Von Karl May bis zur DEFA: Redface im deutschen Film

08.01.2026 Sabrina Vetter (Gastbeitrag)

Unter den Erfolgen des deutschsprachigen Films finden sich auch Wild-West-Geschichten über Abenteurer, Cowboys, indigene Prärie-Kulturen und Mythen des nordamerikanischen, kolonialen Frontiergedankens um Individualismus und Fortschritt. Von Karl May bis zur DEFA erzählt das deutsche Kino von Figuren wie Winnetou und Weitspähender Falke, von „Häuptlingen“ und „Halbbluten“ und über Schätze im Silbersee und Söhnen einer großen Bärin. Diese fantastischen Geschichten über indigene Lebenswelten im Wilden Westen sind dabei eng verbunden mit der Praxis des Redface, bei der nicht-indigene Schauspieler*innen in indigenen Rollen auftreten. 

Stereotype, Tropes und Karikaturen von Prärie-Kulturen finden sich zahlreich in der Filmgeschichte: edle Wilde, blutrünstige Krieger, unzivilisierte Barbaren. Charaktertypen, die klischeehafte und rassistische Wahrnehmungen indigener Lebenswelten Nord- und Südamerikas befeuern. Besonders im Western-Genre spielen diese Darstellungen bereits seit den frühesten Jahren des Kinos eine zentrale Rolle und von Beginn an waren nicht-indigene Schauspieler*innen als indigene Charaktere zu sehen.

Diese Praxis des Redface kann verschiedene (und verschieden starke) Ausprägungen haben, meist aber wird sie umschrieben durch Färbung der Haut mit Make-up, gebrochenen Sprachgebrauch, Langhaarperücken mit Federschmuck (oft mit einem Stirnband versehen oder bei weiblichen Figuren zu Zöpfen geflochten) und Kleidung in Leder- und Felloptik – bestückt mit Fransen und Stickereien, die für Native Americans eigentlich praktische wie auch kulturelle Funktionen erfüllen.

Vor allem bei der Darstellung von Prärie-Kulturen des 17. bis 19. Jahrhunderts dienen Quillwork und Featherwork, Headdresses (auch Warbonnets genannt) und Segeltuch-Tipis als Grundlage für stereotypisierte, homogene Bilder verschiedenster Lebenswelten in den Great Plains Nordamerikas.

Buffalo Bills Wilder Westen oder die Mythen der Prärie

Eine Kommerzialisierung der Prärie-Kulturen hat ihren Weg nach Europa zunächst über die Shows des Schaustellers William Cody gefunden. Bekannt als Buffalo Bill – ein Spitz- und Künstlername, der seinen Ursprung in Codys Ruf als erfolgreicher Bisonjäger im Zuge der Beinaheauslöschung der Tiere Mitte des 19. Jahrhundert hat – gründet Cody 1883 die Wild-West-Show Buffalo Bill's Wild West in der Tradition des Vaudeville-Theaters mit Freilichtbühnenauftritten, Postkutschen-Paraden, Rodeos, Schießwettbewerben (u. a. mit der Kunstschützin Annie Oakley) und Tier- und Dressurshows.

Als eine Art Walt Disney seiner Zeit erschuf Cody ein Entertainment-Imperium. Nur drehte sich hier nicht alles um eine Maus, sondern um den Wilden Westen inklusive seiner Mythen des Frontiers, darunter der Siedlerglaube an eine Manifest Destiny und Charaktertypen, die gen westwärts des Mississippis ziehen, um ein vermeintlich unbesiedeltes Land zu erschließen. Die von Cody erschaffene Figur Buffalo Bill wird seinerzeit selbst zum Symbolbild jenes Abenteurers, der den Wilden Westen, diesen alten Westen, zu dem gemacht hat, als was er wahrgenommen wurde ein weites, unerschlossenes Land, auf dem Bisons grasen, Planwagen kreuzen und Cowboys und Entdecker den Frontiergedanken vorantragen, notfalls mit Gewalt und ohne Recht und Ordnung.

Die Bösen waren die anderen: Stereotype Darstellungen von Zulukriegern, mexikanischen Vaqueros und indigenen Prärie-Kulturen waren fester Bestandteil der Wild-West-Show.

