Sein Sefer Hashlamat ha-ṭevaʿ we-ha-mezeg aber ist eine Übersetzung des De virtutibus simplicium medicinarum des Johannes von Sancto Paulo, eines medizinischen Autors, der Ende des 12./Anfang des 13. Jahrhunderts schrieb. Darin geht es um Simplicia, also einfache Heilmittel, die nicht aus mehreren Bestandteilen bestehen. Obwohl kein constantinisches Werk, steht es dennoch klar in seiner Tradition und nutzt Constantin als wichtige Quelle.
In der Zusammenschau ergibt sich das Bild eines mittelalterlichen Migranten, der als Gelehrter und Übersetzer in doppeltem Sinne über Herkunfts- und Religionsgrenzen hinweg wirkte: Durch seine Übersetzungstätigkeit trug er erheblich zum Wissenstransfer aus dem arabisch-islamischen in den lateinisch-christlichen Raum bei. Seine übersetzten Autoren waren Zoroastrier, Muslime und Juden. Das Überschreiten dieser Grenzen setzte sich in der Rezeption seiner Werke über Constantins Tod hinaus fort. Seine Werke wie der Liber Pantegni wurden vielfach in christlichen Klöstern und Kathedralschulen kopiert und rezipiert, beeinflussten indirekt die Herstellung von Kunsthandwerken, die in der christlichen Liturgie Verwendung fanden und wurden auch in Kreisen jüdischer Gelehrter tradiert.
Der Raum des heutigen Deutschlands spielte in der Constantinus-Forschung – anders als z. B. das normannische England – bis jetzt eine untergeordnete Rolle. Erst in der jüngsten Forschung haben Historiker*innen damit begonnen, auch das Regnum Teutonicum als Ort der Rezeption näher unter die Lupe zu nehmen. Hier sind noch viele spannende Fragen zu beantworten!
Zum Autor: Mohamed Qassiti ist Student der Geschichte und Germanistik. Er schreibt und forscht hauptsächlich zum mittelalterlichen Euromediterraneum, v. a. zum arabisch-lateinischen Wissenstransfer.
Quellen
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Forschungsliteratur
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