothek übernommen habe, war ich vier Jahre lang Teil der Geschäftsführung der Stiftung Sächsische Gedenkstätten zur Erinnerung an die Opfer politischer Gewaltherrschaft und dort unter anderem für die Öffentlichkeitsarbeit der gesamten Stiftung verantwortlich. Nachdem ich in der Deutschen Digitalen Bibliothek von einem unwahrscheinlich engagierten Team empfangen wurde, empfinde ich es als besonders bereichernd, die unglaubliche Fülle an großen und kleinen Kultur- und Wissenseinrichtungen im gesamten Bundesgebiet besser kennenzulernen – über 32 Millionen Kulturobjekte von rund fünfhundert Institutionen finden sich bislang in der DDB. Die thematische Bandbreite und Vielfalt des deutschen Kulturerbes begeistert mich jeden Tag aufs Neue.

Lieber Herr Dunkhase, Sie sind seit dem 1. Februar Leiter der Bereiche Technik, Entwicklung, Service – kennen aber die DDB in anderer Funktion schon recht lange – gibt es für Sie noch Spannendes in dieser Anfangszeit?

GD: In meiner bisherigen Funktion war ich ja vor allem für das DDB-Portal und die Suche der DDB zuständig. Natürlich habe ich mich in diesem Zusammenhang auch damit beschäftigt, wie die Daten und Objekte in die DDB kommen. Wie komplex die dafür notwendigen Prozesse und wie viele Kolleginnen und Kollegen daran beteiligt sind, war mir aber im Detail nicht bewusst. Hier die Abläufe, Prozesse und Arbeitsschritte besser kennenzulernen und zu verstehen, finde ich schon sehr spannend. Das alles nötigt mir höchsten Respekt vor der Arbeit der Kolleginnen und Kollegen ab. Ihre Arbeit ist die Grundlage dafür, dass es die DDB überhaupt gibt.

„Einschweißen von restaurierten Karten“, Deutsche Nationalbibliothek (Leipzig), 2018, Foto: Deutsche Digitale Bibliothek/Jürgen Keiper
„Einschweißen von restaurierten Karten“, Deutsche Nationalbibliothek (Leipzig), 2018, Foto: Deutsche Digitale Bibliothek/Jürgen Keiper

Womit beschäftigen Sie persönlich sich bzw. woran arbeiten Sie gerade?

JS: Wichtig war für mich zunächst, das Team in Berlin und die Kolleg*innen in Frankfurt (besser) kennenzulernen, schließlich arbeiten die meisten schon seit Gründung der Deutschen Digitalen Bibliothek zusammen. Neben der Übernahme des laufenden Geschäfts stehen Gespräche und intensive Lektüre im Vordergrund, schließlich ist in den zurückliegenden zehn Jahren in der Deutschen Digitalen Bibliothek einiges passiert. Zur Bestandsaufnahme gehört aber auch die Frage, wohin und wie sich die Deutsche Digitale Bibliothek in den nächsten Jahren entwickeln kann und vielleicht auch sollte. Mit meinem Kollegen Gerke Dunkhase stehe ich hier in intensivem Austausch. 

GD: Ein zentraler Punkt ist für mich natürlich, die Kolleginnen und Kollegen vor Ort in Frankfurt, bei den Fachstellen, in der Geschäftsstelle und bei unserem technischen Dienstleister, dem FIZ Karlsruhe, besser kennenzulernen. Zwar kenne ich die meisten Kolleginnen und Kollegen schon durch meine bisherige Arbeit, aber in meiner neuen Funktion als Leiter der Bereiche Technik, Entwicklung und Service ergeben sich doch ganz neue Aufgaben und Herausforderungen. Gleiches gilt für die Deutsche Nationalbibliothek (DNB), wo mein Bereich angesiedelt ist. Auch hier geht es darum, die Kolleginnen und Kollegen besser kennenzulernen und die DDB noch besser im Haus zu vernetzen.   

