Eingeklemmte Männer versus Raum-fordernde Frauen: Die Krinoline als Instrument einer stillen Rebellion

07.01.2026 Julia Waldorf (Gastbeitrag)

Modekarikaturen als Austragungsort des Geschlechterkampfes? Ja, in der Tat! Modekarikaturen in der Deutschen Digitalen Bibliothek verraten, wie Frauen mithilfe des voluminösen Reifrockes Krinoline Mitte des 19. Jahrhunderts womöglich indirekt gegen gesellschaftliche und geschlechtsstereotype (Verhaltens)-Erwartungen rebellierten, indem sie das alltägliche Leben ‚einfach‘ störten und so die männliche Bevölkerung verärgerten.

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Die Krinoline ist ein Reifrock französischen Ursprungs, der besonders in den 50er und 60er Jahren des 19. Jahrhunderts international in Mode war. Dank der Verwendung von Materialien – wie Rosshaar, Gummischläuchen oder später den preiswerten, sehr populären Stahlreifen – konnte der Unterrock „versteift“ werden und einen Saumumfang bis zu „6-8 m“ erzielen. (Loschek 2005, S. 342-343.)

Hauptsächlich wegen seines enormen Umfangs war das sperrige Kleidungsstück eine sehr polarisierende Mode: Zwar bot die Krinoline einen imposanten Anblick, gleichzeitig war sie aber auch unpraktisch, ausladend und verursachte viele Unfälle.

Frauen aus den unterschiedlichsten sozialen Schichten – wie etwa auch Dienstmädchen – trugen sie, sodass sogar von einer „Crinolonomanie“ die Rede war. (Wolter: Crinolonomanie 2003, S. 232-233.) Gleichermaßen wurde sie von vielen Männern und auch einigen Frauen verflucht und verspottet.

Diese Modeerscheinung wurde in den verschiedensten Medien – teilweise sehr fantasievoll – thematisiert und vor allem heftig kritisiert: (Vgl. Pellerin 2016, S. 19-26.) Eine beliebte Ausdrucksform hierzu waren u.a. auch Modekarikaturen, wie beispielsweise die zahlreichen zeitgenössischen Bildquellen in der Deutschen Digitalen Bibliothek belegen.

In diesen werden sowohl die Krinoline selbst als auch ihre Trägerinnen persifliert, indem vor allem die – durch das Tragen der Krinoline entstandenen – Ärgernisse im Alltag überspitzt thematisiert werden: Und die männliche Bevölkerung war in der Regel das leidtragende Opfer dieser Mode. Abgesehen von der Belustigung, wurde mit den Karikaturen hauptsächlich die Absicht verfolgt, die Krinoline mittels Wort und Bild einzudämmen bzw. abzuschaffen: (Vgl. Pellerin 2016, S. 20-57.) „Und die Moral von der Geschicht`: // Tragt keine Crinolinen nicht.“ (Vgl. Abb. Das Lied von der Crinoline)

Spott und Kritik fanden aber kein Gehör. Frauen trugen die Krinoline hartnäckig weiter, wie auch in der Anti-Krinoline-Satire Give Us Room! (1858) des britischen Schriftstellers Wilkie Collins gezwungenermaßen eingeräumt wird:

„Nothing that I can remember has so effectually crushed the pretensions of the Press, the Pulpit, and the Stage as the utter failure of their crusade against Crinoline. […] Long life to the monarchy of Crinoline!” (Collins 1863.)
Wilkie Collins

Übersetzt lautet das Zitat etwa: Nichts, an das ich mich erinnern kann, hat so effektiv die Ambitionen der Presse, Kanzel und Bühne zerschlagen wie das völlige Scheitern ihres Kreuzzuges gegen die Krinoline. […] Ein langes Leben der Krinoline-Monarchie!

So wurden auch die visualisierten Vorwürfe der Modekarikaturen eisern ignoriert. (Vgl. Pellerin 2016, S. 56-63.)

Aber was wurde den Krinoline-Trägerinnen genau vorgeworfen?

Diese Frage wird im Folgenden anhand einiger Modekarikaturen aus deutschen und englischen Satiremagazinen beispielhaft beantwortet.