In diesen Inszenierungen von Gut gegen Böse war vor allem das Aufeinandertreffen von heldenhaften Cowboys und „wilden“ Prärie-Native-Americans vorrangig: Eine der großen „Attraktionen“ von Buffalo Bill's Wild West war Hunkpapa-Lakota-Anführer Sitting Bull, der die Rolle als Feind des überlegenen Buffalo Bills einnahm.

Auch die Nachstellung von Codys Mord an dem Cheyenne Hay-o-wie im Zuge von Custer's Last Stand (auch: Schlacht am Little Bighorn) ist ein Dreh- und Angelpunkt der frühen Ära von Buffalo Bill's Wild West. Das Publikum war zu einer Zeit, in der sich die Symbole des Wilden Westens bereits deutlich im Wandel befanden und das Ende des American Frontiers nahte, begeistert.

Während William Cody sich bei der Besetzung von verschiedenen Rollen stark auf Native American Wild Westers stützte, haben diese Wild-West-Shows mindestens das Bild des „wilden“ Prärie-Indigenen deutlich geprägt und schließlich in das kollektive Gedächtnis des weißen Siedler-Amerikas gebracht. Diesen nordamerikanischen Frontiergedanken und seine Symbolbilder trägt William Cody schlussendlich in die Welt, reist mit seiner Show u. a. im Jahr 1890 durch verschiedene deutsche Städte. Somit markiert Buffalo Bill's Wild West auch außerhalb des nordamerikanischen Kontinents eine Art Geburtsstunde des Tropes der Cowboys und Indianer, das später u. a. zum beliebten Kinderspiel und Faschingskostüm werden wird.

Karl Mays Legenden

Auch in Deutschland findet sich eine ähnliche Legendenbildung wie die des Buffalo Bills, inklusive Wilder Westen, Prärie-Kulturen und Abenteurern. Durch seine Erzählungen über ferne Länder des „Orients“, abenteuerliche Westmänner und wortkarge Häuptlinge sowie mit der späteren Selbstinszenierung in der „Old-Shatterhand-Legende“ schafft May ab Mitte der 1870er ein Fantasiegebilde um die Reiseerzählungen seiner Ich-Erzähler und verkauft sie als Abenteuer, die auf wahren Begebenheiten beruhen. Mays literarisches Werk verbreitet Mythen über einen „exotischen“ Orient und einen heroischen Wilden Westen, die in Deutschland noch bis heute wirken.

Vor allem Mays Geschichten um den Apachenhäuptling Winnetou und seinen Blutsbruder Old Shatterhand zeigen sich als Pendant zu Sitting Bull und Buffalo Bill. Trotz der Parallelen in der Fantastik von Cody und Mays Schöpfungen schafft May auch Unterschiede zu den nordamerikanischen Geschichten über Gut gegen Böse im Wilden Westen. Winnetou ist kein blutrünstiger Krieger, sondern entspricht dem Bild des edlen Wilden: tapfer, wortkarg, ehrlich, kämpferisch, aber selten brutal. Allein durch diese Figur hat Karl May in Deutschland ein homogenes Bild von Native Americans als Prärie-Kultur nachhaltig geprägt. 

Redface von Karl May bis zur DEFA

Als 1962 Harald Reinls Verfilmung von Mays Buch Der Schatz im Silbersee in die Kinos der Bundesrepublik kommt, leitet er ein neues Filmgenre ein. Der Begriff „Karl-May-Verfilmung“ ist nahezu synonym mit jener Art von deutschem Westernfilm, der sich in die Reihe von versöhnlichen, „heile Welt“ Historien- und Heimatfilmen der Nachkriegszeit einreiht. Für das Setting im Wilden Westen wurde meist in Kroatien gedreht, produziert hat die Berliner Rialto Film GmbH. Gleichzeitig ist Der Schatz im Silbersee der erste Filmauftritt von Mays fiktivem Apachenhäuptling Winnetou.

