„Da, wo Sprache ist, ist Welt“: Die Deutsche Digitale Bibliothek bei „Zugang gestalten!“

Die Digitalisierung hat in den letzten Jahren den Zugang zum kulturellen Erbe erheblich erleichtert. Was hat sich in Museen, Archiven und Bibliotheken verändert? Auf der vierten internationalen Konferenz "Zugang gestalten! Mehr Verantwortung für das kulturelle Erbe" steht die Zustandsanalyse zahlreicher Digitalisierungsprojekte zum kulturellen Erbe im Zentrum.

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Wo stehen wir heute, was sind die Erfolge, wo liegen die Probleme, welche Anstrengungen sind gescheitert? Zum 4. Mal werden auf der von Dr. Paul Klimpel geleiteten Konferenz mit der Digitalisierung zusammenhängende Chancen, Hindernisse, Herausforderungen und Veränderungen von Bibliotheken, Archiven und Museen diskutiert.

Der Exkurs

Die Deutsche Digitale Bibliothek ist zum zweiten Mal Mitveranstalter der Konferenz und lädt in Kooperation mit dem Projekt Deutsch 3.0 des Goethe Instituts zu einem Exkurs zu dem Thema „Wissen – Sprache – Digital“ ein.

Wissenssystematisierung und Spracharbeit stellen zentrale Aspekte bei der Zugänglichmachung von digitalen Inhalten dar und haben wesentlich mit Standardisierung von Sprache zu tun.

Der Prozess der Standardisierung von Sprache war schon einmal von großer Bedeutung. In Deutschland zeugen davon exemplarisch die Bibelübersetzung von Luther ebenso wie die Wörterbücher von Johann Christoph Adelung, der Gebrüder Grimm oder Konrad Duden. Heute, am Anfang des 21. Jahrhunderts, stehen wir erneut vor den Herausforderungen einer Sprachstandardisierung. Wiederum ordnet Sprache die Welt und wir ordnen die Sprache. Diesmal in der digitalen Welt.

Der Exkurs „Sprache – Wissen – Digital“ geht solchen Fragestellungen nach und stellt Projekte vor, die diesen Aspekt – wie Standardisierung von "Sprache" Zugang erleichtert bzw. möglich macht – besonders vorbildlich umgesetzt haben.

Ein Einstieg

Als kleinen Einstieg in den Exkurs haben wir mit Astrid B. Müller, Koordinatorin des Exkurses und verantwortlich für Kommunikation und Marketing der Deutschen Digitalen Bibliothek, sowie mit Rolf C. Peter, Projektleiter des Projektes Deutsch 3.0 des Goethe Instituts gesprochen – über „digitale Sprachschwierigkeiten“ und warum Sprache so essentiell für die Zugänglichmachung von kulturellem Erbe ist.

Die Konferenz „Zugang gestalten!“ beschäftigt sich mit dem Thema der Digitalisierung und der damit einhergehenden Erleichterung, was den Zugang zum kulturellen Erbe betrifft. Wie passt der Exkurs „Wissen – Sprache – Digital“ da rein?

Astrid B. Müller: „Wir befassen  uns in diesem Exkurs mit wesentlichen Voraussetzungen, die geschaffen werden müssen, um Zugang zum digitalen kulturellen Erbe möglich zu machen. Es sind nämlich all die Dinge und die Arbeiten, die „vor“ dem Zugang, also vor dem „Zugriff“ auf digitale Inhalte liegen.  Informationen verfügbar und auffindbar zu machen hat sehr viel mit der Beschreibung der Informationen selbst zu tun, der Standardisierung von Metadaten und ähnlichen Aspekten.

