Sind ADHS, Autismus und andere Neurodivergenzen ein Thema für das Kulturerbe?

09.12.2025 Jens Crueger (Gastbeitrag)

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Neurodivergenzen wie ADHS und Autismus sind medial derzeit hoch im Kurs. Sichtbarkeit in den Sozialen Medien  und steigende Zahlen diagnostizierter Personen, darunter auch zahlreiche spätdiagnostizierte Erwachsene, tragen das Thema in die allgemeine Öffentlichkeit. Neben ADHS und Autismus zählen zahlreiche weitere Phänomene dazu, insgesamt betrifft dies etwa 25% der Bevölkerung. 

Seit den 1990er-Jahren entwickelt sich unter neurodivergenten Personen eine Bewegung, die sich von der Vorstellung abgrenzt, bei Neurodivergenzen handele es sich um Krankheiten oder Defizite. Der pathologisierende und oftmals moralisch-überhebliche Blick auf neurodivergente Personen und deren Verhalten weicht so zunehmend einem neuen Verständnis von Neurodiversität: Der Defizitperspektive tritt eine Unterschiedsperspektive entgegen. Für diese Unterschiedsperspektive wird das neurodiverse Kulturerbe relevant und wertvoll. Fragen, die an ein neurodiverses kulturelles Erbe gerichtet werden können, sind vielfältig. Welchen Anteil am kulturellen Erbe hatten und haben neurodivergente Personen? Inwiefern spiegelt sich im historischen Kulturerbe die Neurodiversität vergangener Gesellschaften? Welche Teile des Kulturerbes wären ohne Neurodivergenz gar nicht denkbar? Ein Katalog solcher Fragen, der aus der neurodiversen Community sowie von Dritten mit unterschiedlichen Perspektiven gefüllt werden sollte, wäre eine wichtige Grundlage für den künftigen Umgang mit dem neurodiversen Kulturerbe. 

 

Literarische Figuren als Anknüpfungspunkt

Die literarische Figur des Zappelphilipps kann als ein Teil des neurodiversen Kulturerbes in Betracht gezogen werden. Laut Duden ist ein Zappelphilipp ein zappeliges Kind. Die Wikipedia verweist bereits auf zwei Bedeutungen: Einerseits handele es sich um die „Hauptfigur aus Die Geschichte vom Zappel-Philipp aus dem Kinderbuch Struwwelpeter (1845)“, andererseits um „eine volkstümliche Umschreibung für Personen mit Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung“.

Für die gesellschaftliche Alltagswahrnehmung von ADHS und das niedrigschwellige Sprechen darüber ist die Figur des Zappelphilipps sicherlich relevant. Für Menschen, denen ein tieferes Verständnis von Neurodivergenzen und dem Konzept der Neurodiversität fehlt, ist der sprichwörtliche Zappelphilipp ein Zugang, um ADHS ansatzweise einordnen zu können. Dies geschieht allerdings auf Kosten einer Verkürzung des komplexen Phänomens ADHS auf die Symptome Impulsivität und Hyperaktivität. ADHS wird umgangssprachlich gar als „Zappelphilipp-Syndrom“ bezeichnet. Ob der Zappelphilipp aber mehrheitlich eine moralisierend-negative, eine neutrale oder gar eine positive Lesart findet, wird vermutlich auch Ergebnis dessen sein, wie sich der gesellschaftliche Diskurs um die Neurodivergenzen weiterentwickelt.

 

Ein Blick auf historische Personen im Kulturerbe 

Der Schriftsteller Heinrich von Kleist (1777-1811), schloss nie eine Ausbildung ab. Er fand im Laufe seiner kaum 35 Lebensjahre weder eine dauerhafte Anstellung, noch einen festen Lebensmittelpunkt, kein auskömmliches Einkommen und auch kein persönliches Glück. Seine euphorischen Ideen und Ankündigungen standen im Kontrast zu den Abbrüchen und Umbrüchen, die seinen Lebensweg prägten. Sein Lebenslauf irritiert Beobachter*innen bis heute, und der Kleistforschung fehlen die passenden Worte dafür. Wäre ein Kleist’scher Lebenswandel durch die Brille der Neurodivergenzen vielleicht besser zu verstehen? Wäre das überhaupt ethisch vertretbar? Erst zwei Jahre vor Kleists Geburt wurde 1775 erstmals der „Mangel der Aufmerksamkeit, Zerstreuung, Attentio volubilis“ (lat. unbeständige Anspannung/Aufmerksamkeit) medizinisch beschrieben. Mit dem heutigen Kenntnisstand retrospektive Diagnosen für historische Personen vorzunehmen, wird von der Medizingeschichtsforschung äußerst ablehnend betrachtet. Ein solches Vorgehen entspreche nicht dem methodischen Reflexionsstand des Faches (vgl. Stolberg 2012). Um ein Kulturerbe der Neurodiversität zu konstruieren, bedarf es aber überhaupt keiner (retrospektiven) Diagnose. Die Lebenswege und das kulturelle Schaffen historischer Personen können Facetten repräsentieren, die für das neurodiverse Kulturerbe bedeutungsvoll sind. Dafür sind weder eine Diagnose noch eine anderweitige Zugehörigkeitserklärung jener historischen Personen erforderlich.

