Nichtsdestotrotz ist Weihnachten auch ein Fest der Solidarität. In Großbritannien und den USA gehören die Blaskapellen der Heilsarmee, die Geld für den guten Zweck sammeln, genauso zum Advent, wie ein üppig geschmückter Baum. Und nicht umsonst stellt A Christmas Carol (1843) von Charles Dickens die (christliche) Nächstenliebe ins Zentrum des Weihnachtsfestes. Auch in Deutschland wird an und um Weihnachten besonders viel gespendet.
Statt auf die Almosen der Wohlhabenden zu warten, nutzt die Arbeiter*innenbewegung das Weihnachtsfest zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf besonders kreative Weise, um auf ihre Belange aufmerksam zu machen. Im Arbeiter-Theaterverlag Alfred Jahn erscheint eine neue Version von „Stille Nacht, Heilige Nacht“, die schlechte Arbeitsbedingungen, Armut und politische Verfolgung anprangert . Die letzte Strophe geht folgendermaßen:
„Stille Nacht, Heilige Nacht! Arbeitsvolk aufgewacht! / Kämpfe mutig, verzage nur nicht/ bis die Weihnacht der Menschheit anbricht, / bis die Freiheit ist da!“
Wenn Sie auf dem Weihnachtsmarkt also wieder einmal zwischen Menschenmassen und Bratwurstbuden gefangen sind, wenn Sie 10 Euro für einen Glühwein bezahlen und 30 Minuten dafür angestanden haben, wenn Sie sich über die Fahrgeschäfte ärgern, dann denken Sie daran: Sie stehen metaphorisch neben Ludwig Tieck und Thomas Mann! Die Enttäuschung angesichts der Gegenwart und die Sehnsucht nach einer einfacheren, preiswerteren, besinnlicheren, besseren Weihnachtsvergangenheit ist eine alte Weihnachtstradition. Damit: Frohe Feiertage, Ho Ho Ho und Gloria in excelsis Deo!