Sprache spielt dabei eine besondere Rolle. Einmal ist die Standardisierung der Metadaten mit sehr viel Arbeit in Thesauri, Wortlisten, Normdaten, also  Sprach- und Wissenssystematisierung, verbunden. Hier geht es auch um Reduzierung der Komplexität der Welt und andererseits um das Synchronisieren von verschiedenen Bedeutungsfeldern. Außerdem spielt Sprache im digitalen Raum noch eine andere wichtige Rolle. Es ist der Aspekt der Mehrsprachigkeit, der uns in der digitalen Welt vielleicht deutlicher wird als in der realen Welt:  Obwohl die digitale Welt im Prinzip ohne Grenzen – und  auch ohne Sprachgrenzen – existiert, ist  Mehrsprachigkeit deshalb  nicht selbstverständlich, sondern muss erst hergestellt werden. Es geht darum,   Zugang aus verschiedenen Sprachen auf digitales Kulturerbe und digitale Informationen zu ermöglichen, die zum Beispiel nur in einer oder wenigen Sprachen verfügbar sind.

Insofern stellt das Thema des Exkurses, das sich verschiedenen Aspekten von Spracharbeit widmet, einen wichtigen Ausgangspunkt dar, wenn es darum geht, Kulturerbe digital verfügbar zu machen.“

Wie passt das Projekt Deutsch 3.0 des Goethe Instituts in diesen gemeinsamen Exkurs "Wissen - Sprache - Digital" hinein?

Rolf C. Peter: „Unsere Sprache wird häufig als unser kulturelles Gedächtnis bezeichnet, insofern bietet sich die Verbindung zum Thema Sprache bei der Betrachtung unseres kulturellen Erbes geradezu an. Aber auch aus ganz pragmatischen Gesichtspunkten kommt der Sprache hierbei eine zentrale Bedeutung zu: Kommunikationsfähigkeit über komplexe Sachverhalte in der eigenen Sprache ist eine wesentliche Voraussetzung für die Wissenssystematisierung. Der Aspekt der Standardisierung von Sprache ist konstitutiv für die Zugänglichmachung von Inhalten. Diese einerseits kulturellen und zugleich anderseits auch funktionalen Aspekte von Sprache sichtbar zu machen ist wesentlich wenn wir über die Zukunft der deutschen Sprache, und das ist die Idee von DEUTSCH 3.0, nachdenken und diskutieren wollen.“

Welche Erkenntnisse bzw. weiteren Vorgehensweisen wären wünschenswerte Ergebnisse des Exkurses?

Astrid B. Müller: „Ich wünsche mir, dass wir mit diesem Exkurs zeigen können, wie wichtig die „Handarbeit“ und die Denkarbeit – oder, wenn Sie so wollen, die „nicht sichtbare Arbeit“ ist. Digitalisierung wird oftmals  mit sehr technischen  Vorstellungen und Begriffen verbunden, was sie ja auch ist. Dieser Exkurs soll einmal zeigen, dass neben den  hochkomplexen technischen Aspekten auch eine enorme Arbeit notwendig ist, die nicht direkt am zugänglich gemachten Kulturgut „sichtbar“ ist. Mit der Deutschen Digitalen Bibliothek wird ein Portal aufgebaut, auf dem das digitale Kulturerbe der deutschen Kultur- und Wissenschaftseinrichtungen zentral zugänglich gemacht wird,  und dafür – und das ist ein weiterer wichtiger Aspekt ihrer Arbeit – wird in dem Netzwerk und mit allen Kultursparten auch diese, wenn Sie so wollen „nicht sichtbare“ aber enorm  wichtige Arbeit getan,  die dann wiederum  technisch verarbeitet und umgesetzt werden muss…

Welcher Aspekt oder Prozess von Sprache ist für Sie besonders faszinierend?

Astrid B. Müller: „Mich fasziniert an diesem Exkurs eigentlich die ganz lapidare Erkenntnis: Da, wo Sprache ist, ist Welt...

