Kulturerbe erzählt: Die Geschichte des Rollstuhls

05.11.2025 Theresa Rodewald

Der Rollstuhl als Hilfsmittel für Menschen mit Gehbehinderungen ist keine moderne Erfindung – in der ein oder anderen Form gibt es ihn schon seit tausenden von Jahren.

Lesezeit: circa 4 Minuten

Erste rollstuhlähnliche Gefährte sind für China und das antike Griechenland schon vor 1.300 Jahren belegt. Zunächst den Wohlhabenden und Mächtigen vorbehalten, wird der Rollstuhl in Europa und den USA Anfang des 20. Jahrhunderts für immer mehr Menschen erschwinglich.

Heute gibt es verschiedenste Modelle: von Strand- und Sportrollstühlen bis zum gedankengesteuerten Elektromodell – wobei die Finanzierung weiterhin eine Hürde darstellt. Von außen erfahren Rollstuhlnutzende oft nur wenig Unterstützung, weshalb Impulse für die technische Weiterentwicklung des Rollstuhls, für mehr Wendigkeit, mehr Komfort und allem voran mehr Eigenständigkeit, stets aus der Community kommen.

Rollstühle auf antiken Vasen

Knochenfunde belegen Skelette mit Rückenmarksverletzungen schon für die Steinzeit und ein 5.000 Jahre alter, ägyptischer Papyrus berichtet von Menschen mit Querschnittslähmung. Altgriechische und arabische Mediziner*innen nehmen zur Behandlung von Rückenmarksverletzungen sogar chirurgische Eingriffe vor.

Menschen mit Behinderung sind nicht nur in der Antike, sondern auch im China der Tang-Dynastie ein Teil des öffentlichen Lebens. Für China sind Stühle und Sessel mit Rollen schon vor 1.300 Jahren belegt, der indische Sanskrit-Grammatiker Panini erwähnt vor 1.500 Jahren das Wort parpa, was Rollstuhl bedeutet und auch antike griechische Vasen zeigen rollstuhlartige Fortbewegungsmittel.

Allerdings können sich bis zur industriellen Herstellung des Rollstuhls ab dem frühen 20. Jahrhundert nur wohlhabende und einflussreiche Menschen einen Rollstuhl leisten. Im europäischen Mittelalter kommt noch dazu, dass Stühle mit hohen Lehnen dem Adel vorbehalten sind. Für die Funktion des Rollstuhls ist eine Lehne aber von zentraler Bedeutung.

Menschen, die nicht laufen können, werden deshalb meist in Schubkarren geschoben. Die Lehne des Rollstuhls von Philipp II. von Spanien ist dahingegen nicht nur hoch, sondern auch noch verstellbar. Das Modell von 1595 ist eines der ersten für Europa überlieferten. Zusätzlich zur Rückenlehne verfügt es auch über eine verstellbare Fußstütze und Vorderräder, die unabhängig voneinander bewegt werden können.

Die technische Entwicklung des Rollstuhls wird fast ausschließlich von der Rollstuhl-Community angetrieben. So zum Beispiel vom Uhrmacher Stephan Farfler aus Nürnberg, der womöglich das erste Handbike der Geschichte entwickelt. 1655 baut er sich ein hölzernes Fahrzeug, das über eine Handkurbel und ein Zahnradgetriebe betrieben wird. Besonders ist, dass Farfler sich mit seinem Rollstuhl eigenständig fortbewegen kann.

Lange Zeit müssen Rollstühle, wie der von Philipp II. von Spanien geschoben werden, was Rollstuhlnutzende nur eingeschränkt mobil macht. Hinzu kommt, dass die Städte und Landschaften im europäischen Mittelalter und der Frühen Neuzeit alles andere als barrierearm sind. Auf den größtenteils ungepflasterten Straßen ist ein Vorankommen im Rollstuhl schwierig bis unmöglich.

Merlins Stühle, Sessel auf Rädern und das erste Rollstuhl-Patent

In Großbritannien entwirft der Erfinder John Joseph Merlin Ende des 18. Jahrhunderts ebenfalls einen Rollstuhl mit Kurbelantrieb. Dieser ist so populär, dass Rollstühle noch lange nach Merlins Tod als „Merlin’s Chair“ (Merlins Stuhl) bekannt sind. Ungefähr zur selben Zeit können sich gut betuchte Besucher*innen mit und ohne Behinderung im englischen Kurort Bath im sogenannten „Bath Chair“ schieben oder ziehen lassen. Der Bath Chair ist ein Sessel mit drei Rädern, der entweder mit einem Griff vorne gezogen oder von hinten geschoben wird – eine Mischung aus Rikscha und Rollstuhl.

Mehr als 100 Jahre später haben auch in der US-amerikanischen Vergnügungsstadt Atlantic City Besucher*innen mit Behinderung die Möglichkeit, sogenannte „rolling chairs“ (rollende Stühle, die entgegen des Namens aber geschoben werden) zu mieten und damit an der Uferpromenade zu flanieren – auch dieser Service erfreut sich bei nicht-behinderten Menschen großer Beliebtheit. Zu diesem Zeitpunkt existiert bereits das erste Patent für einen Rollstuhl, das 1869 ebenfalls in den USA erteilt wird.