Auf der inhaltlichen Ebenen bereiten Frau Spohr und ich gerade einen neuen Strategieprozess vor. Wie reagiert die DDB auf neue Entwicklungen im Bereich der Digitalisierung von Kulturgut oder im Bereich der Künstlichen Intelligenz, um nur zwei Punkte zu nennen. Das sind Fragen, mit denen wir und alle Mitarbeiter*innen in Frankfurt und Berlin uns in diesem Jahr beschäftigen werden. Ziel ist es, bis Ende des Jahres eine Strategie für die DDB bis ins Jahr 2025 zu entwerfen.

Ein zweiter wichtiger Punkt ist die Durchführung von Nutzer- und Usability-Studien. Wir haben gerade eine groß angelegte Online-Umfrage über das DDB-Portal durchgeführt, aktuell führt das von uns damit beauftrage Marktforschungsinstitut Einzelinterviews und Usability-Tests mit ausgewählten Nutzer*innen durch. Die Ergebnisse wollen wir dafür nutzen, die Produkte und Entwicklungsvorhaben der DDB konsequent an den Anforderungen und Erwartungen der Nutzer*innen auszurichten. 

Für diejenigen, die die DDB vielleicht nicht kennen oder eher zufällig auf diesem Artikel gelandet sind: Was macht die Deutsche Digitale Bibliothek eigentlich? 

JS: Die DDB verfolgt im Wesentlichen drei Ziele: Sie macht digitalisierte Kulturobjekte zugänglich, vernetzt Kultur- und Wissenseinrichtungen, und sie ist ein wichtiger Akteur im Bereich der Standardisierung, insbesondere im Bereich Metadaten – diese müssen einheitlich sein, damit Nutzer*innen in unseren Datenbanken finden, was sie suchen. 

Zugänglichmachen heißt, dass die DDB digitalisierte Kulturobjekte über das Internet verfügbar, über eine Suche recherchierbar und, soweit rechtlich möglich, für berufliche wie für private Zwecke nachnutzbar macht. Zum Beispiel für die wissenschaftliche Forschung oder für die Verwendung auf der eigenen Webseite, für Publikationen oder für virtuelle Ausstellungen. 

GD: Und dies nicht nur über das DDB-Portal, sondern auch über eine Programmierschnittstelle, unsere API, über die jede*r Daten zu den Kulturobjekten in der DDB abrufen kann. Kulturobjekte umfasst dabei Bücher, Akten, Urkunden, Fotografien, Abbildungen von Museumsobjekten, Audios, Videos und vieles mehr. Außerdem ist die DDB der nationale Aggregator für das europäische Kulturportal Europeana.

„Bauchiger Krug auf schmalem Standring, runde Schultern, konischer Hals mit ausladendem Rand, angesetzter Ohrenhenkel, auf der Wandung gedrucktes florales Dekor. Gemarkt: „Muster-Schutz MGF“, Steingut, 1. Hälfte 20. Jh., Keramiksammlung, Museumsdorf Cloppenburg – Niedersächsisches Freilichtmuseum, 2015. Foto: Deutsche Digitale Bibliothek/Jürgen Keiper
„Bauchiger Krug auf schmalem Standring, runde Schultern, konischer Hals mit ausladendem Rand, angesetzter Ohrenhenkel, auf der Wandung gedrucktes florales Dekor. Gemarkt: „Muster-Schutz MGF“, Steingut, 1. Hälfte 20. Jh., Keramiksammlung, Museumsdorf Cloppenburg – Niedersächsisches Freilichtmuseum, 2015. Foto: Deutsche Digitale Bibliothek/Jürgen Keiper

Bei der DDB sind viele spannende Projekte und Themen entstanden oder im Entstehen begriffen: das Ausstellungstool DDBstudio, ein nationales Zeitungsportal oder der Kultur-Hackathon Coding da Vinci, gefördert von der Kulturstiftung des Bundes. Was versprechen Sie sich von diesen Projekten für die DDB?

