Der Weihnachtsmarkt: Nostalgie, Nationalismus und gebrannte Nüsse

01.12.2025 Theresa Rodewald

Neben „Stille Nacht, Heilige Nacht“ und dem Weihnachtsbaum ist der Weihnachtsmarkt einer jener Weihnachtsbräuche, die sich auch außerhalb Deutschlands großer Beliebtheit erfreuen und das Bild deutscher Weihnachtstraditionen nachhaltig prägen.

Lesezeit: ca. 6 Minuten

Weihnachtsmärkte wie der Dresdner Striezelmarkt rühmen sich ihrer mittelalterlichen Wurzeln und stellen so eine Kontinuität zwischen jahrhundertealten Bräuchen und den bürgerlichen Weihnachtstraditionen des 19. Jahrhunderts her. Doch sind die Märkte des Mittelalters tatsächlich die Vorfahren der heutigen Weihnachtsmärkte? Welche Rolle spielt Nostalgie bei diesen Traditionen und was hat Weihnachten mit Nationalismus zu tun? Schlendern Sie mit uns durch die Geschichte der Weihnachtsmärkte.

Zunächst ein wenig weihnachtlicher Kontext

Wohl um das Jahr 300 eingeführt, möglicherweise um Feste zu Ehren des römischen Sonnengottes Sol Invictus zu christianisieren, bleibt Weihnachten im Kirchenjahr lange Zeit dem Osterfest untergeordnet, das als höchster christlicher Feiertag gilt. Allerdings fehlen konkrete Belege dafür, dass Weihnachten tatsächlich ein direkter Ersatz für Sol-Invictus-Festlichkeiten ist.

Im Spätmittelalter wächst dann das Interesse am Kind Jesus Christus und damit auch an dessen Geburt. Darstellungen der Krippe mit der Heiligen Familie, den Hirten und den drei heiligen Königen verbreiten sich in Europa, bis die Reformation schließlich nicht nur zu politischen, sondern auch zu weihnachtlichen Umbrüchen führt. Die Krippe – und vor allem die Heiligen Drei Könige – finden Protestant*innen fortan anstößig, denn sie lehnen die Verehrung von Heiligen nämlich strikt ab.

Sankt Nikolaus und dessen Gedenktag, an dem seit Beginn des 16. Jahrhundert Geschenke ausgetauscht werden, will Martin Luther am liebsten abschaffen. Als Alternative schlägt er den „Heiligen Christ“ aka das Christkind als Gabenbringer vor und verlegt die Bescherung vom 6. Dezember auf den Vorweihnachtsabend, was sich in einigen Regionen Europas auch durchsetzt. In den Niederlanden und Luxemburg findet die Weihnachtsbescherung aber nach wie vor am Nikolaustag statt.  Die meisten Weihnachtstraditionen stammen demnach aus der Neuzeit und nicht aus dem Mittelalter. Lediglich die Wurzeln des Weihnachtsmarkts scheinen bis ins Spätmittelalter zu reichen.

Fleischmarkt, Weihnachtsmarkt oder einfach nur Markt?

Im Mittelalter wird Weihnachten ausschließlich in der Kirche gefeiert. Erst seit dem 16. Jahrhundert und verstärkt durch die Reformation breitet sich das Fest zunächst in öffentlichen und später auch in privaten Räumen aus. Einer dieser öffentlichen Weihnachtsorte ist der Weihnachtsmarkt. Als ältester, urkundlich belegter Weihnachtsmarkt gilt heute der Dresdner Striezelmarkt. Allerdings wird im Jahr 1443 auf dem Striezelmarkt kein Striezel bzw. Stollen verkauft, sondern Fleisch (mehr zur Geschichte des Stollens inklusive Rezept gibt es in diesem Blogbeitrag). Es handelt sich also nicht um einen Weihnachtsmarkt im heutigen Sinne mit Kunsthandwerk und Leckereien, sondern um einen Markt, der Fleisch verkaufen darf und in der Weihnachtszeit stattfindet. Der Kulturwissenschaftler Gunther Hirschfelder ist deshalb der Meinung, dass dies „kaum als Vorläufer für Weihnachtsmärkte gesehen werden kann“ ( 2014, 9).