Einen kleinen Einblick in die Variationsbreite der Motive gibt beispielsweise der kolorierte Bilderbogen Das Lied von der Crinoline (ca. 1842-65): In diesem sind 16 lose zusammenhängende Grafiken mit begleitenden Bildunterschriften in Reimform abgebildet, die jeweils überspitzte, humoristische Szenen – die die Krinoline und deren Trägerinnen betreffen – variierend darstellen:

Die Krinoline wird hier u.a. als Fluginstrument für die Reise, Sonnenschirm, Versteck für (Ehe-)Männer oder Spielgerät für Kinder verwendet. Daneben gibt es aber auch Szenen, die eher Alltagsprobleme und Unannehmlichkeiten darstellen, die von Krinoline-Trägerinnen verursacht werden; und mit deren negativen Konsequenzen sich meist die anwesenden Männer abmühen müssen: Wegen ihres enormen Umfangs sind zum Beispiel (Ehe-)Männer nur noch unter Zuhilfenahme von Instrumenten fähig mit Frauen zu interagieren, eine Frau muss mithilfe von Dampfkraft durch einen Türrahmen gequetscht werden oder Häusermauern müssen in der Stadt eingerissen werden.

Sowohl in Deutschland als auch im Ausland waren als ‚unnahbar‘ und die Öffentlichkeit störend dargestellte Frauen beliebte und wiederkehrende Bildmotive der meist aus männlicher Perspektive geschilderten Karikaturen: Männer müssen sich abplagen, da die bestehenden gesellschaftlichen Gepflogenheiten, Infrastrukturen und Fortbewegungsmittel nicht mehr den neuen ‚überdimensionierten weiblichen Körperformen‘ gerecht werden können; wie sich etwa auch anhand der Karikatur Die Fahrt auf den Ball zeigt. (Vgl. Pellerin 2016, S. 28-55.)

Lassen Sie uns diese Aspekte anhand weiterer Karikaturen, die als Anklagepunkte der männlichen Bevölkerung an die Krinoline-Trägerinnen zu deuten sind, genauer betrachten.

Anklagepunkt 1: Platzmangel aufgrund weiblicher Platzhirsche

Beispielsweise thematisiert Carl Staubers Karikatur Die Crinoline im Sperrsitz (1857) aus dem Satiremagazin Fliegende Blätter die Beschneidung des ‚männlichen Raums‘, die durch die Raumforderungen der Krinoline-Trägerinnen verursacht wird: Im Vordergrund sitzen zwei – nur in der Rückenansicht abgebildete – Frauen im Parkett eines Theaters, die durch die starren Stoffmassen ihrer Röcke jeweils mehrere Sitze besetzen. Ein wohlbeleibter Besucher – in der Vorderansicht dargestellt – steht etwas verloren in der Sitzreihe und wird vom Platzanweiser harsch darauf hingewiesen, nicht zu übertreiben und endlich mal seinen Platz zwischen den Frauen einzunehmen. Obwohl es offensichtlich ist, dass es keinen freien Raum für ihn dort gibt. (Vgl. Haase 2003, S.107-110.)

Anklagepunkt 2: Don´t touch me!

Die Karikatur Die Crinoline als Liebeshinderniß (1857) beklagt, dass Frauen wegen ihres weiten Rockes ‚unerreichbar‘ für männliche Berührungen sind: Ein Mann in Uniform versucht vergeblich seine Angebetete zu umarmen. Die Frau wird so – wie der Text noch untermalt – zu einem unerreichbaren Sehnsuchtsbild bzw. zu einer uneinnehmbaren Festung, wobei die Krinoline als unüberwindbare Ringmauer fungiert.

Dass Frauen die Krinoline sogar bewusst als Schutzwall gegen unerwünschten Körperkontakt oder sogar sexuelle Übergriffe einsetzten, belegt zum Beispiel Charles Keenes Karikatur Mr. Tremble borrwos a hint from his wife´s crinoline (1856) aus dem britischen Satiremagazin Punch: Kriminelle schaffen es nicht einen Mann auf dem Nachhauseweg zu überfallen und zu strangulieren, da er eine Lage des Unterrocks seiner Frau trägt. (Vgl. Pellerin 2016, S. 57-59.)

Angesichts der heftigen Kritik und den durch die Krinoline verursachten Unannehmlichkeiten, stellt sich folglich die Frage, warum Frauen sie weiterhin trugen: Zum Gefallen der Männer jedenfalls nicht! Denn jede dieser Karikaturen veranschaulicht, wie das Tragen dieses Kleidungsstücks die herrschende Ordnung der damaligen patriarchalen Gesellschaft enorm störte.