 

 

Geht man diesen gedanklichen Weg weiter, so ist die Inklusivität und Repräsentativität des neurodiversen Kulturerbes notwendige Bedingung für dessen Akzeptanz. Ada Lovelace (1815-1852), eine der großen frühen Mathematikerinnen, wird aus der Neurodiversitätsbewegung heraus als eine mutmaßlich autistische Person gelesen.

Ihr Beitrag für die Mathematik und die Informatikgeschichte, bei der sich ihr Hyperfokus und ihre Mustererkennung als besonders wertvoll erwiesen haben, sind für sich genommen herausragend. Wird sie als Autistin gelesen, so rücken dadurch noch weitere Aspekte ihres Lebensweges potentiell ins Blickfeld. Die kleinen und großen Herausforderungen und Barrieren, die eine nicht auf Neurodiversität ausgelegte Alltagswelt für neurodivergente Menschen bereithält, könnten am Beispiel historischer Personen wie Ada Lovelace tiefer reflektiert werden.

Auch Marie Curie (1867-1934) wird öfter als Autistin gelesen. Ihre Erfolge in Physik und Chemie wurden mit den Nobelpreisen für diese beiden Fächer gewürdigt, ihre herausragende Position als Wissenschaftlerin ist unstrittig. Ist ihre Person überdies für ein neurodiverses Kulturerbe relevant? Der britische Mathematiker Ioan James zumindest hätte dies wohl bejaht. Er publizierte 2003 in einem „Personal Paper“ im Journal of the Royal Society of Medicine einige Vermutungen zu Autismus bei bekannten Wissenschaftler*innen. Auch Marie Curie zählt er in diesen Kontext auf, und beschreibt sie folgendermaßen (eigene Übersetzung): „Marie Curie kümmerte sich nicht sehr darum, welchen Eindruck sie hinterließ. Es fiel ihr schwer, sich auf ein Gespräch einzulassen, und sie neigte zu naiven Fehlinterpretationen dessen, was sie für die Reaktionen anderer Menschen auf sie hielt. Die berühmte Entschlossenheit, Radium zu isolieren, hatte etwas Zwanghaftes, ebenso wie ihre Praxis, über die Haushaltsausgaben genau Buch zu führen.‘ Ich empfinde alles sehr heftig‘ sagte sie einmal, ‚mit einer physischen Gewalt‘.“

Der interessierte Blick auf die Besonderheiten mutmaßlich neurodivergenter Personen, die mit Hilfe ebenjener Besonderheiten Erfolge auf ihrem Gebiet erzielen können bzw. konnten, setzt sich von der eher bemitleidenden Defizitperspektive ab. Herausragende Forscherinnen und Forscher sind für ein neurodiverses Kulturerbe eine bereichernde Personengruppe.  Zumal die Rolle von Neurodiversität innerhalb der Wissenschaften noch deutlich weniger thematisiert zu werden scheint, als beispielsweise in der Tech-Wirtschaft oder in Kunst und Kultur.

Obwohl die Neurodiversität in der Vergangenheit gesellschaftlich kaum sichtbar war, ändert sich dies aktuell in vielen Sektoren. Im Bildungsbereich, der Arbeitswelt, und auch in vielen Kultur- und Gedächtnisinstitutionen werden die Perspektiven neurodivergenter Menschen aufgegriffen. Das Kulturerbe für diesen Diskurs zu öffnen, ist ein folgerichtiger nächster Schritt. Der Aushandlungsprozess über das neurodiverse Kulturerbe kann wertvolle gesellschaftliche Impulse setzen, und jene Unterschiedlichkeitsperspektiven bereichern, die die Defizitperspektiven der Vergangenheit ablösen.

 

Zum Autor: Jens Crueger ist Historiker und promoviert in Medizinethik an der FGW Brandenburg / Universität Potsdam. Daneben ist er als Redakteur für iRights.info tätig. Bei ihm wurden mehrere Neurodivergenzen spätdiagnostiziert.

 

Quellen

Barkley, Russel A. & Peters, Helmut: The earliest reference to ADHD in the medical literature? Melchior Adam Weikard's description in 1775 of "attention deficit" (Mangel der Aufmerksamkeit, Attentio Volubilis), in: J Atten Disord. 2012 Nov;16(8):623-30. doi: 10.1177/1087054711432309.

Catani, Marco & Mazzarello, Paolo: Grey Matter Leonardo da Vinci: a genius driven to distraction, Brain, Volume 142, Issue 6, June 2019, Pages 1842–1846, https://doi.org/10.1093/brain/awz131.

James, Ioan: Singular Scientists, in: J R Soc Med. 2003 Jan;96(1):36–39. doi: 10.1258/jrsm.96.1.36.

Kapp, Steven K. (Hrsg.): Autistic Community and the Neurodiversity Movement, Portsmouth 2020. https://doi.org/10.1007/978-981-13-8437-0.

Stolberg, Michael: Möglichkeiten und Grenzen einer retrospektiven Diagnose, in: Waltraud Pulz (Hrsg.) Zwischen Himmel und Erde. Körperliche Zeichen der Heiligkeit, Stuttgart 2012, S. 209-227.

 

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