Vor den atemberaubenden Kulissen Osteuropas, die die nordamerikanischen Prärien westlich des Mississippis des 19. Jahrhunderts imitieren sollen, treffen Old Shatterhand und Winnetou aufeinander, um einen Schatz am geheimnisvollen Silbersee aufzuspüren, noch bevor eine Bande Banditen ihn zuerst erreicht. Mays Ich-Erzähler Old Shatterhand wird vom US-Amerikaner Lex Barker verkörpert, Pierre Brice absolviert seinen ersten Auftritt als Winnetou. Dieser erste Winnetou-Film erreicht über 3 Millionen Zuschauer*innen, spielt 6,4 Millionen DM ein und macht Brice zum Star der damaligen BRAVO-Generation inklusive mehrerer BRAVO-Ottos, deren heute noch aktueller Look dem Filmcharakter angepasst wurde.

Der französische Schauspieler wird Winnetou noch in elf weiteren Karl-May-Verfilmungen in Redface verkörpern. Neben Brice treten in diesen Western auch andere weiße Schauspieler*innen in den Rollen der indigenen Figuren auf, darunter auch Namen wie Uschi Glas, Marie Versini und Karin Dor.

Während sich das Filmschaffen in der BRD auf die Karl-May-Western konzentriert, kommen in der DDR die sogenannten „DEFA-Indianerfilme“ auf. Im Gegensatz zur BRD genießt Karl May weder schriftstellerisches Ansehen noch hohe Verkaufszahlen in der DDR. Der Grund: Hitler, Göring und Himmler waren unter den Nationalsozialisten, die Mays Geschichten um den exotischen Orient und den Wilden Westen nur allzu gerne lasen. Zwar sind Mays Arbeiten in der DDR nie verboten, seine Bücher werden dort aber lange nicht gedruckt und erst in den 1980er Jahren schaffen es die Karl-May-Verfilmungen in die Kinos der DDR.

Die DEFA-Filme präsentieren sich als um eine vorgebliche Authentizität bemüht, geben vor, auf historischen Fakten zu basieren und wahren Begebenheiten zu entsprechen. Sie wollen nicht dem Aberglauben des „Gute gegen Böse“ des westlichen Amerikas folgen, sondern über die „wahren“ Lebenswelten der Prärie-Kulturen berichten. Nach der Zäsur durch das 11. ZK-Plenums 1965, bei dem 12 DEFA-Filme verboten wurden, sind sie außerdem willkommenes filmisches Kulturgut. Denn im sozialistischen Antiimperialismus der DDR zählen Native Americans auch als Projektionsfläche: Ein unterdrücktes Volk behauptet sich gegen Imperialisten und wehrt sich gegen die Ausbeutung des eigenen Landes. So treffen in diesen DEFA-Filmen Unterhaltungsanspruch und ideologischer Auftrag aufeinander.

Diese Abkehr von der Hollywood-Unterhaltungsmaschinerie und US-amerikanischen Vorgängerfilmen zeigte sich auch in der Wahrnehmung und Einordnung der Genres: Gesehen wurden die DEFA-Filme nicht als Western (dieser Begriff war sogar eher verpönt), sondern als Abenteuerfilme oder historische Spielfilme mit einem Setting im Wilden Westen. Allerdings ohne raue Cowboyfiguren als zentrale Figuren, sondern mit einem Blick auf das Leben der indigenen Figuren. Im englischsprachigen Raum werden die DEFA-Filme meist dem Genre der Red Western zugeordnet. Was sie mit den Karl-May-Verfilmungen allerdings teilen sind die Drehorte in Jugoslawien.

Der Star der DEFA-Filme war der Serbe Gojko Mitić. In beinahe jedem Film des Genres ist er zu sehen, immer in der Rolle eines anderen Häuptlings. Mit Die Söhne der Großen Bärin (1966) startete die Reihe, die in den 1980ern ihr Ende fand. Allein in der DDR sehen den Film acht Millionen Besucher*innen. Zuvor spielt Mitić bereits in den Karl-May-Verfilmungen der BRD mit, war auch in Winnetou 2. Teil (1964) als Weißer Rabe und Unter Geiern (1964) als Wokadeh in Redface zu sehen. Mitić‘ Interpretationen der Häuptlinge sind physisch imposanter als Brices Winnetou, die Stunts des Schauspielers umfassen Pferderitte, Bogenschießen, Kampfszenen. Der „Winnetou des Ostens“, so Mitić‘ Spitzname, spielt Charaktere, die oft eher grober Abenteurer als zaghafter Häuptling waren, sie benutzen Fäuste wie auch Schusswaffen. Trotz dieser Unterschiede in der Charakterzeichnung tritt auch Mitić mit gefärbter Haut, Langhaarperücken und kulturell nicht eingeordneten Stickereien und Federschmuck auf.