Unabhängig davon, ob der Verkauf von Fleisch (für den Weihnachtsbraten?) als Proto-Weihnachtsmarkt  gelten kann oder nicht – wenige Jahrzehnte später gibt es in wohlhabenden Städten wie Nürnberg, Augsburg und Dresden Märkte, die Lebkuchen, Stollen und Fleisch für das Weihnachtsfest verkaufen. Oft sind sie in der Nähe von Kirchen platziert, um die Besucher*innen nach der Messe zum Kaufen zu verlocken. Zusätzlich zu den Lebens- und Genussmitteln bieten auch Handwerker*innen ihre Waren an. Das macht Weihnachtsmärkte auch für die Landbevölkerung interessant, die dort Töpfer- und Böttcherwaren wie Eimer, Töpfe oder Pfannen kaufen können.

Apropos wohlhabend: Das Weihnachtsfest und somit auch der Einkauf auf dem Weihnachtsmarkt ist bis ins späte 18. Jahrhundert den besonders Wohlhabenden vorbehalten. Fleisch, Lebkuchen und Stollen sind Luxusgüter, die sich selbst an den Feiertagen nur Wenige leisten können (die Geschichte der Lebkuchen erzählen wir in diesem Blogbeitrag).

Früher war mehr Lametta: Bürgerliche Weihnachten und Nostalgie

Ab dem späten 18. Jahrhundert rückt das Weihnachtsfest fast vollständig vom öffentlichen in den privaten Raum. Weihnachten wird zum Fest des aufstrebenden Bürgertums, das im Kreis der Familie gefeiert wird. Heimelige Gemütlichkeit, inniges Beisammensein und die stimmungsvoll geschmückte gute Stube mit dem Weihnachtsbaum werden zu zentralen Bestandteilen des Weihnachtsfests (mehr zur Geschichte des Weihnachtsbaums erfahren Sie in diesem Blogbeitrag). Weihnachten entwickelt sich von einem primär kirchlichen zu einem Familienfest. Werte und Ideale des bürgerlichen Familienlebens wie Bildung und Erziehung oder die Beschäftigung mit Musik und Literatur werden durch gemeinsames Musizieren und das Aufsagen von Gedichten Bestandteil weihnachtlicher Bräuche. Im Zentrum der (bürgerlichen) Familie stehen die Kinder – sie werden beschenkt (oder für ihre Ungezogenheit theoretisch mit der Rute bestraft). Neben Haushaltswaren und Genussmitteln verkaufen Weihnachtsmärkte deshalb vermehrt Spielzeug und Weihnachts(baum)schmuck.

Romane und Erzählungen wie Ludwig Tiecks Weihnacht-Abend oder Thomas Manns Weihnachten bei den Buddenbrooks prägen das Bild der bürgerlichen Weihnacht, in der Kindheit auch als Erzählperspektive eine zentrale Stellung einnimmt. Weihnachten wird oft rückblickend und verklärt beschrieben. In den Texten schwingt ein Gefühl von Verlust und eine nostalgische Wehmut mit, die heute genauso zu Weihnachten gehört, wie die Geschenke unter dem geschmückten Baum. Die Vorstellung, früher wäre Weihnachten schöner und ursprünglicher gewesen sowie die Kritik an Konsum und vorweihnachtlicher Hetzerei sind so alt, wie die bürgerliche Weihnachtstradition selbst.

Ein Beispiel: In seiner Kurzgeschichte Weihnacht-Abend aus dem Jahr 1835 blickt Ludwig Tieck auf Weihnachten circa 1790 zurück. Er beschreibt den Weihnachtsmarkt auf der Breiten Straße in Berlin als friedliches Zusammentreffen der sozialen Schichten. Alle kennen ihren Platz in der gesellschaftlichen Hierarchie und halten sich freudig daran. So schafft der Weihnachtsmarkt bei Tieck eine imaginierte Einheit, ein angebliches Wir:

„Alle Stände wogen fröhlich und lautschwatzend durcheinander. Hier trägt ein bejahrter Bürgersmann sein Kind auf dem Arm, und zeigt und erklärt dem laut jubelnden Knaben alle Herrlichkeiten. […] Ein Cavalier führt die geschmückte Dame, der Geschäftsmann lässt sich gern von dem Getöse und Gewirr betäuben und vergisst seiner Akten, ja selbst der jüngere und ältere Bettler erfreut sich dieser öffentlichen, allen zugänglichen Maskerade und sieht ohne Neid die ausgelegten Schätze und die Freude und Lust der Kinder, von denen auch die geringsten die Hoffnung haben, dass irgendetwas für sie aus der vollen Schatzkammer in die kleine Stube getragen werde.“

Laut dem Historiker Joe Perry ist der Berliner Weihnachtsmarkt Ende des 18. Jahrhunderts jedoch alles andere als ein Ort der sozialen Begegnung. Das Aufeinandertreffen der verschiedenen Gesellschaftsschichten ist stark reglementiert: Die Reichen und Adeligen besuchen den Weihnachtsmarkt im Advent. Am Heiligabend kommen dann tagsüber die mittleren Bürger*innen in den Genuss der weihnachtlichen Buden und Hausangestellte, Tagelöhner*innen, Handwerker*innen und Co. drängen abends auf den Markt.