JS: Mit DDBstudio können Kultureinrichtungen wie Museen, Archive, Bibliotheken oder Kulturstiftungen eigene virtuelle Ausstellungen erstellen. DDBstudio ist ein leicht bedienbares und vor allem kostenloses Angebot, das sich insbesondere an kleinere Einrichtungen richtet, die normalerweise nicht über die technische Ausstattung zum selbständigen Kuratieren virtueller Ausstellungen verfügen. Einzigartig an DDBstudio ist, dass damit die Objekte im DDB-Portal, die sonst einzeln für sich stehen, zu Geschichten miteinander verbunden werden können. Sie werden Bestandteil von erzählenden Ausstellungen, die wiederum für alle kostenfrei im Netz verfügbar sind. Die bereits veröffentlichten virtuellen Ausstellungen zeigen, dass dabei sehr spannende Geschichten herauskommen. 

GD: Das Zeitungsportal ist mit das wichtigste Entwicklungsvorhaben der DDB in diesem Jahr. Über das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderte Projekt sollen digitalisierte historische Zeitungen aus dem 17. bis 20. Jahrhundert über einen eigenen Bereich in der DDB zugänglich gemacht werden. Zu den meisten historischen Zeitungen wird es Volltexte geben. Das heißt, es können nicht nur die Metadaten, sondern im Gegensatz zur DDB auch die Inhalte der Zeitungen durchsucht werden. In das DDB-Zeitungsportal sollen mittelfristig auch regionale Zeitungsportale integriert werden, so dass es perspektivisch einen deutschlandweit einheitlichen Zugangspunkt für historische Zeitungen geben wird. Kurz: ein nationales Zeitungsportal. Mit seinem Korpus historischer Zeitungen ist das Zeitungsportal zudem ein wichtiges Angebot für die Wissenschaft. Die öffentliche Freischaltung des Zeitungsportals ist für Dezember 2020 vorgesehen.

JS: Ebenso wichtig ist Coding da Vinci (CdV), der erste deutsche Kultur-Hackathon. Bei einem Kultur-Hackathon treffen Kultureinrichtungen auf Programmierer*innen, um kreative Anwendungen wie Computerspiele oder Augmented-Reality-Apps zu entwickeln. Seit letztem Jahr ist das Projekt bei der Deutschen Digitalen Bibliothek in Frankfurt angesiedelt. Ende 2019 hat CdV erstmals Stipendien vergeben, die es ausgewählten Entwickler*innen ermöglichen, ihre Ideen voranzutreiben und zur Marktreife zu bringen. Ein schöner Nebeneffekt von Coding da Vinci ist, dass man über die Veranstaltungen Kultureinrichtungen für die DDB begeistern kann.

Welche Projekte und Themen werden in Zukunft darüber hinaus für die Deutsche Digitale Bibliothek wichtig werden bzw. sollen angegangen werden oder werden bereits angegangen?

JS: Ein zentrales Ziel der DDB muss es sein, unseren Nutzer*innen mehr hochauflösende Digitalisate zur Ansicht und, soweit rechtlich möglich, auch zum Download und zur Weiterverwendung anzubieten. Reine Vorschaubilder in niedriger Auflösung sind heutzutage eigentlich nicht mehr zeitgemäß. Das von Gerke Dunkhase schon erwähnte Zeitungsportal ist hier ein guter Anfang. Die Zeitungsausgaben werden als hochauflösende Bilddateien angeboten. Zusammen mit den über OCR (Optical Character Recognition) gewonnenen Volltexten bieten diese Objekte großartige Nutzungsoptionen für die Forschung ebenso wie für Bürger*innen, die sich für Genealogie oder Heimatforschung interessieren oder einfach in historischen Zeitungen stöbern möchten.  Ein weiteres Ziel ist der Relaunch der Webseite der DDB, um die Nutzung einfacher und intuitiver zu machen und so eine noch breitere Öffentlichkeit nachhaltig ansprechen zu können. 

GD: Ein anderes wichtiges Zukunftsthema für die DDB sind Normdaten. Die Personen- und Organisationsseiten in der DDB basieren schon jetzt auf den Normdaten der gemeinsamen Normdatei, kurz GND. Normdaten werden derzeit primär in Bibliotheken und teilweise in Archiven genutzt. Über das Projekt GND4C – GND für Kulturdaten, bei dem die DDB Projektpartner ist, sollen auch Kultureinrichtungen aus anderen Sparten für die Verwendung von Normdaten gewonnen werden. Durch die Anreicherung von Metadaten mit Normdaten lässt sich die Attraktivität der DDB deutlich steigern, sei es durch die Vernetzung von Objektseiten untereinander, sei es durch eine Verbesserung der Suchqualität. 