In der Forschung wird – u.a. von Gundula Wolter – das ‚Tragen der Krinoline‘ sogar als eine rebellische Geste oder Zeichen einer stillen Rebellion gegenüber geschlechtsstereotypen (Verhaltens)-Erwartungen gedeutet: (Vgl. Wolter: Verdammt 2003, S. 29-30.) Frauen forderten so einen erweiterten Raum im öffentlichen und privaten Lebensalltag, boykottierten auf eine gewisse Weise ihre häuslichen Pflichten, da sie diesen zum Teil nicht mehr zufriedenstellend nachgehen konnten oder schirmten sich vor (ungewollten) körperlichen Annäherungen und teilweise – wie der Bilderbogen Das Lied von der Crinoline andeutet – auch vor häuslicher Gewalt ab. (Vgl. Haase 2003, S.106-110 und Pellerin 2016, S. 47-64.)

Die Krinoline fungierte also als Instrument einer stillen Rebellion.

Aber: Mode wandelt sich ständig und diese ‚aufmüpfigen Statements‘ klangen schon gegen Ende der Krinoline-Ära langsam ab: Nach und nach wurde der Unterrock vorne und an den Seiten abgeflacht, um dann 1868/1869 von der – nur das Gesäß mit einem Gestell stark hervorhebenden – Turnüre abgelöst zu werden. (Vgl. Loschek 2005, S. 342-343 und Wolter: Crinolonomanie 2003, S. 232.)

Und wie ist es heutzutage? Kann auch jetzt noch durch das (Nicht-)Tragen von Kleidungsstücken o.ä. (wie etwa Mode-Accessoires, Make-up, Tätowierungen etc.) gegen genderspezifische Normen, Erwartungshaltungen und Idealvorstellungen rebelliert werden? Ja, aber ein konkretes Beispiel kann hier nicht gegeben werden, da dies in unserer heutigen diversen, kulturell vielfältigen und von Subkulturen durchzogenen Gesellschaft von der ‚Zusammensetzung der Komponenten‘ abhängig ist; oder kurz gesagt: Wer adressiert wen wie und wo. Denn: Ein Outfit, das beispielsweise in Berlin-Kreuzberg keines (negativen) Blickes gewürdigt wird, kann an einem anderen Ort Empörung hervorrufen.


Zur Autorin: Julia Waldorf ist Kulturwissenschaftlerin mit u.a. den Forschungsschwerpunkten Animation Studies, europäisches Figurentheater, Literatur und Bildende Kunst der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sowie Autorinnen des 19. und 20. Jahrhunderts.

 

Sekundärliteratur

Collins, Wilkie: Give us room! First published in Household Words, 13.02.1858 and reprinted in My Miscellaniesm, 1863. URL: https://jhrusk.github.io/wc/misc/social3.html (zuletzt aufgerufen: 16.11.2025)

Haase, Birgit: »Die Satire attackiert die Krinoline!« Modekritik in Bild und Wort am Beispiel von Charles Vernier und Friedrich Theodor Vischer. –In: Rasche, Adelheid und Gundula Wolter (Hrsg.): „Ridikül! Mode in der Karikatur 1600 bis 1900“. Berlin 2003, S.104-112.

Loschek, Ingrid: Krinoline. –In: Loschek, Ingrid: „Reclams Mode- und Kostümlexikon“. 5. Auflage. Stuttgart 2005, S. 342-343.
Pellerin, Denis und Brian May: Crinoline. Fashion´s most magnificent disaster. London 2016.

Wendel, Friedrich: Die Mode in der Karikatur. Dresden 1928.

Wolter, Gundula: Crinolonomanie: Mode der 1850er und 1860er Jahre. –In: Rasche, Adelheid und Gundula Wolter (Hrsg.): „Ridikül! Mode in der Karikatur 1600 bis 1900“. Berlin 2003, S. 231-233.

Wolter, Gundula: Verdammt, verlacht, verspottet – Schand- und Zerrbilder der Mode. –In: Rasche, Adelheid und Gundula Wolter (Hrsg.): „Ridikül! Mode in der Karikatur 1600 bis 1900“. Berlin 2003, S.18-38.

 

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