Diese Hierarchie fällt im Laufe des 19. Jahrhunderts in sich zusammen. Besonders deutlich ist dieser Prozess in Großstädten wie Berlin: Die neu formierte Arbeiter*innenschaft geht nun ebenfalls und ohne außerhalb sozial reglementierter Besuchszeiten auf den Weihnachtsmarkt – bei den gutbürgerlichen Besucher*innen sorgt das für entrüstetes Naserümpfen. Fliegende Händler*innen , die keine Lizenz für eine Weihnachtsmarktbude erworben haben, verkaufen ihre Waren zwischen den offiziellen Verkaufsständen.

Spielzeug und Weihnachtsschmuck werden preiswerter produziert und damit sowohl erschwinglicher, als auch in den Augen wohlhabender Besucher*innen entwertet. Arbeiter*innen, Jugendliche und andere, die bisher durch ökonomische und soziale Hürden vom Weihnachtsmarkt ferngehalten wurden, tummeln sich zwischen den Ständen. Bettler*innen bitten um Almosen. Als neue Attraktionen halten Fahrgeschäfte Einzug auf dem Weihnachtsmarkt. Die Stimmung ist eher ausgelassen als besinnlich. Stellenweise kommt es zu Raufereien und Ausschreitungen – das Bürgertum fühlt sich gestört und fürchtet um den (mehr oder weniger) guten Ruf Berlins.

Im Jahr 1893 verlegt die Berliner Polizei den Weihnachtsmarkt vom Stadtschloss im Zentrum auf den Arkonaplatz, der damals am nordöstlichen Stadtrand in einem Arbeiter*innenviertel ist. Auch in anderen deutschen Städten werden die Weihnachtsmärkte an die Peripherie gedrängt. Zu diesem Zeitpunkt hat der Weihnachtsmarkt was Geschenk- und Dekoraktionsartikel angeht aber schon längst Konkurrenz bekommen – und zwar von den neu eröffnenden Warenhäusern.

Weihnachten und Nationalismus

Gut vierzig Jahre später sind es ausgerechnet die Nationalsozialisten, die die Weihnachtsmärkte zurück in die Innenstädte holen. Denn was ist deutschtümelnder als die angeblich germanischen Weihnachtsbräuche? Die Verbindung von nostalgischer Rückschau und ahistorisch-verklärter Tradition sind wie geschaffen für nationalsozialistische Propaganda – wobei Vieles  noch zu christlich ist und mit angeblich germanischen Begrifflichkeiten ersetzt werden soll (beispielsweise mit dem Jul- statt dem Weihnachtsfest, was sich allerdings nicht durchsetzt).

Dabei ist es nicht das erste (und nicht das letzte) Mal, dass Weihnachten für politische Zwecke instrumentalisiert wird. Tatsächlich hängt das aufblühende Interesse an den Weihnachtstraditionen im 19. Jahrhundert neben dem aufstrebenden Bürgertum auch mit dem sich formierenden Nationalismus in Deutschland zusammen. Die für das bürgerliche Weihnachten so zentrale Einheit der Familie lässt sich ebenso auf die Einheit der Nation übertragen, denn die weihnachtlichen Traditionen im Familienkreis konstruieren ein Gefühl von Zugehörigkeit. Der Autor Rüdiger Zill spricht von einem „Spiel der Inklusion und Exklusion“ und bezeichnet die weihnachtliche gute Stube als „Höhle der Sicherheit und Solidarität derer, die zugelassen sind“ (2015, 54).

Historiker*innen und Volkskundler*innen des 19. Jahrhunderts bemühen sich darum, eine Kontinuität zwischen germanischen und keltischen Bräuchen und zeitgenössischen Weihnachtsritualen herzustellen. In Deutsche Volksfeste im 19. Jahrhundert schreibt Friedrich Reimann 1835, dass sich das Fest besonders gut zur Volkserziehung und Ertüchtigung eigne.