Magazin Altbestand in Ebene -2 (unterirdisch), Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, 2015. Foto: Deutsche Digitale Bibliothek/Jürgen Keiper
Magazin Altbestand in Ebene -2 (unterirdisch), Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, 2015. Foto: Deutsche Digitale Bibliothek/Jürgen Keiper

In der DDB sind mittlerweile (Stand März 2020) über 32 Millionen Datensätze, davon über 10 Millionen mit Digitalisat zugänglich. Gibt es einen Plan, wie das weitere Wachstum der DDB verlaufen soll?

GD: Natürlich ist es ein wichtiges Ziel, die Anzahl der Datenpartner und der Datensätze in der DDB weiter zu steigern. Früher war der so genannte Ingest hierfür eine Art Nadelöhr – zu manchen Zeiten konnten durch gebündelt hohe Nachfrage einfach keine Daten mehr „importiert“ werden. Durch die Umstellung auf eine neue Architektur, die Optimierung der Datenprozessierungs-Workflows und die Entwicklung der Administrationskomponente DDBdash konnten wir den Datendurchfluss deutlich erhöhen. Um die Effizienz unserer Zulieferprozesse weiter zu steigern, wurde zudem im Oktober 2019 die Fachstelle Aggregatoren ins Leben gerufen. Mit der Fachstelle wollen wir verstärkt Aggregatoren als Datengeber ansprechen und für die DDB gewinnen. 

Genauso wichtig wie die Erhöhung der Quantität ist die Verbesserung der Qualität der Daten. Hierzu dient unter anderem die Vorprozessierung der Daten in den Fachstellen und der Servicestelle, zum Beispiel um sie mit Normdaten anzureichern.

Welche Chancen bieten offene Kulturdaten aus Ihrer Sicht und welche Rolle spielt die DDB bei der Bereitstellung offener Daten?

JS: Offene Kulturdaten spielen für die DDB eine sehr große Rolle. Ein Projekt wie Coding da Vinci, über das wir ja schon gesprochen haben, wäre ohne offene Kulturdaten gar nicht möglich. Über die Programmierschnittstelle der DDB, unsere API, kann jeder auf die Daten der DDB zugreifen und sie für eigene Anwendungen verwenden. Generell ist die Nachnutzbarkeit der Daten ein zentrales strategisches Ziel der DDB, hier nehmen wir unseren Auftrag, das deutsche Kulturerbe digital zugänglich zu machen, sehr ernst. 

GD: Im Zeitungsportal, um ein anderes Beispiel zu nennen, sind alle Daten mit CC Zero lizenziert und können uneingeschränkt verwendet, bearbeitet und weiter veröffentlicht werden. Das ist insbesondere für die Zielgruppe Wissenschaft wichtig, die für ihre Forschung auf große Textkorpora offener Kulturdaten angewiesen ist.

Ganz generell: Was wünschen Sie sich für die Entwicklung der Deutschen Digitalen Bibliothek?

JS: In erster Linie wünsche ich mir für die DDB einen höheren Bekanntheitsgrad, sowohl in der Fachöffentlichkeit, in Wissenschaft und Bildung, als auch in der allgemeinen kulturinteressierten Öffentlichkeit. 

GD: Die DDB soll die zentrale Anlaufstelle bei der Suche nach digitalisiertem Kulturgut werden und gleichzeitig Bezüge und Vernetzungen zwischen den Objekten unterschiedlicher Kultureinrichtungen herstellen. Vor allem soll die DDB ein Werkzeug sein, das man nutzen und mit dem man arbeiten kann. Das sind die Ziele, auf die wir hinarbeiten.

Wir danken Ihnen für das Gespräch!

 

Die Fragen stellte Wiebke Hauschildt (Online-Redaktion).