In St. Louis gründen die Ingenieure Harry Jennings und Herbert Everest, der selbst querschnittgelähmt ist, in den 1930er Jahren die Firma Everest & Jennings. Dort werden Rollstühle zum ersten Mal massenproduziert und damit erschwinglicher. Außerdem erfinden die beiden den ersten faltbaren Rollstuhl. Der elektronische Antrieb für Rollstühle wird in den 1950er Jahren in Kanada von George Klein entwickelt. Das ist vor allem für Menschen, die ihren Rollstuhl nicht mit den Armen antreiben können wichtig – mit dem Elektrorollstuhl sind auch sie selbstständig unterwegs.

Steckachsen und negativer Sturz: Vom Sportplatz auf die Straße

Die Entwicklung des Rollstuhls ist damit aber keinesfalls abgeschlossen. Allein in den letzten vierzig Jahren hat sich einiges verändert: Statt fest verschraubter Räder haben die meisten Rollstühle heute Steckachsen, die die Handhabung und den Radwechsel einfacher machen. Auch die Fußrasten stehen inzwischen weniger vor und Rollstühle sind schmaler und passen damit auch durch enge Türen. Der Rollstuhlrahmen ist starrer und somit stabiler geworden.

Viele dieser Anpassungen kommen aus der sportbegeisterten Rollstuhl-Community und sind so praktikabel, dass sie sich auch auf Alltagsrollstühle übertragen haben. Rollstuhlbasketballspieler*innen beispielsweise verwenden schon in den frühen 1980er-Jahren Antriebsräder mit negativem Sturz. Die Räder sind nach innen geneigt, wodurch der Rollstuhl besser in der Kurve liegt und wendiger ist.

Inzwischen gibt es Sportrollstühle, die auf die Bedürfnisse der jeweiligen Sportler*innen angepasst sind – extrem leichte Rollstühle für die Leichtathletik, Rollstühle mit Rammschutz und Antikipprollen für Rugby oder zusätzliche Stützräder für Tennis und Badminton.

Darüber hinaus gibt es Rollstühle, die per Mimik gesteuert werden können, Rollstühle, die auf Hindernisse reagieren und Rollstühle für das Erklimmen von Treppen sowie für das Flanieren entlang sandiger Strände oder für das Skifahren im Schnee. Diese speziellen Modelle, genau wie Sportrollstühle, sind allerdings teuer. Die Kosten für Sportrollstühle werden von den meisten Krankenkassen nicht übernommen, da sie angeblich das Maß des Notwendigen überschreiten – Sport gilt nicht als Grundbedürfnis.

Die Finanzierung eines Sportrollstuhls ist nur eine von zahlreichen Hürden, mit denen Menschen mit Rollstuhl konfrontiert werden. Kaputte Aufzüge, hohe Bordsteinkanten, zu enge Türen und öffentliche Orte wie Cafés, Bürogebäude, Geschäfte oder Parks sind oft rollstuhlunfreundlich. Auch historische Orte wie Museen, Schlösser oder Kirchen schließen Menschen im Rollstuhl damit von vornherein aus.

Projekte wie die wheelmap.org oder Blogs wie der-querschnitt.de oder community.paraplegie.ch setzen dem etwas entgegen. Hier gibt es Infos zu rollstuhlfreundlichen Orten, zum Schlittschuhlaufen oder Kitesurfen mit Rollstuhl und zu Finanzierungsmöglichkeiten für den rollstuhlgerechten Wohnungsumbau. Viele Konzertveranstalter*innen bieten nach voriger Anmeldung rollstuhlfreundliche Plätze an und auch Landesweit organisieren sich Rollstuhlfahrer*innen in Treffs und Sportclubs – Sit’n’Skate zum Beispiel engagiert sich für das Rollstuhlskaten. Und auch Tanzen in Clubs wie dem Berliner Berghain ist mit dem Rollstuhl möglich.

Unser Beitrag zur Kulturgeschichte des Rollstuhls ist damit zu Ende, seine Entwicklung aber noch lange nicht. Mehr Bilder aus der Geschichte des Rollstuhls gibt es in unserer gleichnamigen Bildergalerie!

 

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Quellen

https://www.der-querschnitt.de/rueckenmarksverletzungen-und-rollstuehle-in-der-geschichte-27803 

https://www.epo.org/de/searching-for-patents/helpful-resources/patent-knowledge-news/patentorama-27 

https://rollstuhl-info.de/geschichte-zeitreise 

https://www.der-querschnitt.de/rollstuhl-technik-im-wandel-sperrige-riesengurken-und-ein-hohelied-auf-die-steckachse-56410 

https://www.der-querschnitt.de/sportrollstuehle-23094 

https://de.wikipedia.org/wiki/Stephan_Farfler 

https://taz.de/Wie-Rollstuhlskating-Levi-Klussmann-im-Alltag-hilft/!6107151/ 

https://www.dw.com/de/im-rollstuhl-durchs-berghain-wie-inklusiv-sind-die-clubs/a-73114167

Auf Englisch

https://en.wikipedia.org/wiki/Wheelchair 

https://en.wikipedia.org/wiki/Everest_and_Jennings 

https://www.nationalgeographic.com/history/article/wheelchair-history-innovation-technology-independence

https://www.sciencemuseum.org.uk/objects-and-stories/history-wheelchair 

Nicholas Watson (2022). "Access Activism. The Politicization of Wheelchairs and Wheelchair Users in the Twentieth Century". In: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History 19, 367-379, https://zeithistorische-forschungen.de/2-2022/6058