Auch Marie Curie (1867-1934) wird öfter als Autistin gelesen. Ihre Erfolge in Physik und Chemie wurden mit den Nobelpreisen für diese beiden Fächer gewürdigt, ihre herausragende Position als Wissenschaftlerin ist unstrittig. Ist ihre Person überdies für ein neurodiverses Kulturerbe relevant? Der britische Mathematiker Ioan James zumindest hätte dies wohl bejaht. Er publizierte 2003 in einem „Personal Paper“ im Journal of the Royal Society of Medicine einige Vermutungen zu Autismus bei bekannten Wissenschaftler*innen. Auch Marie Curie zählt er in diesen Kontext auf, und beschreibt sie folgendermaßen (eigene Übersetzung): „Marie Curie kümmerte sich nicht sehr darum, welchen Eindruck sie hinterließ. Es fiel ihr schwer, sich auf ein Gespräch einzulassen, und sie neigte zu naiven Fehlinterpretationen dessen, was sie für die Reaktionen anderer Menschen auf sie hielt. Die berühmte Entschlossenheit, Radium zu isolieren, hatte etwas Zwanghaftes, ebenso wie ihre Praxis, über die Haushaltsausgaben genau Buch zu führen.‘ Ich empfinde alles sehr heftig‘ sagte sie einmal, ‚mit einer physischen Gewalt‘.“
Der interessierte Blick auf die Besonderheiten mutmaßlich neurodivergenter Personen, die mit Hilfe ebenjener Besonderheiten Erfolge auf ihrem Gebiet erzielen können bzw. konnten, setzt sich von der eher bemitleidenden Defizitperspektive ab. Herausragende Forscherinnen und Forscher sind für ein neurodiverses Kulturerbe eine bereichernde Personengruppe. Zumal die Rolle von Neurodiversität innerhalb der Wissenschaften noch deutlich weniger thematisiert zu werden scheint, als beispielsweise in der Tech-Wirtschaft oder in Kunst und Kultur.
Obwohl die Neurodiversität in der Vergangenheit gesellschaftlich kaum sichtbar war, ändert sich dies aktuell in vielen Sektoren. Im Bildungsbereich, der Arbeitswelt, und auch in vielen Kultur- und Gedächtnisinstitutionen werden die Perspektiven neurodivergenter Menschen aufgegriffen. Das Kulturerbe für diesen Diskurs zu öffnen, ist ein folgerichtiger nächster Schritt. Der Aushandlungsprozess über das neurodiverse Kulturerbe kann wertvolle gesellschaftliche Impulse setzen, und jene Unterschiedlichkeitsperspektiven bereichern, die die Defizitperspektiven der Vergangenheit ablösen.
Zum Autor: Jens Crueger ist Historiker und promoviert in Medizinethik an der FGW Brandenburg / Universität Potsdam. Daneben ist er als Redakteur für iRights.info tätig. Bei ihm wurden mehrere Neurodivergenzen spätdiagnostiziert.
Quellen
Barkley, Russel A. & Peters, Helmut: The earliest reference to ADHD in the medical literature? Melchior Adam Weikard's description in 1775 of "attention deficit" (Mangel der Aufmerksamkeit, Attentio Volubilis), in: J Atten Disord. 2012 Nov;16(8):623-30. doi: 10.1177/1087054711432309.
Catani, Marco & Mazzarello, Paolo: Grey Matter Leonardo da Vinci: a genius driven to distraction, Brain, Volume 142, Issue 6, June 2019, Pages 1842–1846, https://doi.org/10.1093/brain/awz131.
James, Ioan: Singular Scientists, in: J R Soc Med. 2003 Jan;96(1):36–39. doi: 10.1258/jrsm.96.1.36.
Kapp, Steven K. (Hrsg.): Autistic Community and the Neurodiversity Movement, Portsmouth 2020. https://doi.org/10.1007/978-981-13-8437-0.
Stolberg, Michael: Möglichkeiten und Grenzen einer retrospektiven Diagnose, in: Waltraud Pulz (Hrsg.) Zwischen Himmel und Erde. Körperliche Zeichen der Heiligkeit, Stuttgart 2012, S. 209-227.
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