Schließlich wird sich der Kreis zwischen BRD- und DDR-Filmen um Prärie-Kulturen schließen: Gojko Mitić wird bei den Karl-May-Festspielen in Bad Segeberg der Nachfolger von Pierre Brice und spielt Winnetou von 1992 bis 2006. Die seit dem 2. Weltkrieg von Mays Geschichten geprägte Freilichtbühnenkultur Deutschlands stellt auch heute noch Inszenierungen mit Redface um die Figur des Winnetous in den Mittelpunkt.

Zur Autorin: Nach ihrem Studium der Amerikanistik und Anglistik an der Goethe-Universität Frankfurt am Main hat Sabrina Vetter dort ihre Dissertation über Darstellungen von indigenen Körpern in verschiedenen Medien im Jahr 2025 erfolgreich abgeschlossen. Sabrina arbeitet in den Bereichen Film und Literatur, u. a. als Teil der Redaktion von und Filmkritikerin bei FILMLÖWIN – Das feministische Filmmagazin. Sie schaut und schreibt gerne über Filme von und für FLINTAs.

 

Quellen

„26. Februar 1846 – Geburtstag von William Frederick Cody (‚Buffalo Bill‘)“, WDR, 26.02.2021 www1.wdr.de/stichtag/stichtag-william-frederick-cody-100.html

„DEFA-Indianerfilme“, Google Arts & Cultures, artsandculture.google.com/story/defa-indianerfilme-defa-foundation/-AXxVBhH2vfFIA?hl=de

„Die DEFA-Indianerfilme: ‚Synthese aus Karl Marx und Karl May‘“, MDR, 02.12.2021 www.mdr.de/geschichte/ddr/politik-gesellschaft/kultur/defa-filme-indianer-ideologie-100.html

Karl-May-Wiki

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Hugi, Sonja. „Das 11. Plenum des ZK der SED“, bpb, 30.12.2019 www.bpb.de/themen/deutsche-teilung/ddr-kompakt/522094/das-11-plenum-des-zk-der-sed/

Lesso, Rosie. „Deep Roots: Embroidery in the United States”, The Thread, 09.12.2021 (englisch) blog.fabrics-store.com/2021/12/09/deep-roots-embroidery-in-the-united-states/

Morton, John. “Red Westerns“, East German Cinema Blog, 10.12.2023 eastgermancinema.com/2023/12/10/red-western/

Nuemczyk, Ralp. „Winnetou-Debatte: ‚Hitler und Himmler waren große Karl-May-Fans‘“, Rolling Stone, 25.08.2022 www.rollingstone.de/winnetou-debatte-hitler-und-himmler-waren-grosse-karl-may-fans-2488177

Olou, Ijeoma, „What the True Story of Buffalo Bill Reveals About the Myth of the Wild West”, Time, 12.11.2021 (englisch) time.com/6114737/buffalo-bill-cody-wild-west-myth 

Schütz, Erhard. „Der Führer liest Karl May“, der Freitag, 19.09.2010 www.freitag.de/autoren/erhard-schuetz/der-fuhrer-liest-karl-may  

Steve Sews Stuff, “The Significance of Fringes in Native American Clothing”, 24.09.2023 (englisch) www.stevesews.com/the-significance-of-fringes-in-native-american-clothing/?srsltid=AfmBOormLLsBPApo3cLSOiAs9fvcVnBLno3Dre48iqepUCANdbspOKZq 

Wahl, Mariah. „Native Performance and Identity in The Wild West Show”, University of Southern California, 12.06.2021 (englisch) scalar.usc.edu/works/circus-route-books-project/native-performance-in-the-wild-west

Wikipedia – Buffalo Bill (englisch)

Wikipedia – Prärie-Kulturen
    
Wikipedia – Manifest Destiny (englisch)

Zengel, Philip. „Die Söhne der großen Bärin“, DEFA-Stiftung, Juni 2020 www.defa-stiftung.de/stiftung/aktuelles/film-des-monats/die-soehne-der-grossen-baerin/ 

 

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