Wenn man ins Ausland fährt und  die Sprache nicht oder nicht gut spricht, spüre ich immer sofort, dass die Welt zu Ende zu sein scheint, wo die Sprache aufhört. Diese Weltentdeckung oder eben, dass das Ende der Welt und der Sprache vielleicht auch kongruent gehen, ist das, was mich persönlich an diesem Exkurs fasziniert.“

Rolf C. Peter: „Die Lebendigkeit und damit die Anpassungsfähigkeit von Sprache an die sich verändernden Kommunikationsgefüge und den kommunikativen Bedarf ihrer Sprecher. Es ist immer wieder erhellend zu sehen, wie sich Sprache anpasst. Die deutsche Sprache ist aufgrund ihrer Struktur hierfür besonders prädestiniert: Denken wir nur an so wunderbare Komposita wie Zeitgeist, Luftbuchung oder Gedankenexperiment.“

Herr Peter, wie bewerten Sie das Kooperationsprojekt „Deutsche Digitale Bibliothek“ und den Auftrag, das kulturelle Erbe Deutschlands online zugänglich zu machen?

Rolf C. Peter: „Die Deutsche Digitale Bibliothek ist ein Projekt, dessen Umfang und Möglichkeiten unbegrenzt erscheinen. Es wird dauerhafte Wirkung in die deutsche Zivilgesellschaft, in Forschung und in die Lehre entfalten und für beide Aspekte ein überaus nützliches Instrument darstellen. Es bietet bisher ungeahnte Zugänge nicht nur zu Texten, sondern zu Objekten und zu Prozessen, die vorher so nicht möglich waren. Für Nutzer und Nutzerinnen außerhalb Deutschlands ist die Deutsche Digitale Bibliothek bereits jetzt DER freie Zugang zum kulturellen Erbe unseres Landes, der ihnen vorher aus Gründen der räumlichen Entfernung, zu hoher Kosten etc. verwehrt geblieben ist. Die Deutsche Digitale Bibliothek schafft mit ihrem umfassenden Ansatz einen völlig neuen und niederschwelligen Zugang zur deutschen Geschichte, aus der sich letztlich auch unsere Gegenwart erklärt.“

 

Wissen – Sprache – Digital
Exkurs im Rahmen der Konferenz „Zugang gestalten!“

14. November 2014
11:30 bis 12:30 Uhr

 

Thorsten Siegmann, Projektleiter Europeana 1914-1918 der Staatsbibliothek zu Berlin
Über die Sprachen hinweg: Zugang durch mehrsprachige Schlagwörter. sprachübergreifende Vernetzung von ursprünglich einsprachigen Metadaten im europäischen Kontext auf www.europeana1914-1918.eu/

 

Prof. Monika Hagedorn-Saupe, Stellvertretende Leiterin des Instituts für Museumsforschung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz
Der Art & Architecture Thesaurus des Getty Research Institut: Das umfassende mehrsprachige kulturhistorische Vokabular und bespielhafte digitale Anwendungen für den Zugang zum kulturellen Erbe.

 

John Van Oudenaren, Director, World Digital Library
The World Digital Library: Multilingualism for Global Cultural Access

 

Moderation:
Astrid B. Müller, Kommunikation, Presse, Marketing, Deutsche Digitale Bibliothek

 

Hier geht’s zum gesamten Programm

Die Konferenz wird in diesem Jahr getragen von der Stiftung Preußischer KulturbesitzDigiS – Servicestelle Digitalisierung Berlin, der Deutschen Digitalen Bibliothek, dem Internet & Gesellschaft Collaboratory e.V., iRight.info, dem Jüdischen Museum Berlin, dem Museum für Naturkunde Berlin, dem Netzwerk Mediatheken, der Open Knowledge Foundation Deutschland, der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, der Stiftung Historische Museen Hamburg und Wikimedia Deutschland e.V.

Was:
Konferenz "Zugang gestalten! Mehr Verantwortung für das kulturelle Erbe"

Wann:
13./14. November 2014
Wo:
Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart Berlin
Invalidenstraße 50–51, 10557 Berlin 

Anmeldung bitte unter: www.zugang-gestalten.de/registrierung

 

 

 


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