Im deutsch-französischen Krieg 1870/71 spielt Weihnachten dann auch eine propagandistische Rolle. Für die Soldaten werden an der Front Weihnachtsbäume aufgestellt und patriotische Durchhalterhetorik appelliert an die allseits verbindenden, „urdeutschen“ Weihnachtsbräuche. Aus dieser Zeit und vor allem aus dem Ersten Weltkrieg sind zahlreiche Postkarten überliefert, die Soldaten mit Weihnachtspaketen, mit ihren Liebsten oder bei der Weihnachtsfeier an der Front zeigen.

Nichtsdestotrotz ist Weihnachten auch ein Fest der Solidarität. In Großbritannien und den USA gehören die Blaskapellen der Heilsarmee, die Geld für den guten Zweck sammeln, genauso zum Advent, wie ein üppig geschmückter Baum. Und nicht umsonst stellt A Christmas Carol (1843) von Charles Dickens die (christliche) Nächstenliebe ins Zentrum des Weihnachtsfestes. Auch in Deutschland wird an und um Weihnachten besonders viel gespendet.

Statt auf die Almosen der Wohlhabenden zu warten, nutzt  die Arbeiter*innenbewegung das Weihnachtsfest zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf besonders kreative Weise, um auf ihre Belange aufmerksam zu machen. Im Arbeiter-Theaterverlag Alfred Jahn erscheint eine neue Version von „Stille Nacht, Heilige Nacht“, die schlechte Arbeitsbedingungen, Armut und politische Verfolgung anprangert . Die letzte Strophe geht folgendermaßen:

„Stille Nacht, Heilige Nacht! Arbeitsvolk aufgewacht! / Kämpfe mutig, verzage nur nicht/ bis die Weihnacht der Menschheit anbricht, / bis die Freiheit ist da!“

Wenn Sie auf dem Weihnachtsmarkt also wieder einmal zwischen Menschenmassen und Bratwurstbuden gefangen sind, wenn Sie 10 Euro für einen Glühwein bezahlen und 30 Minuten dafür angestanden haben, wenn Sie sich über die Fahrgeschäfte ärgern, dann denken Sie daran: Sie stehen metaphorisch neben Ludwig Tieck und Thomas Mann! Die Enttäuschung angesichts der Gegenwart und die Sehnsucht nach einer einfacheren, preiswerteren, besinnlicheren, besseren Weihnachtsvergangenheit ist eine alte Weihnachtstradition. Damit: Frohe Feiertage, Ho Ho Ho und Gloria in excelsis Deo!

Quellen

Wolfgang Behringer: "Weihnachten", in In: Enzyklopädie der Neuzeit, Band 14. Stuttgart/Weimar 2011.

Julia Franke, Lebendigens Museum Online (LeMo): https://www.dhm.de/lemo/kapitel/reaktionszeit/alltagsleben/entstehung-des-buergerlichen-weihnachtsfestes 

Gunther Hirschfelder (2014): Kultur im Spannungsfeld von Tradition, Ökonomie und Globalisierung: Die Metamorphosen der Weihnachtsmärkte. In: Zeitschrift für Volkskunde 110, S. 1-32.

Amy McKeever, National Geographic: https://nationalgeographic.de/geschichte-und-kultur/2023/12/weihnachtsmaerkte-in-deutschland-helle-lichter-dunkle-geschichte/ 

Janine Kühl, NDR: https://www.ndr.de/geschichte/chronologie/Weihnachtsmarkt-Geschichte-Von-der-Versorgung-zum-Vergnuegen,weihnachtsmarkt1370.html 

Joe Perry (2010): Christmas in Germany: A Cultural History, University of North Carolina Press

Rüdiger Zill (2015): "Feiern des Gefühls: Zur arbeitsteiligen Kultivierung der Emotionen im Ensemble der Feste", in: Die Ambivalenz der Gefühle: Über die verbindende und widersprüchliche Sozialität von Emotionen, Jochen Kleres, Yvonne Albrecht (Hrsg.), Springer VS

Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Weihnachten, https://de.wikipedia.org/wiki/Weihnachtsbrauchtum_in_Deutschland, https://de.wikipedia.org/wiki/Weihnachtsmarkt 

 

Dieser Artikel ist unter der Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz veröffentlicht. Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.